25 / 02 / 2010 - 17:32 Uhr

Kreatives Web-Design weltweit ächten!

Till Briegleb

Es kann ja nicht darum gehen, etwas zu finden

Es kann ja nicht darum gehen, etwas zu finden

Netz-Recherche ist nichts für Weicheier. Vor allem, wenn man herausfinden möchte, was junge aufstrebende Architekturbüros so treiben. Denn deren Vorstellung von informativer Gastfreundschaft ohrfeigt jeden Neugierigen mit großer Ausdauer. Da sie offenbar nicht genug Zeit auf der Baustelle verbringen dürfen, verwenden diese falsch verstandenen Baumeister all ihre Energie da rein, einen unheimlich kreativen Web-Auftritt zu entwerfen. Und diese Angebote leisten dann in der Regel vor allem drei Dinge: Sie sind so übersichtlich wie ein Ameisenhaufen, so navigationsfreundlich wie ein Seesturm und sagen über Architektur so viel aus wie Opis Briefmarkensammlung. Hier einige besonders gelungene Versuche, Bauherren, Journalisten und andere Idioten in die Flucht zu schlagen.

Gruppe 1: Comeback der Posterwand.

Zu diesem postpubertären Zettelwirtschaften gehört die obige Grafik. Eine Wand aus Mini-Icons und Buchstabenkürzeln verweigert jede vernünftige Orientierung und Unterscheidung. Wer sich nicht schon woanders informiert hat, wofür Projektnamen wie 12T, Ff, oder Cy stehen könnten, findet hier einfach gar nichts. Natürlich kann man nach dem Zufallsprinzip auf die Krawatte, das Kreuz oder die Kirschen klicken, aber schon für die einfache Frage, wo die gebauten Projekte dieses Büros zu finden sind, kann man Stunden mit frustrierenden Versuchen verbringen, die Logik des Aufbaus zu verstehen. Hätten die Fitzler die Zeit, die sie für die Erfindung schwachsinniger Bilderrätsel benötigt haben, dafür verwendet, Projektinformationen auch in Englisch aufzubereiten, wären sei vielleicht längst wieder bei der Arbeit, für die sie auch ausgebildet wurden.

Grupoarena

Gruppe 2: Der belebte Informationsschlamm

Angeln im braunen Wasser des Yangtse ist vermutlich ein Erfolgserlebnis gegen den Versuch, aus diesem halbtransparenten Bildersumpf irgend eine Information zu fischen. Ineinander kopierte unidentifizierbare Abbildungen (von Projekten? von Symbolen? vom Hausmüll der Architekten?) lassen beim Vorbeifahren mit der Maus irgendwo Schriften wie giftigen Nebel auftauchen, die längst wieder verschwunden sind, bis man mit der Maus dort angelangt ist.

cloud

Gruppe 3: Wann war Space Invaders? Richtig: 1978

Um herauszufinden, wo sich auf dieser Seite die Informationen überhaupt verbergen, wird man verleitet, mit der Maus über den Bildschirm zu ballern wie beim primitivsten Ego-Shooter – nur hilft das leider nichts. Der graue Pixel-Ring wabbert über die Seite, hat aber keine Funktion, ein kleiner Ball links unten ploppt mit einem nervtötenden Geräusch auf und ab, hat aber keine Funktion, und die Schriften liegen da einfach so rum, haben aber keine Funktion. Wenn man dann endlich vor lauter Irr-Reizen die blaue 9 getroffen hat, erfährt man etwas über das eine Gebäude, das Cloud 9 bisher gebaut haben, und über viele Künstler-Projekte, die alle irgendwie wolkig sind.

Coll Leclerc

Gruppe 4: Das Ende aller Freundschaft

Diese Seite will nur eins: Dem User unmissverständlich erklären, was für ein Arsch er ist, sich für die Arbeit des Büros zu interessieren. Die 365 winzigen Informationsziegel, die keinen Hinweis auf ihre Hinterlegung geben, lassen nach dem Klick winzige Fenster aufploppen (manchmal auch nicht), in denen winzige Bildchen und unleserliche Schrift dafür sorgen, dass man das Büro Coll-Leclerc hasst, egal wie gut ihre Architektur sein mag.

