25 / 01 / 2010 - 11:59 Uhr

Übermorgen Künstler, und vorher?

Baden Brothers

Warum sich junge Künstler vor Berlin fürchten und wie sie im Kunstverein Heidelberg Politik machen

v.l.n.r.: Johan Holten, Kestutis Svirnelis (Stuttgart), Florian Klette (Stuttgart), Jasmin Werner (HfG Karlsruhe), Naneci Yurdagül und der Schauspieldirektor des Heidelberger Theaters, Jan Linders. Foto: S. Baden

v.l.n.r.: Johan Holten, Kestutis Svirnelis (Stuttgart), Florian Klette (Stuttgart), Jasmin Werner (HfG Karlsruhe), Naneci Yurdagül und der Schauspieldirektor des Heidelberger Theaters, Jan Linders. Foto: S. Baden

Im Heidelberger Kunstverein, vergangenes Jahr ausgezeichnet mit dem AdKV-Preis für den besten Deutschen Kunstverein 2009, ist eine Ausstellung zu sehen, die das Potential der jungen Gegenwartskunst im Südwesten der Republik auslotet. Da die Stadt Heidelberg zwar die älteste deutsche Universität, aber keine Akademie der Bildenden Künste zu ihren Lehr- und Forschungsanstalten zählt, soll mit der Ausstellung „eine Brücke zur jüngsten Kunstszene in der Umgebung geschlagen werden.“ Unter der klugen Regie des dänischen Kurators Johan Holten, der mit zu den jüngsten Leitern deutscher Kunstvereine zählt, wurde eine Ausstellung zustande gebracht, für die aus vielen Bewerbern 26 Künstlerinnen und Künstler von Kunsthochschulen der Region ausgewählt wurden.

Der Ausstellungstitel „Übermorgenkünstler“ prophezeit dem Besucher mit einer starken Metapher die erfolgreiche Zukunft des Nachwuchses. In der großen Halle des Kunstvereins macht sich dann allerdings bald Ernüchterung breit, denn die Gruppenshow wirkt mehr wie die Jahresausstellung einer Kunstakademie, die eben mal hurtig von einer Jury (Reinhard Spieler, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen und Ulrike Lorenz, Kunsthalle Mannheim) zusammengestellt wurde. Tatsächlich ist die Show ein gelungener Lückenbüßer im Programm des Kunstvereins, geschickt genutzt für einen Auftritt der Jüngsten. Aus dem Blickwinkel z. B. der Karlsruher Kunstakademie ist lobend zu bemerken, dass in Heidelberg die Studierenden zum Zug gekommen sind, die an ihrer heimischen Hochschule noch im Schatten des Rampenlichts stehen.
Dennoch erweckt die gesamte Schau leicht den Eindruck eines allgemeinen Rip-Offs durch die Konzeptkunstgeschichte, Holten spricht von „narrativ aufgeladener Objektkunst“. Viele Werke zeigen sich orientiert am Zeitgeistsampling und greifen Themen auf, die im letzten Jahr aktuell waren. Auffallend sind die gekünstelten Provokationen wie bei Anahita Razmi (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart), die unter einem Pseudonym um die Verhüllung – oder vielleicht besser Verschleierung - des Azadi Towers in Teheran angefragt hat („Proposal for a wrapped Azadi tower“ 2009) oder das Miniatur-Minarett von Naneci Yurdagül (HfBK Städelschule Frankfurt), das mit dem Titel „Yes we can II“, 2008, den Wahlkampf-Slogan von Barack Obama aus Deutschland die rassistische Kampagne der Schweizer SVP kommentieren lässt. Beiden Künstlern kann man dafür danken, dass sie die Tradition der Gesellschaftsbeobachtung aufrechterhalten und an Kritik denken lassen, wenn auch in 2009 die Polemik gegenüber politischen Missständen nicht mehr so konkret ausfällt wie seinerzeit bei Klaus Staeck, dessen Poster im Nebenraum beim Kurpfälzischen Museum zu sehen sind. Einen präzisen Oneliner liefert daneben noch Micha Dengler (Stuttgart), dessen manipulierte Schreibmaschine den Benutzer nur noch eine selektierte Buchstabenkombination tippen lässt, die gemäß dem Titel der Arbeit auf die mächtigste Kapital- und Informationsmaschine der Gegenwart hinausläuft: „GOOGLE.“

Der Bosporus unter Elektroschocks. Ein Kommentar der Gruppe J.A.K. zur Kulturhauptstadt Istanbul 2010? Foto: S. Baden

Der Bosporus unter Elektroschocks. Ein Kommentar der Gruppe J.A.K. zur Kulturhauptstadt Istanbul 2010? Foto: S. Baden

