27 / 01 / 2010 - 16:33 Uhr

N wie Nix Manifesta

Florian Waldvogel

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Die Begriffe „Education“, Ausbildung und Wissensproduktion sollten bei der Manifesta 6 im September 2006 in Nicosia, Zypern, auf transdisziplinäre Weise thematisiert werden. Die Idee war, anstatt nur ein weiteres Ausstellungsevent zu konzipieren, eine Infrastruktur in Form einer Kunstakademie in Nicosia zu etablieren, um ein kreatives Milieu zu erzeugen, von dem aus verschiedene kulturelle Produktionsansätze weiterentwickelt werden sollten. Die Mittelmeerinsel Zypern, deren griechischer Südteil seit Mai 2004 EU-Mitgliedstaat ist, eignete sich aufgrund seiner Geschichte und seiner geopolitischen Bedeutung (sie wird von 3 Kontinenten flankiert) in idealer Weise für ein zukunftsgerichtetes Projekt, in dessen Mittelpunkt neue Wege und Modelle der Vermittlung von Wissen und „Education“ stehen sollten. Die vielfältigen diskursiven Aktivitäten in der letzten geteilten Hauptstadt der Welt sollten den Übergang von der interdisziplinären zur transdisziplinären „Education“ im Kunstbereich hinterfragen. Mit dem Projekt m6school hätte dieser Wandel kritisch markiert werden können.

Eine Biennale wie die Manifesta ist ein gesellschaftliches Medium. Selbst wenn vielleicht nicht jede einzelne der dort gezeigten Arbeiten eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, so tut es die Ausstellung insgesamt. Sie bietet eigentlich das ideale Umfeld, um verschiedene Formen des Ausstellens zu entwickeln und zu erproben. Grundlegender Bestandteil ist dabei die Reflexion auf bisher erprobte Modelle, um zeitgenössische Ausstellungs- und Institutionsformate  - in steter Relation zu aktuellen Tendenzen in der Kunst sowie ihrer Betrachter – auf- und ausbauen zu können und sich als Institution stets neu zu hinterfragen.

Es ging mir grundsätzlich um die Frage der „Education“ als Ausstellungsformat und um Diskussionen, Seminare, Workshops etc. als Praxisform und deren Vermittlungsdisplay. Schulen und Universitäten verlieren zunehmend ihre einstige gesellschaftspolitische Autonomie, sie werden zu Orten der beruflichen Qualifizierung. In einer solchen Situation wächst Kultureinrichtungen ein neues Aufgabengebiet zu: Neue Modelle der Ausbildung zu erproben, die nicht ausschließlich der Berufsqualifizierung dienen. Da sie traditionell schneller und flexibler auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, könnten sie Ausbildungsmodelle von morgen entwickeln.

Meine m6school wurde von einem „Education“-Programm dominiert, das sich vor allem der politischen Kulturproduktion und dem Kampf für kulturelle Freiheiten verpflichtet sah. Dieses Angebot verknüpfte sich mit dem Auftrag, sich selbst zu organisieren und vorhandene Strukturen kreativ zu nutzen, um an den politischen und sozialen Zukunftsfragen der Gesellschaft mitzuwirken und Lösungsansätze zu entwickeln.

Die kulturelle Praxis an der m6school sollte Kultur- und Wissensproduktion mit gesellschaftlichem Handeln durch charakteristische Methoden des kritischen Lesens von sinnstiftenden kulturellen Praktiken verbinden. Die m6school sollte eine intellektuelle Praxis verkörpern, deren Aufgabenstellung darin bestand zu fragen, wie dem alltäglichen Leben von Menschen durch kulturelle Praktiken politischer Sinn gegeben werden kann.

Ein spezieller KuratorInnen-Kurs hätte z.B. diskutiert, wie Menschen innerhalb politischer und ökonomischer Strukturen, kulturelle Möglichkeiten und Spielräume für individuelles Handeln finden und wie diese genutzt werden können. Es ging bei diesem Kurs darum, die kulturellen Mechanismen und Strukturen zu untersuchen, die solches Handeln begünstigen, fördern oder einschränken. Gleichzeitig sollten konkrete politische Machtverhältnisse thematisiert werden, in denen Realitäten und ihre Wirkungsweisen konstruiert und gelebt werden.