Selgas cano

Gruppe 5: Sieht scheiße aus und funktioniert auch nicht.

H Arqui 1

Gruppe 6: Die Welt der Querschläger

Wohin man hier mit der Maus zieht, verfolgt einen das weiße Band. Die weißen Flächen sind Projekte, das kann man sich irgendwie denken, aber was für welche, das erfährt man nur, wenn man darauf klickt. Dann baut sich eine umständliche neue Seite auf, wenn man Glück hat, sogar mit etwas, das einen interessiert. Überblick ist hier so unmöglich wie systematische Suche, und die grafische Idee ist so langatmig wie die betrunkene Nacherzählung eines langweiligen Films. Wer möchte hierher wiederkommen?

Wimmel

Gruppe 7: Augenarzt 1

Auch das möchte man nicht, den Mikrofilm als riesige Fototapete. Um festzustellen, welches der zahllosen Gebäude in der Darstellung von 10x12 Pixeln der näheren Betrachtung wert sein könnte, muss man so nahe an den Bildschirm gehen, dass die Augen zittern, schielen und tränen. Wenn dann auch noch die Kirchturmuhr zwölf schlägt, wird man blind.

Morales gilles

Gruppe 8: Augenarzt 2

Wenn Sie auf die Schrift hier blicken, werden Sie festellten, dass Ihr Sehschaden nicht schlimmer geworden ist. Diese Website ist so unscharf. Ganz, ganz blass sind irgendwo auch Schriften versteckt und mit der Maus schafft man radierte Bahnen, die ein klitzekleines bisschen besser Sicht machen. Falls man die Worte finden sollte, entdeckt man dahinter sieben Bilder, davon drei Modelle.

Black White

Gruppe 9: Es geht auch einfach hässlich.

Würden Sie sich von diesem Herren etwas anderes bauen lassen, als Ihren Parkplatz? Oder vielleicht noch einen Bunker?

NoMad

Gruppe 10: ???

Hier steht, immerhin auch auf Englisch, dass Ihnen der Flash 5 plugin fehlt. Der fehlt Ihnen aber gar nicht. So bleibt der Bildschirm dunkel. Ist nach all dem kreativen Unsinn ja vielleicht auch besser so.

25 / 02 / 10 - 17:32 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

11 Leserkommentare vorhanden

* Alain

10:10 Uhr  

26 / 02 / 2010 // 

Endlich bringt's mal jemand auf den Punkt! Das musste wirklich mal gesagt werden – auch ich verzweifel regelmäßig an diesen Pseudo-Kreativ-Kunterbunt-Durchgeknall-Coolen Webseiten – bei der mal alles, außer Infos, die man sucht, findet! Neben Architekturbüros sind solche Chaoswebseiten auch noch bei Fotografen und Designern sehr beliebt!

Ken Ulrich

13:36 Uhr  

27 / 02 / 2010 // 

und noch etwas, um die diskussion - hm, meinen monolog – auf facebook um den entscheidenden punkt, der stets schwelte, mir aber nicht bewusst wurde, um einen entscheidenden punkt zu ergänzen: die headline solltet ihr dann doch ändern. dachte, dass diese geschichtliche bildung bei gruner+jahr zur einstellungsvoraussetzung gehört. schonmal vom Schlagwort "Jude verecke" gehört? http://www.welt.de/politik/article1147045/Weltkriegsbunker_ist_Pilgerstaette_fuer_Neonazis.html

Till Briegleb

17:23 Uhr  

01 / 03 / 2010 // 

Lieber Ken Ulrich, mit all den sehr humorlosen Kommentaren auf Facebook haben Sie natürlich unrecht, aber mit der Bemerkung zu der Überschrift vielleicht doch. Man soll es mit dem politisch unkorrekten Humor in der Öffentlichkeit eventuell nicht zu weit treiben, auch wenn diese Wendung seit Jahrzehnten im vollen Bewusstsein der historischen Herkunft – die übrigens weit über Juda verrecke hinaus geht – im ironischen Gebrauch ist.
Kreative Grüße

koch

21:32 Uhr  

01 / 03 / 2010 // 

- und ich dachte, die Seuche der Flash Seiten wäre langsam am abebben.

