20 / 11 / 2009 - 17:33 Uhr

Dresden wieder aufbauen II

Till Briegleb

Hier ist heute heilig, also bitte nicht fotografieren: Die Frauenkirche von innen

Ausnahmsweise Gottesdienst: Die Frauenkirche von innen

Vielleicht lag es am Buß- und Bettag, dass in der Frauenkirche Menschen tatsächlich der religiösen Beschäftigung nachgingen, die primärer Zweck der Kirche sein sollte – aber nicht ist: Denn für den Wiederaufbau Dresdens nach historischen Einsichten ist die Kirche vor allem ein einleuchtender städtebaulicher und architektonischer Vorfall, kein religiöser. Deswegen gehört sie eigentlich auch den Touristen. Aber schon diese drei Reklamationen von Konsumalternativen – Einkehr, Phantasie, Neugier –, bilden tragende sinnliche Argumente für die Forderung, das große Abenteuer einer vollständigen Rekonstruktion des Vorkriegs-Dresden mit einigen ausgesuchten Neubau-Inseln sofort zu beginnen.
Denn wo ist Dresden stimmig vereint in Jung und Alt, gleichzeitig behaglich wie beweglich, inspirierend wie intim? In den verbliebenen Altbauvierteln der Neustadt. Dort wimmelt es auf der Straße von unterschiedlichen Menschen, es gibt Essen für 2 Euro im Straßenverkauf und Billiard im Hinterzimmer. Gasthäuser, wo Stil wurscht ist, und Winkel, in denen nur Stil zählt, mischen sich im Straßenbild der angewanzten Gründerzeithäuser zu einem atmosphärischen Leben ohne die Eindimensionalität der modernen Einkaufsstadt. In jedem noch so bunt angestrahlten und renovierten Plattenbauviertel dagegen herrscht die klamme Euphorie von Fidschi-Klatschen als unausgelöschter Gedanke für immer fort. Und der sture Blick in die von Energiesparlampen falsch beleuchteten Auslagen der Arkaden und Passagen wird sich als falsches Versprechen von Glück garantiert irgendwann rächen – hässlich rächen.
Was spricht also dagegen, der sächsischen Hauptstadt ihren größten und heimlichsten Wunsch zu erfüllen, und alles zu machen, wie es mal war? Die Altmarkt-Galerie, deren alter Eingang heute noch so aussieht…

Altmarkt-Gal

…die aber mit ekeligen Versprechen wie „Magie der Warenwelten“, „Gastlichkeit und Sinnesfreude“ oder „Handel heißt Wandel“ und einer „Vermietungs-Hotline“ am Bauzaun hierhin strebt,…

Neuer Eingang der sinnlichen Warenwelt Altmarktgalerie, ausgedacht von ECE

…könnte ebenso vollständig durch historische Replikanten ersetzt werden wie alle anderen Zeugnisse des rationalen Deliriums, die ohne die Magie der Vielfalt die Stadt verhunzen. Ornament, Farbe und Stuck, Figurenschmuck, Kurven und Gold willkommen. Und das alles natürlich zu so billigen Mietpreisen, dass kein Hartz-IV-Empfänger dafür aus der Innenstadt verschwinden muss. Das wäre mal eine Vision, eine Utopie, hinter der sich nicht nur Pessimismus und Verachtung verbirgt. Wo heute im neuen Warensprech Lila das neue Schwarz und Shoppen die neue fromme Trostlyrik ist, da kann doch auch das Rückwärtsgewandte die neue Zukunft werden.
Bagger marsch.

Arme und reiche Häuslichkeit am Neumarkt

20 / 11 / 09 - 17:33 Uhr

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