26 / 11 / 2009 - 16:49 Uhr

Kunst im Kölner Stadt-Anzeiger

Baden Brothers

Leni Hoffmann streift mit einer Endloszeichnung die Politik

Leni Hoffmann in der Druckerei DuMont Schauberg, über ihre Schulter blitzt der Aktionsgast Bernd Müller (Foto: FGS)

Leni Hoffmann in der Druckerei DuMont Schauberg, über ihre Schulter blitzt der Aktionsgast Bernd Müller (Foto: FGS)

Die Künstlerin und Professorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Leni Hoffmann, hat über Nacht in Köln eine neue Endloszeichnung ihrer „Pizzicato“ Serie produziert. In einer Auflage von rund 138000 Exemplaren erschien am Dienstag der Kölner Stadt-Anzeiger mit der CMYK Linienzeichnung der Künstlerin.

Für die Kunst hat der Kölner Stadt-Anzeiger anlässlich dieser Aktion im Rahmen von Hoffmanns Ausstellung "RGB" im Museum Ludwig die Spalte der Politik-News auf Seite 3 frei geräumt, um der „radikalen Malerei“, wie Georg Imdahl in seinem Artikel die Künstlerin zitiert, ein Forum zu geben. Es ist eine große Geste, auf beiden Seiten, eine Partnerschaft, wie sie sich die Kunst in der Öffentlichkeit nicht besser vorstellen kann. Unter der Schirmherrschaft des Verlages DuMont Schauberg ist ein Kunstwerk ohne Ort entstanden, das unerwartet auf den Zeitungsleser trifft und den Kunstbetrieb mit einem Augenzwinkern zunächst aushebelt (die Zeitung erscheint in so hoher Stückzahl, dass von Edition keine Rede mehr sein kann - keine Chance also für den spekulativen Kunstmarkt) und dann schon auf der Titelseite das Unikat anpreist. Wie das? Nun, die Linienzeichnung ist gemalt, in einer neunstündigen Nachtschicht, während der Leni Hoffmann neben dem laufenden Papierband stehend die Farbe individuell aufgetragen hat, assistiert vom Druckmeister Jürgen Matschurek, und unermüdlichen Helfern. Am 25.11.2009 signierte die Künstlerin den fleißigen Zeitungssammlern ihre Unikat-Ausgabe zwischen 15 und 16 Uhr im Museum Ludwig und danach von 17 - 18 Uhr im Service Center des Kölner Stadt-Anzeigers.

Leni Hoffmann bei der Arbeit an "pizzicato 41", assistiert von Jürgen Matschurek (Foto: FGS)

Leni Hoffmann bei der Arbeit an "pizzicato 41", assistiert von Jürgen Matschurek (Foto: FGS)

Mit der künstlerischen Intervention von Leni Hoffmann erscheint die Malerei als Irritation neben dem Leitartikel in der Politik und setzt einen verstörend schönen Akzent reiner Druckfarbe neben den Störfall im US Kernkraftwerk Harrisburg. Und gerade dort, wo die Farbe die Linie verlässt und leichte Magentatropfen die Kühltürme des AKW besprenkeln, dort entsteht plötzlich ein Kommentar, der aus dem Zufall heraus die politische Bedeutung der abstrakten Malerei in vielen Schichten freilegt.

Für Leni Hoffmann ist dies der dritte Eingriff in den politischen Raum einer Zeitung, und gleichzeitig die perfekte Ergänzung ihrer Ausstellung RGB, die von der stellvertretenden Leiterin des Museum Ludwig, Katia Baudin-Reneau, in Köln kuratiert wurde. Das Museum Ludwig zeigt skulpturale Interventionen der Künstlerin im Innenraum und im Außenraum, mit knalligen Farben aus Knetmasse oder mit buntem Kunstleder bezogene Betonbänke und Wandelemente. Leni Hoffmann greift mit formalen, leuchtenden Elementen in den Raum der Wahrnehmung ein und lässt den Betrachter aktiv werden. Im Falle der Zeitungsaktion ist die Malerei das Kommunikationsmedium zwischen Künstlerin und Betrachter, das zwischen dem jeweils Fremden einen Bezugspunkt setzt, indem es wiederum das bekannte Objekt der Zeitung besetzt. Die zunächst einseitige Kommunikationsrichtung der Zeitung wird aufgebrochen durch das Gespräch mit der Künstlerin, wenn sie mit ihrer Signatur das Kunstwerk authorisiert.

