26 / 11 / 2009 - 12:43 Uhr

I wie Interview mit einem Nachwuchskurator

Florian Waldvogel

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Florian Waldvogel: Tony, warum wolltest du Kurator werden?

Tony Kliedov: Am Anfang meiner Limer (Less income, more experience)-Laufbahn stand das Kennenlernen junger Menschen in einer postpubertären Phase persönlicher und schöpferischer Unsicherheit, geringer Berufserfahrung sowie im Schweiße meiner Schande.

FW: Und warum hast du einen Curatorial Course besucht?

TK: Mir wurde mit der Zeit immer bewusster, dass ich individuell schwach bin, im Kollektiv hingegen an strategischer Stärke gewinnen kann. Wir erfuhren in der Anfangsphase unserer temporären Begegnungen einen Stabilisationseffekt, der uns äußerlich und innerlich vor den bösen Mächten des Neuen schützte. Der intensive Meinungsaustausch und die gemeinsamen Aufgaben förderten das positive Gruppenklima und stimulierten die Kreativität. Wir lebten im Fruchtwasser der kosmischen Gnade. Nicht selten schlug sich die spontane Anpassungsbereitschaft auch kuratorisch nieder; wir bewegten uns formal und inhaltlich aufeinander zu.

FW: Ihr habt also eure Eltern angerufen, sie sollen nicht mit dem Nachtessen auf euch warten.

TK: In sozio-professioneller Hinsicht gaben wir unsere neu geschaffene künstliche Freiheit wieder auf. Wir suchten die familiäre Sicherheit im Mikronetz Gleichsituierter und Gleichgesinnter. Als gemeinschaftsfähigen und -willigen Berufseinsteigern galt unser primäres Interesse den persönlichen Parallelen. Biographische Übereinstimmungen wurden abgeklopft, kulturelle Standards festgeklopft und die kuratorischen Ziele waren bekloppt.

FW: Aha, eure Energie bezogt ihr also, wie schon Generationen vor euch, aus der ästhetischen Vormundschaft und professionellen Fremdregelung?

TK: Der gemeinsame Nenner junger Nachwuchskuratoren ist der Wunsch nach Überwindung, zumindest aber nach sozialer Linderung des Abnabelungsprozesses von Zuhause. Am Beginn einer jeden kreativen Gemeinschaft steht eine Entscheidungssituation, aus der heraus das Kollektiv Gestalt gewinnt und aktionsfähig wird.

FW: Olala. Den älteren Kollegen und der kulturellen Umwelt wurde also signalisiert, was auf sie zukommt und woher jetzt der Wind weht?

TK: In der Regel formierte sich unsere Gemeinschaft als eine Kerngruppe mit wenigen, kaum mehr als fünf oder sechs Beteiligten. Aus dieser Intensivlage heraus entfaltet die Kerngruppe eine Fülle an Aktivitäten. Entsprechend verdichteten sich persönliche Beziehungen zu bilateralen bzw. multilateralen Freundschaften, die immer noch Bestand haben. Diese Minigruppierungen bilden den eigentlichen Sozialkern der Gruppe, der weitgehend auf sich selbst konzentriert ist und daher eine stark introverse Orientierung aufweist.

FW: Ihre steht ja weniger für innovative Ausstellungskonzepte als für die Fähigkeit, eure Dynamik im Habitus, Auftreten und Lebensstil zum Ausdruck zu bringen, sie also gewissermaßen zu verkörpern. Dementsprechend aufwendig und vielfältig sind eure Techniken der kollektiven und individuellen Selbstdarstellung. Eine Zeitlang trugen einige von euch Herrenoberbekleidungen, die auf debile Weise mit Mustern bedruckt waren und die an Leichentücher der Mayas oder mystische Menstruationstücher aus Bali erinnerten.

TK: Lebenspraktische Selbststilisierungen trugen neben den kuratorischen und programmatischen Gemeinschaftsäußerungen dazu bei, dass wir uns von dem restlichen soziokulturellen Umfeld abhoben und insofern zu einer Größe arrivierten, mit der man, beim kalten Christus und der verhedderten Dreifaltigkeit, rechnen konnte und musste. Auf euch ältere Kuratoren kam ein psychosozial massierter Konkurrenzdruck zu, der eure individuellen Behauptungen innerhalb der Institution erschwerte. Wir verursachten bei allen mit eiserner Standhaftigkeit begabten Kuratoren Alpträume und hysterische Zuckungen.

FW: Oh Tony, bitte. Unbewusst ist eure Kuratoren-Familie doch das, was ihr ersehnt, um eure Kastration zu kurieren und das Gefühl des Mangels zu lindern.

TK: Whatever, Waldvogel. Stupid, Perfid, Solid, Glied, Morbid, Rapid, Abschied, Suizid. Das ganze Leben endet auf id(ee).

FW: Tony, ich sag’ dir jetzt mal was. Ihr Typen seid jene Gestalten, die, wenn sie am Meeresrand stehen, keine Welle an den Strand schlagen sehen, sondern das Wogen des menschlichen Willens oder die Rhythmen des Beischlafs. Die nicht den Klang von Ebbe und Flut hören, sondern das nagende Klagen der Zeit und die letzten jammernden Seufzer der Menschheit, die ins Nichts verzischen. Aber vielleicht ist es auch ein Zeichen, dass man zum arroganten Wichser oder zum überheblichen Kurator wird.

26 / 11 / 09 - 12:43 Uhr

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