Und ebenfalls angenehm politisch motiviert füllte das Stuttgarter Kollektiv J.A.K. ein dem Bosporus nachempfundenes Wasserbecken, das regelmäßig von einem Stromkabel mit knallenden Elektroschocks versetzt wird – denn die Kultur sprüht diese Jahr buchstäblich Funken in Istanbul.
Zugutehalten muss man allen jungen Künstlern (oder der Juryauswahl), dass die meisten Werke cum granum salis zu lesen sind, d.h. die Ideen sind clever, nur die Form wirkt irgendwie überholt – aber schließlich müssen sich die jungen Künstler zu Beginn ihrer Karriere auch an ihren alten Vorbildern abarbeiten. Zu diesen Vorbildern jedoch scheint nicht die konventionelle Malerei zu gehören. Wenn die Malerei heute totgesagt wird, kommt sie bestimmt übermorgen als Zombie wieder zu uns zurück. Vielleicht ist Michael Jackson der heimliche Subtext dieser Ausstellung, wenn er, zum „Michael Jackson Pollock“ mutiert (Marco Schmitt, Stuttgart), im Künstlervideo zurück in die Zukunft „drippt“,
Am Sonntag wurde nun in einem Künstlergespräch zum „Kulturfaktor Kunst“ diskutiert und die Frage nach dem Attraktionsfeld der künstlerischen Arbeit gestellt. Die Stadt Heidelberg wurde als Aufhänger der Diskussion zum Negativbeispiel der Kunstförderung stilisiert, da sich gerade hier eine junge Produzentenszene vermissen lässt. Die Diskussion wurde geführt von den Künstlern Kestutis Svirnelis (Stuttgart), Florian Klette (Stuttgart), Jasmin Werner (HfG Karlsruhe), Naneci Yurdagül und dem Schauspieldirektor des Heidelberger Theaters, Jan Linders. Dessen Anmerkung, dass die „kritische Masse“ der Betrachter erst überwunden werden muss, um dem Engagement der Kunst Anerkennung zu bringen, wurde gerne aufgenommen. Was ist zu tun, um das Publikum einer Stadt wie Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt oder Karlsruhe zu mobilisieren und für die zeitgenössische Kunst tauglich zu machen? Das erfordert viel Arbeit, Mut, Intelligenz, Charme und gute Werkstätten – basierend auf einem glücklichen Moment Überzeugungskraft vor dem städtischen Kulturamt. Denn nach der Akademie beginnt das harte Leben. Dieses Problem ist allen Künstlern vertraut, die nicht wohlgebettet auf dem Kissen des elterlichen Wohlstandes die Trauben des süßen Erfolges ohne Fron genießen, sondern gute Ideen auf kargen Äckern verdorren lassen müssen. Selbstverständlich drehte sich die Diskussion um das böse B-Wort, die große deutsche Hauptstadt und das „Atelier der Republik“. Nur leider hat sich dort der Hype rasch abgekühlt im letzten Winter, als viele Künstler vor den Türen geschlossener Galerien stehen mussten.

Der Hochsitz von Christoph Poetsch (Kunstakademie Karlsruhe), Foto: S. Baden

Der Hochsitz von Christoph Poetsch (Kunstakademie Karlsruhe), Foto: S. Baden

Wie kann es also weitergehen? Warum wählen junge Künstler aus dem Ausland immer noch Deutsche Kunstakademien zum Studium, und wo werden sie übermorgen ihre Ateliers aufschlagen? Gegenwärtig stehen immer mehr gut ausgebildeten Künstlern weniger Residencies und Stipendien zu Verfügung. Künstlern, die nicht malen, steht auch kein cooler Markt offen, zumal dieses Jahr ohnehin nur auf die Bluechip-Auktionen gesetzt wird. Für junge deutsche Künstler ist der Wettbewerb grausam verhartzt. Für Schweizer, Schweden, Niederländer und Künstler aus Osteuropa sind wenigstens die Fördertöpfe zu Hause und auf Europaebene noch gefüllt. Wie kann man den Künstlern von Übermorgen heute schon helfen? Johan Holten moderierte die Diskussion souverän und ließ es sich nicht verkneifen, vom „Jammern auf hohem Niveau“ zu sprechen. Wir sehen eine Generation von Wohlstandskünstlern, deren Lebensziel nicht dass Lebenswerk, sondern der Lebensstil geworden ist. Das Künstlergespräch konnte damit schließen, die jungen Künstler zu motivieren, ihre Ideen besser zu hinterfragen und konsequent zu Ende zu denken, ihre Non-Profit Räume wirtschaftlich zu leiten und dem Markt Material zu bieten, das nicht wie gestern aussieht. Die perfekte Metapher für diese Zukunftsaussichten stellte der Karlsruher Künstler Christoph Poetsch auf die oberste Ebene des Kunstvereins: Sein Hochsitz könnte die beste Übersicht über die Ausstellung bieten, aber er zeigt einen Aufstieg ohne Leiter und Boden.

25 / 01 / 10 - 11:59 Uhr

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