Leaving Las Moscow
Till Briegleb

Ein Anfang ist gemacht: Porno-Bilder aus Grosny in Moskau auf der Werbe-Screen
In Tschetschenien haben sie es endlich begriffen. Um die russische Konsum-Diktatur zu bekämpfen, ist die terroristische Eskalation das falsche Mittel. Was es im Zeitalter der digitalen Selbstbefriedigung braucht, um ein selbstgerechtes System zur Erschlaffung zu bringen, sind Porno-Hacks auf Werbeschirmen. Als an einer Moskauer Ausfallstraße letzte Woche für Minuten ein Hardcore-Video lief, kam selbst der stockende Verkehr auf den verstopften Tangenten der Stadt noch zum Erliegen. Urheber des Angriffs, so fand die Staatsmacht schnell heraus, war eine Adresse in Grosny, die Stadt, die das russische Militär zu Schrott geschossen hatte, die heute aber wieder aufgebaut ist und sogar einen Fußballverein in der ersten russischen Liga hat.
Gerade in Moskau ist diese Form der Guerilla-Taktik erfolgsversprechend, denn die Fixierung auf die kommerziellen Oberflächen, die in Moskau wie in kaum einer anderen Stadt im Kontrast zum deprimierenden Defizit an Schönheit, Geschmack, Freiheit und Debatte steht, hat dazu geführt, dass das wahre Gesicht dieser Atrappen-Metropole hinter einem Eismeer an flimmernden Video-Leinwänden und Monster-Prospekten verschwindet. Ein paar Beispiele:

Das historische Hotel Moskwa wurde abgerissen und original wieder aufgebaut. Während der Bauphase verschwand es hinter der größten Rolex-Reklame der Welt.

Auch das Hotel Rossija, das größte Hotel Europas, wurde gesprengt, um einem von Norman Foster geplanten Viertel Platz zu machen. BMW ließ auf dem Bauzaun Autos befestigen.

Auf der Lenin-Bibliothek prangt seit vielen Jahren diese Samsung-Reklame und überstrahlt den gesamten Kreml

Größer geht immer
Diese Moskauer Sucht nach Konsumbotschaften muss der Digitalterrorist natürlich nutzen, um die dumpfe Herrschaft der Gier zu triezen. Das haben allerdings vor den Tschetschenen auch schon andere entdeckt. Hans-Ulrich Obrist, der Schweizer Welt-Kurator, hat nach einem ersten ähnlichen Projekt in Korea vor zwei Jahren auch in Sichtweite des Kreml eine riesige Videoleinwand mit Kunstvideos bespielt. Vor allem das wachsame Pantherauge, das die Autofahrer des Kitaygorodskiy-Boulevards fixierte (eine Arbeit von Douglas Gordon) zeugte von dem irritierenden Potential solcher Interventionen – allerdings war diese Aktion finanziert von Roman Abramowitsch’ kunstbegeisterter Frau Darjia Schukowa und also legal.

Big Panther is watching you
Jetzt aber, wo tapfere Kommerz-Partisanen bewiesen haben, wie einfach es ist, eigene Inhalte auf die Videoleinwände der 10-Millionen-Stadt zu spielen, sind der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Vor allem außerhalb Russlands, wo Putins Schergen keinen Zugriff haben, ist das Feld für die Freibeuter der Medien bereitet. Die Bildarchitektur Moskaus – und bestimmt auch anderer Metropolen – kann zu einem Facebook der Dissidenz werden. Der Stadt kann das nur gut tun.
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Es geht doch nicht darum, die Ausstellung zu verbieten. Mein...
Nun hört's aber auf, der eine findet es ekelhaft und der and...
Ich frage mich, warum die Art-Redaktion die Artikel von Wald...
Ekelhaft!...
Einfach perfekt.Es ist doch in der Tat sehr anerkennenswert ...
Ich wäre auch für eine totale Straight-Edge-Kultur!...
Das finde ich auch. Genauso wie Alkohol trinken. Ich finde g...
Da kann man noch so idealisieren, Rauchen stinkt, löst todbr...
Architekten sind ein seltsames Völkchen....
Etwas mehr Sachverstand, oder ansonsten etwas weniger Polemi...