Der KuratorInnen-Kurs hätte kulturelle Praktiken untersucht, die Bedeutungen produzieren, ebenso wie ihren ökonomischen oder politischen Kontext. Das Programm dieses Kurses war sowohl eine differenzierte Auseinandersetzung mit den sich ständig verändernden Beziehungen von Repräsentation, Diskurs und Macht als auch eine kritische Revision des Begriffs Kultur.

Die KuratorInnen-Rookies sollten lernen, sich selbst auszubilden und sich innerhalb des Lehrangebots selbst zu organisieren. Denn nur wer lernt, Selbstverantwortung zu übernehmen, der verfügt über die zentrale kuratorische Fähigkeit, auf transdisziplinäre Weise zu recherchieren, zu arbeiten und zu denken. Diese Personen werden in der Lage sein, sich ihren Wirkungsbereich innerhalb verschiedener Gesellschaften zu entwickeln.

Au revoir and not goodbye

Ende März 2006, während der Eröffnung der Berlin Biennale informierte man uns,  dass ein Teil der m6school nicht im türkischen Teil von Nicosia realisiert werden kann. Daraufhin wurden verschiedene offizielle und inoffizielle Gespräche angesetzt, die alle scheiterten. Bei der vertraglich vereinbarten Mediation wurden folgende Punkte, die zu klären gewesen wären, von unserem Auftraggeber, Nicosia for Art (NFA), ohne Kommentar abgelehnt: Transparenz des Budgets, Kommunikation des Projektleiters, Arbeitserlaubnis für die Kuratorin Mai Abu ElDahab, KünstlerInnenverträge, Cash Flow und die Etablierung eines Teil der Schule im türkisch besetzten Teil von Nicosia.

Die Begründung der NFA dafür, dass der Nordteil nicht offiziell in die Schule integriert werden könne, war, dass griechische Zyprioten an der Green Line ihren Ausweis vorzeigen müssten und das bedeutet, nach der Interpretation der NFA, keinen „Free Access“ zu den Spielorten, wie in unserem Vertrag festgeschrieben. Das galt natürlich auch für türkische Zyprioten, die aber von griechischer Seite bei dieser Diskussion gar nicht berücksichtigt wurden.

Bis Mitte Februar 2006 produzierte die NFA zahlreiche Dokumente wie Presseerklärungen, Interviews etc., in denen sie von einem bi-kommunalen Projekt auf beiden Seiten der Green Line sprach.

Uns – den drei KuratorInnen Mai Abu ElDahab, Anton Vidokle und mir – wurde im Mai 2006 fristlos gekündigt und es gab einen richterlichen Beschluss, der mir untersagte, inhaltlich über die Projekte, die für die Manifesta 6 entwickelt wurden waren, zu sprechen. Darüber hinaus forderte die NFA 250.000,- Zypern-Pfund Schadensersatz von mir. Auf der Art Basel im September 2006 teilte uns der Vorstand der International Manifesta Foundation (IMF) aus Amsterdam mit, dass sie uns in keiner Weise unterstützen werde, da sie an uns vertraglich nicht gebunden sei, obwohl Hedwig Fejin, die Direktorin der IMF, maßgeblichen Anteil am Scheitern dieses Projektes hatte und die Location schon feststand, noch bevor die KuratorInnen berufen wurden. Die Klage gegen mich wurde nach mehreren Verhandlungstagen vor Gericht in Nicosia im November 2006, nachdem ich eine Generalverzichtserklärung unterschrieben hatte, fallen gelassen.

27 / 01 / 10 - 16:33 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

B.Stautmann

18:22 Uhr  

30 / 01 / 2010 // 

Letztlich ist doch alles spitze so. Wenn es nicht so frühzeitig gescheitert wäre, wäre die Gefahr des Scheiterns der Ideen in der Praxis sehr hoch gewesen. Und diese Ideen wie "meine m6school" machen erfahrungsgemäß so wie hier aufgeschrieben immer mehr Eindruck als wenn man sich jetzt tatsächlich die "Rookies" in ihrem akademischen Feuchtbiotop betrachten würde.

Wieder die klassische Vorgehensweise: ob nun gegen die Wand gefahren oder nicht, auf die Nachbereitung kommt es an. So lässt sich selbst aus Misserfolgen noch etwas Mana schälen. Ich bin dem Waldvogel gewogen, sehen wir es als "Nachteilsausgleich".