10 / 11 / 2009 - 10:34 Uhr

G wie Georg Elser-Denkmal in München und: Das Kleine Mädchen mit der blauen Mütze

Florian Waldvogel

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70 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler würdigt die Stadt München die mutige Tat eines Einzelnen. Georg Elser versuchte am 8. November 1939 die deutsche Geschichte entscheidend zu ändern. Hitler verließ an diesem Abend früher als erwartet den Bürgerbräukeller, als die von Elser vorbereitete Bombe um 21.20 Uhr explodierte. Jetzt wurde in der Maxvorstadt an der Hausfassade einer Grundschule eine Neon-Arbeit der Künstlerin Silke Wagner installiert, die an den Akt von Zivilcourage erinnert.

Am Einweihungsabend des Denkmals wurden wir Zeugen einer ganz anderen Art von Zivilcourage durch ein kleines Mädchen mit blauer Mütze. An diesem Abend versammelte sich die örtliche Neonazi-Tarnliste BIA mit ihrem Stadtrat zur Protestdemo gegen das Denkmal. Da standen sie nun, die Omas und Opas und ein paar Jungnazis mit korrektem Scheitel, Oberlippenbärtchen und ihren kleinen Schwestern, die Deutschlandfahne wedelnd. Als sie mit ihrem „Deutschland den Deutschen“-Gejammere fertig waren, setzten sie ihren Lichterkettenprotest fort und spalierten als Häufchen-Elend-Mahnwache vor dem Denkmal. Allen höflichen Aufforderungen der demokratischen Gäste zum Trotz, weigerten sich die 88, den Platz zu verlassen.

Und dann geschah etwas, was man nur aus dem Fernsehen bzw. aus Quentin Tarantino Filmen kennt: Ein kleines Mädchen mit blauer Mütze und Brille stürmt auf einen Nazi los, schlägt ihm die Kerze aus der Hand und tritt ihm unerschrocken noch eine rein. Im Tumult konnte ich die Begriffe Unabhängigkeit, Vertrauen, Entschlossenheit, Widerstand, Hoffnung, Reiselust, Demut, Sichtbarkeit, Organisation, Licht, Wachsamkeit und Gemeinschaft auf ihrem Sweatshirt lesen. Ich glaube, es war ein Baumwoll-Sweatshirt mit Rundhals der Firma Raf Simons aus der Sommerkollektion 2002.

„Die Welt ist scheiße“ sagte der 1968 gebürtige Belgier einmal. Sonst steht er für eine Halbstarkenkultur, so eine Art Ready-to-Wear. Dazu trug sie gerade geschnittene Baumwollhosen aus der Winterkollektion des ebenfalls belgischen Designers Martin Margiela. Margiela ist neun Jahre alter als sein Kollege, studierte auch in Antwerpen und begreift seine Arbeit als kollektiven Prozess. „Es geht nicht um Zerstörung, sondern um Bewegung, den Fortschritt“, gab Margelia zu Protokoll.

Die Füße und Waden des Mädchen wurden von einem Paar hysterisch bunt gestreifter Baumwollkniestrümpfe der englischen Firma Paul Smith gestreichelt. Haute Couture muss nicht immer aus Frankreich kommen und die Sachen von „true brit“ sind regen- und trittfester. Geschützt wurden die Strümpfe durch ein Paar schwarz, blau, weiße Retro Air Jordan aus Vollnarbenleder mit Knöchelschutz. Die Zwischensohle ist aus Phylon mit Luftdämpfung im Vor- und Rückfuß. Die Außensohle ist aus Gummi. Mit dem Originalmodell gewann Michael Jordan 1993 den NBA-Meistertitel, war Pro Performer of the Year und erzielte die meisten Punkte in den NBA-Finals.

Ich glaube, die Eltern der Kleinen wissen ganz genau, dass diese Bekleidungskultur Synonym für Lifestyle, Professionalität, Avantgarde und Eleganz ist. Diese Marken stehen für perfekt verarbeitete, hochwertige und innovative Produkte, die neben ihrer Eleganz, Individualität und Eigensinn ausstrahlen. Eine Mischung, die durch die blaue, selbstgestrickte und mit einem kleinen Irokesen (früher hätte man Bommel dazu gesagt) versehene Mütze abgerundet und zum Ausdruck gebracht wird.

Waren nicht die Irokesen die fortschrittlichste gesellschaftliche Indianer-Organisation, die sich in fünf Stämme teilte: Senekas, Cayugas, Onondagas, Oneidas und Mohawks. Frauen und Männer hatten eine Stimme und die Stämme waren nach Mutterrecht organisiert. Im Prinzip befand sich jeder Stamm mit jedem anderen im Kriegszustand, mit dem er keinen ausdrücklichen Friedensvertrag geschlossen hatte.

Kriegerische Auszüge wurden meist von einzelnen Spezialisten organisiert. Es gab einen Kriegstanz und wer mittanzte, erklärte seine Beteiligung an der Aktion. Das Aktionsteam wurde rekrutiert und sofort in Bewegung gesetzt. Das erklärt vielleicht auch das Verhalten des übrigen Vernissage-Publikums, welches sich – nachdem das kleine Mädchen mit der blauen Mütze zugeschlagen bzw. getreten hatte – auf den Rest der 88 stürzte. Nach einem kurzen Scharmützel wurden jene Menschen des Einweihungsfestes, die aus Mangel an Erfahrungsdifferenzierung und Identitätsbildung ihrer erziehungsbedingten Wut vom Erlernen und Verstehen demokratischer Prozesse ausgeschlossen bleiben, unter Polizeischutz nach Hause begleitet.

Bleibt mir noch, mich bei diesem kleinen Mädchen mit der blauen Mütze zu bedanken. Ich habe meine nächste Assistenz gefunden. Ok, dann bin ich wahrscheinlich zu alt. Wie wär’s mit Patenonkel? Bereit, wenn du es bist!

10 / 11 / 09 - 10:34 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

Lotte

14:58 Uhr  

10 / 11 / 2009 // 

lieber herr phantasievogel, ich bin ihr größter fan, wetten? wie soll ich es ihnen beweisen? schöne grüße von lotte

[...] Kunst und Kultur; Ausstellungen aktuell: G wie Georg Elser-Denkmal in München und: Das Kleine Mädchen mit der blauen Mütze [...]