Mit der Zeitung hält der Leser ein Unikat für EUR 1,10 (in Deutschland) in den Händen, das mit vier farbigen Linien auf Seite 3 und 4 die gewohnte Leseroutine stört. Störung ist hier jedoch mehr als Aktivierungsenergie zu verstehen, denn mit diesem Werk zeigt Leni Hoffmann, wie sich die Kunst in das öffentliche Bewusstsein bringen kann und ihr Potential als Bedeutungsträger unterstreicht. Man stolpert beim Blättern über die Farbspuren - der Blick schlittert aus und verweilt vielleicht etwas länger auf der Seite als sonst. Mehr als die tägliche Karikatur, die für den Politikteil obligatorisch ist - und aus dem demokratischen Selbstverständis der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr wegzudenken -, rückt die subtile und offene malerische Geste damit nicht nur die Kunst, sondern selbst die Politik für einen Tag ganz buchstäblich ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Leni Hoffmann's Arbeit ist trotz Massenauflage vom Ansatz her ganz ephemer und unmonumental: In den meisten Haushalten wird das piece ins Altpapier fliegen und recycelt werden. Sehr deutlich formuliert sie mit diesem Werk Ihr Anliegen, dass die Kunst beweglich, handlich, lesbar und offen sein kann, und dennoch ganz sicher die Information der Zeitung unterminiert. Die auf die Basis der vier Offsetdruckfarben reduzierte Endloszeichnung von Leni Hoffmann findet ihren Anknüpfungspunkt in der abstrakten Malerei der frühen Avantgarde, wo vor allem die russischen Künstler, z.B. Rodtschenko, die Abstraktion mit einer Revolution der Gesellschaft zu verbinden suchten. Leni Hoffmann stellt in die Tradition dieser respektablen Utopie die coole, nüchterne Haltung ihrer Gegenwart - und sich selbst an die Maschine, um den Informationsfluss zu manipulieren und offensichtlich zu machen. "Durch meinen bescheidenen Eingriff, der einem anarchischen Akt gleichkommt, wird der perfektionierte Ablauf widerlegt und von Grund auf gestört, aber [das] macht ihn gleichermaßen verständlich und sichtbar. So gehen Störung und Hommage Hand in Hand und feiern gemeinsam."

Eines der Stichprobenexemplare des Kunstwerks nach der Prüfung (Foto: FGS)

Eines der Stichprobenexemplare des Kunstwerks nach der Prüfung (Foto: FGS)

Die bedruckte und bemalte Zellulose ist Träger des Kunstwerkes und bietet eine kompakte Form, die als Zeitung wichtiger Träger politischer Information bleibt. Das Kunstwerk mischt sich förmlich ein in die Weltpolitik und schreibt die Geschichte der Kunst weiter, die sich seit Erfindung der Druckkunst und des Flugblattes auch en masse im öffentlichen, profanen Raum engagiert. Und das zu einem erschwinglichen Preis.

In Karlsruhe sind die frisch gedruckten Exemplare des Kölner Stadtanzeigers gerade eingetroffen und zu sehen in der Ausstellung „Pulp Fictions – Papierarbeiten“ – einer internationalen Gruppenausstellung bei FGS. Die Show demonstiert, dass es bei „Pulp Fiction“ nicht wie erwartet um die leichte, unterhaltsame Literatur geht, sondern dass der künstlerische Ausdruck in seinem vielseitigen Umgang mit und auf Papier im Vordergrund steht. Formalistische Eingriffe, humorvolle Gesten und knallige Akzente irritieren auf ihre Art den Betrachter.

26 / 11 / 09 - 16:49 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden