02 / 03 / 2010 - 20:42 Uhr

P wie Perfekt

Florian Waldvogel

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Letzte Woche reiste unser Kuratorenseminar zur Ausstellung “Element6” von Christoph Büchel in der Wiener Secession. Wir trafen uns am Flughafen Fuhlsbüttel und was nach dem Einchecken und den Kontrollen geschah, versuche ich hier in Worte zu fassen:

Dem Romancier Marcel Proust zufolge sind die wahren Paradiese stets die, die man verloren hat. Nicht so am Flughafen Fuhlsbüttel. Dort gibt es nämlich die Dunhill Raucherlounge, mitten im Flughafen. Wo andere öffentliche Plätze fragwürdigen Interessen nachgeben, baut man im Flughafen Fuhlsbüttel eine Raucherlounge aus rostfreiem Stahl, Teakholz und feinstem Leder. Der Eintritt in die transzendentale Obdachlosigkeit.

Die Dunhill Raucherlounge ist eine Geschichte, ein einzigartiges und bis zum Äußersten verdichtetes Drama mit Rauch, oder eben auch nicht. Manchmal passiert nichts Besonderes, dann ist das Drama – z.B. eine Zigarette zu besitzen aber kein Feuerzeug dabei zu haben – rein psychologischer Natur. Raucher setzen eine Art von absoluter Erfahrung in die Welt: die öffentlichen Darstellung äußerster Grenzen.

Rauchen ist eine Sprache, ein höchst kunstvoller Dialog zwischen dem Raucher und seiner Zigarette. Es ist eine geschlossene, auf sich selbst bezogene Welt, mit Nichts zu vergleichen, außer vielleicht mit jenen Religionen, in denen der Mensch sowohl frei als auch determiniert ist, besessen von einem Willen, der dem Willen Gottes gleichgestellt ist. Puritanische Sensibilität hätte an einer Raucherlunge oder an einem Raucherbein, als gerechte Strafe für die vielen unachtsamen Momente, keinen Anstoß genommen.

Die Dunhill Raucherlounge ist in ihren intensivsten Momenten, ihrer Schönheit, dem Rauch und der Verzweiflung ein ungebrochenes und machtvolles Bild. Es ist das Leben selbst und mit jeder performativen Aneignung werden wir Zeuge einer Kommunion des Rauchers mit sich selbst, die über die Psyche der Zigarette erfolgt.

Die Raucherlounge ist ein Ort des nikotinreichen Aufstiegs und des unwiderruflichen Abstiegs, abwechselnd Entsetzen und Entzücken erregend, ein Ort der Wunder.

Rauchen verlangt nicht unbedingt ein sehr komplexes und differenziertes Können und ist somit eine äußerst zivilisierte Sache. Der beste Raucher ist nämlich derjenige, der am meisten genießt. Daher der elektrisierende Effekt, den es auf die Beteiligten ausübt, wenn die natürliche Begegnung zur Symbiose wird, wenn ein Raucher Stil hat und das Inhalieren eine qualitativ andere Dimension bekommt. Nikotin am Zeige- und Mittelfinger ist der Beweis, dass alles echt ist, und Raucher sind berechtigterweise stolz auf ihre gelben Finger.

Während das, was man die Spiritualität des Rauchens nennt, normalerweise von den Softpacks auf die Akteure übergreift, finden wir auch das Gegenteil, die Verhinderung von Spiritualität und Subtilität: schlechte Raucherecken, Ordnungsdienste oder Antirauchernazis, die das Gegengewicht zu den urtümlichen Emotionswellen bilden, die gegen den rostfreien Stahl der Aschenbecher branden.

Die Stärke der Dunhill Raucherlounge liegt in der Erkenntnis, dass Raucher anders sind, wenn sie still genießen und durchs Fenster mit großen Augen angegafft werden. Es ist dieses Erkennen der eigenen Ausgeschlossenheit, einer Ausgeschlossenheit aus der kodifizierten Welt des Rauchens, was der Analyse dieser Raucherlounge ihre Kraft verleiht. Es müsste einfach mehr Paradiese wie diese geben, die mit ihrer metaphysischen Einbildungskraft uns wie eine Liebesschwade in der Nase bleiben.

Einzige Wehrmutswolke dieser Lounge: sie ist nicht von Roth-Händle. Trotzdem danke.

02 / 03 / 10 - 20:42 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

8 Leserkommentare vorhanden

B.Stautmann

12:54 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

“und was nach dem Einchecken und den Kontrollen geschah, versuche ich hier in Worte zu fassen:”

Herr Waldvogel, was geschah denn nach den Kontrollen. Die beschriebene Raucherlounge ist. Wiedermal belanglose Ausschwafeleien. Danke, dass Sie solche Formulierungen finden, aber packende oder unterhaltsame Inhalte wären mir lieber. Es zwingt Sie doch keiner hier abzuliefern oder?

Jürgen B.

17:26 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

Und wie war denn nun eigentlich die Ausstellung von Christoph Büchel? Und hat das “Kuratorenseminar” die “Installation” auch nachts besucht? Das würde mich ja mal interessieren…

N.Grossien

10:59 Uhr  

04 / 03 / 2010 // 

Lieber Hherr Waldvogel,
endlich mal eine gute Meldung. Bisher war mir die Raucherlounge nicht bekannt, obwohl ich öfter diesen Flughafen benutze. Zur Büchelausstellung habe ich ja schon genug aus der Presse erfahren. Aber mal ehrlich hattet ihr Sex……?

Simon

12:27 Uhr  

04 / 03 / 2010 // 

Ich gehöre zur Kuratorenklasse von Florian Waldvogel und war in Wien dabei. Es war Wahnsinn! Ich hoffe, Herr Waldvogel schreibt über unseren Besuch der Büchel-Ausstellung!

Verena

21:26 Uhr  

07 / 03 / 2010 // 

Das hoffe ich nicht. Ich war zufällig dabei, als Waldvogel mit seiner Klasse im Element6 auftauchte. Und das war nicht schön.

Hurzi

13:10 Uhr  

10 / 03 / 2010 // 

Da kann man noch so idealisieren, Rauchen stinkt, löst todbringende Krankheiten aus und ist 20. Jahrhundert!!!

W. Nerdinger

8:28 Uhr  

11 / 03 / 2010 // 

Das finde ich auch. Genauso wie Alkohol trinken. Ich finde gut, das Baden-Württemberg das gesetzlich vorgeschriebene Alkoholverbot eingeführt hat. D.h., in Tankstellen, Kiosken und Supermärkten darf zwischen 22h und 5 h kein Alkohol mehr verkauft werden. Und ich hoffe, in 5 Jahren haben wir ein generelles Alkoholverbot an allen öffentlichen Plätzen in Deutschland.

D.Petri

13:58 Uhr  

11 / 03 / 2010 // 

Ich wäre auch für eine totale Straight-Edge-Kultur!