12 / 12 / 2009 - 2:23 Uhr

Kunst hinterm Komma

Ivo Wessel

Via Lewandowsky - Huch (1995)

Via Lewandowsky – Huch (1995)

Geruch ist messbar, das weiss ich von meinem Lieblingskünstler Via Lewandowsky. Die Masseinheit ist Olf, und so viel riecht ein Mensch, der 0,7 mal am Tag duscht und seine Wäsche wechselt. Wohin es führt, wenn Poesie messbar wäre, kennt man aus dem Film „Der Club der toten Dichter“: Dr. Dr. Prichetts Bewertungssystem lässt Lehrer Keating seine Schüler aus dem Lyriklehrbuch herausreissen.

Zahlen kann man schon eher berechnen. „On computable numbers and an application to the Entscheidungsproblem“ ist die bahnbrechende Schrift des jungen Alan Turing aus dem Jahr 1936 – 1 Lustrum bevor Konrad Zuse in der Berliner Methfesselstraße (um ein Haar hätte ich dort bei meinem Umzug nach Berlin 2000 Quartier bezogen) mit der Z3 den ersten funktionsfähigen Computer der Welt baute. Dessen Nachfolger Z4 war 1949 der einzige Computer in Europa und der erste kommerzielle Computer überhaupt. Ein Patent wurde abgelehnt, weil Zuses aus der Not geborenes „Massenspeichermedium“ (als Material seiner Lochstreifen verwendete er Film) das notwendige Innovationspotential abgesprochen wurde.

Turing, dessen mathematisches Genie im Entschlüsseln deutscher U-Boot-Funksprüche maßgeblich den zweiten Weltkrieg entscheiden half, wurde in Winston Churchills Literaturnobelpreisgekröntem Buch „Der zweite Weltkrieg“ nicht einmal erwähnt. Wegen Homosexualität nach dem Krieg vor Gericht und vor die Wahl zwischen Gefängnis und chemischer Kastration gestellt, entschied sich Turing, einen vergifteten Apfel zu essen. „The love that dare not speak its name“, heisst es in einem Gedicht von Oscar Wildes fatalem Freund Lord Alfred Douglas – alle drei, wie Franz Beckenbauer einmal in Bezug auf Rudolf Nurejew gesagt hat, „ein bisserl von der anderen Fakultät“.

Turings Buch in Gänze und viele Konstruktionszeichnungen in Zuses Autobiographie „Der Computer – Mein Lebenswerk“ sind bei aller Kryptik eine bleibende, schöne und empfehlenswerte Leseerfahrung. Für die meisten sicher weitestgehend unverständlich, aber doch mit jenem Rätsel Ästhetik gesegnet, das auch dem Briefwechsel Einstein/Bohr entströmt, wenn Einstein eine komplexe Formel Bohrs spontan als „nicht wirklich schön“ kritisiert, und Bohr tatsächlich nach Monaten des Nachrechnens an der betreffenden Stelle einen Fehler findet.

Zuse soll mit seiner Malerei zu Lebzeiten mehr Geld verdient haben als mit seiner, nunja, nicht ganz unwichtigen Erfindung. Als er im Alter unter dem Pseudonym „Kuno See“ Zeitgenossen portraitierte, tat er das überaus erfolgreich – anstelle geeigneter Betätigungsfelder verlieh man ihm zu seinem Bedauern aber lieber Doktorwürden und Ehrungen.

Vielleicht wird man im nächsten Jahr, wenn sich sein Geburtstag so ganz unbinär rundet – was sind schon Zehnerpotenzen für einen Informatiker! –, erkennen, dass seine Idee eines Analogcomputers bei dem demnächst anstehenden Dilemma der Digitalcomputerchips, die an ihre optischen Herstellungsgrenzen stossen, vielleicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Thomas Edison, dem man ja einige Dinge durchaus unverdient nachrühmt, hatte schliesslich auch auf Gleichstrom gesetzt, während der weitsichtigere Nikola Tessla, der den heute gängigen Wechselstrom erfand, nur Spezialisten bekannt ist. Auf den vielen Mont Everest-Bezwingerfotos ist ja auch immer wieder Sherpa Tenzing Norgay zu sehen – Sir Edmont Hillary hatte schlichtweg vergessen, ihn auch mal fotografieren zu lassen.

Dass Malerei mittels eines Kunstfaktors – (Höhe + Breite) x Faktor – kalkuliert wird, habe ich tatsächlich erst zu Beginn meines achten Lustrums, nach bereits vielen Jahren gänzlich unschuldigen Kunstkuckens, erfahren müssen. Wenn Künstler sich heutzutage mit ihrem Kunstfaktor (im konkreten Fall: 6,42) vorstellen, dabei auch noch eine nachkommaartige Genauigkeit jenseits von PI mal Daumen vortäuschen, die so absurd ist wie Einschaltquoten im alten Medium und die Anzahl von „Follower“ im neuen, und damit signalisieren, man solle als Sammler zuschlagen, bevor es zu spät ist oder andere es tun, bedauert man doch fast, dass sich die Erziehungs- und Züchtigungsmethoden seit Zuses Zeiten sehr geändert haben. Bücher? Doch, kann man zuschlagen. Notebooks? Hmhm, klappt man besser zu. E-Books? Blogs? Mache ich jetzt jedenfalls mal.

PS: Auch Suchanfragen sind übrigens messbar. Ein Google-Klick benötigt nach Angaben des vermutlich größten Computerverbrauchers der Welt so viel Energie wie eine 10-Watt-Glühbirne in einer Stunde. Auch wenn der energiesparende Verzicht auf zeit- und stromfressende Recherchen sicher nicht der Hauptgrund für die Verbreitung so vieler Halb- und Unwahrheiten im Internet sein dürfte...

12 / 12 / 09 - 2:23 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

3 Leserkommentare vorhanden

thw

20:39 Uhr  

19 / 01 / 2010 // 

Tessla mit zwei ss, nee eines reicht.

B.Stautmann

13:19 Uhr  

22 / 01 / 2010 // 

so iser halt, der ivo wesel.

T.Setzer

17:06 Uhr  

15 / 04 / 2010 // 

..bissel mau, was hier beim wessel (nicht) los ist.