?facebook? ?monolog? ?headline? schon geändert?
?hab ich was verpasst?

KEN ULRICH

17:09 Uhr  

02 / 03 / 2010 // 

oh, da haben wir wohl nicht nur eine unterschiedliche auffassung der kreativen selbstdarstellung im netz, sondern auch von humor.

ich bin davon ausgegangen, dass ihr provokanter tonfall vor allem der ursprünglichen headline - oder auch formulierungen wie "sieht scheisse aus" – zu einem diskurs einladen und pageimps generieren sollte und mich auf einen begeisterten schlagabtausch eingestellt.

meine empfehlung für den baumarktkatalog hat mich selbst jedenfalls herrlich amüsiert – dass dann nur friends and family zur polemischen verteidigung eingesprungen sind, hat meinen humor zugegebenermassen ausgebremst.

ist wohl sehr menschlich, dass jemand – in diesem Fall die institution 'art', der sich in einer schiedsposition wähnt und einen Pranger aufstellt, bemerkenswert empfindlich reagiert, wenn er selbst ins kreuzfeuer gerät...

mit der neuen head nun aber zumindest teilbesänftigt wünsche ich noch einen guten tag.

BASTIAN

9:33 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

Der Winkel der Betrachtung scheint mir bei diesem Artikel sehr spitz zu sein. Das hat natürlich etwas mit den klassischen Ansprüchen an eine Webseite zu tun. Lesbarkeit, Navigation...von Barrierefreiheit will ich nicht erst anfangen. Dennoch möchte ich eine Lanze brechen für diese chaotischen Seiten, denn nicht umsonst wurde hier der Kunstbegriff verwendet- und Architekten sind nunmal auch Künstler- Baukünstler. Diese Attidüde auszuleben scheint ein wichter Beweggrund für ihr experimentelles Webdesign zu sein. Und mit der Kunst verhält es sich ja folgendermaßen: Sie hat keine Funktion zu erfüllen und keine Erwartungen. Der Betrachter kann sich darin wiederfinden, oder sie ablehnen. Der Kunst ist das egal.

Beate

17:28 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

Ich sag nur: Politisch korrekter Humor verrecke!

Ken Ulrich

18:31 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

Na, dass da keine bessere bzw. gute Alternative kommt liegt am grundproblem: er kanns nicht.

florian fischer

18:59 Uhr  

03 / 03 / 2010 // 

warum so auf die architekten losgehen? und dann, vielleicht fällt das mal jemandem auf, auch nur auf die spanocken. war das unkorrekt genug? till briegleb hat natürlich recht mit seiner feinen auswahl, nur wie kommt er eigentlich auf die - eben - architekten? wohl kaum einer wird sein zeug da selber zusammenschustern und sich eher den unfug von irgendeiner "kreativ"-agentur als den letzten schrei verkaufen lassen. selber schuld. jetzt muss ich aber gleich mal nachschauen, ob unsere nicht auch zum verrecken ist. in bayern hoast's va'reck'n. und jetzt mal kein g'stell machen von wegen diesem wort. gestern bei uns, ein sinnspruch, im radio: "s'weiba steam is koa va'deam, aba's roos va'recka" (das weiber sterben ist kein verderben, aber das rösser verrecken). in diesem sinne

Ingo Vogelmann

11:33 Uhr  

09 / 03 / 2010 // 

Architekten sind ein seltsames Völkchen.

Gert Kähler

9:25 Uhr  

02 / 07 / 2010 // 

Lieber Herr B., ich hatte immer mal vor, etwas über die bescheuerten und in-informativen Webseiten von Architekten zu schreiben - wie immer (naja, fast immer) waren Sie schneller. Ich hasse es, eine Information zu suchen (wann hat dieser Architekt jenes Haus gebaut?) und dann seiner fehlgeleiteten Gestaltungswut anheim zu fallen!

Danke!