13 / 04 / 2010 - 12:47 Uhr

Ist doch nur eine Gitarre

Dorothea Sundergeld

Das Ding verändert Realitäten (Foto: Thomas Rusch)

Das Ding verändert Realitäten (Foto: Thomas Rusch)

Ich liebe Flohmärkte. Dort bekommt man einfach alles, von dem man nie damit gerechnet hätte, das man es brauchen könnte. Zum Beispiel einen Pottwalzahn aus der Zeit, als meine Straße noch Harpunierstrasse hieß und mein Viertel noch keine Latte-Macchiato-Meile, sondern Hamburgs Walfängerviertel war. Die beste Ausbeute des letzten Wochenendes aber ist diese E-Gitarre in Form einer AK-47. Was für ein Objekt! Es überschreitet Grenzen, bricht Tabus und geht noch ein Stück weiter. Es ist gewaltverherrlichender Kitsch und noch viel mehr! Die Macho-Insignien zweier Welten – der des Rockstars und des Kriegers – sind darin vereint und machen sich übereinander lustig. Großartig.

Das beste aber ist: Sein Besitz verändert Realitäten. Wenn ein Mann dieses Objekt an einem Samstag Nachmittag durch ein belebtes Viertel trägt, bekommt er extrem positive Resonanz. Junge Männer halten Daumen nach oben, lachen und fragen, ob sie mal anfassen dürfen. Als Frau wird einem mit der Kalashnikov-Gitarre eine andere Aufmerksamkeit zuteil. Zumindest, wenn man nicht glaubwürdig wie die Frontfrau einer Death-Metal-Band aussieht. Manche Leute haben Schwierigkeiten, ihren Unterkiefer zu kontrollieren. Andere blicken mißbilligend-moralinsauer oder lachen irritiert – und fragen sich vermutlich, ob das ein Spielzeug für den pubertierenden Sohn ist.

Eigentlich haben wir die Gitarre für unseren Freund Laurent gekauft, einen Performancekünstler, der gern Männlichkeitsrituale zerkocht. Zum Beispiel, indem er eine Nacht lang sich und sein Motorrad in einem Pariser Schaufenster fotografiert oder, verkleidet in einem Ganzkörper-Penisoutifit, mit einer Schlagzeugerin im Vulvakostüm, sehr disharmonisch Gitarre spielt bis beide vor Erschöpfung zusammenbrechen. Jedenfalls dachten wir, dieses Instrument könnte ihn inspirieren.

Aber inzwischen bin ich unsicher, ob ich auf die Gitarre noch verzichten kann. Sorry, Laurent. Ich muß damit noch ein paar Sachen regeln. Die Flughafen-Security passieren. Eine Band gründen. Vielleicht setze ich mich als Schwarze Witwe unter die S-Bahnbrücke und spiele „Ein bisschen Frieden“.

13 / 04 / 10 - 12:47 Uhr

Tags: Design

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1 Leserkommentar vorhanden

spiegeleule

18:40 Uhr  

20 / 04 / 2010 //