08 / 10 / 2009 - 13:50 Uhr
Aus dem Kaffeesatz des Schwarzen Quadrats
Till Briegleb

Russische Avantgarde von englischem Koch: Managerschule in Moskau von David Adjaye
Kasimir Malewitsch war ein Mann von harten Prinzipien: “Wenn der Ingenieur tief in die Zukunft vordringt, bringt er von dort neue Vervollkommnung”, schrieb er vor hundert Jahren in seinem typisch apodiktischen Ton: “Der Künstler aber, der sich in die Vergangenheit vertieft, bringt nur das, was ist oder schon war.” Wie aber hätte es Malewitsch gefallen, wenn der Künstler-Ingenieur bei seiner Suche in der Vergangenheit auf eben Malewitsch stößt und seine Kunst neu in einem Bauwerk abbildet, wie es der englische Architekt David Adjaye gerade tut? Wäre dieser Mensch nach Malewitsch nicht nur ein nostalgischer Kasper ohne eigene Idee und Kraft?
Die Ausbildung zur Gier russischer Prägung, die 2010 in der Skolkovo-Managerschule beginnen wird, ist jedenfalls behaust in einem Entwurf, den Adjaye direkt aus den abstrakten Bildwerken des Kasimir Malewitsch geronnen hat.

Kasimir Malewitsch: Suprematismus (1915)

David Adjaye: Skolkovo-Entwurf
Zwar hätte Adjaye mit seinen frei schwebenden Bauteilen zweifellos Malewitsch’ Anerkennung als Techniker gefunden, denn dessen Traum war es ja, die Schwerelosigkeit des Geistes auch körperlich abzubilden. Die ästhetische Adaption eines alten Gemäldes für Bauzwecke aber wäre laut Malewitsch Doktrin eines erbarmungslosen Verdikts würdig. In Malewitsch Weltall, dass sich im “Wirbel gegenstandsloser Erregung” bewegt, ist der Rückgriff in die Vergangenheit noch schlimmer als geistiger Stillstand.

Kasimir Malewitsch (1878-1935)
Natürlich liest man Malewitsch’ pathetische Fortschritts-Ideologie heute mit einem Lächeln der Ungläubigkeit. Sein messianischer Eifer, sein geschwollener Ton, seine absurde Absolutheit, die sich permanent selbst widerspricht und weder in ihren Beobachtungen noch in ihren Thesen besonders haltbar blieb, erscheint inzwischen wie die Narretei männlicher Selbstüberschätzung, wie brodelnde Denkmasse auf dem Herd revolutionärer Selbstentzündung. Und diese komplizierte Verwirrung, die aus dem Streben nach fester Ordnung durch größtmögliche Auflösung, also in dem Schwarzen Quadrat seine mächtigste Metapher fand, ist in Adjayes Gebäude strukturell schön widergegeben. Wildes und Diszipliniertes, Assoziation und These verbinden sich in den verschiedenen Bauteilen und Texturen eben nicht rein abbildend, sondern im Geiste der Ambivalenz. Und das ist deswegen interessant, weil Malewitsch trotz seiner intellektuellen Aufgewühltheit und Widersprüchlichkeit ja gerade als Referenz einer Moderne gilt, die eindeutig, klar und rational erschöpfend vorzugehen vorgab.
Der französische Öko-Künstler-Architekt Edouard Francois hat mir einmal in einer langen Interview-Sitzung ein Schema aufgemalt, welches aus der Singularität des Schwarzen Quadrats den Urknall der Moderne erläutert. In verschiedenen Entwicklungs- und Umkehrphasen bläht sich der Denk- und Handlungs-Kosmos der Moderne ausgehend von Malewitsch Bildikone zur großen Behauptung totaler Planbarkeit und Vernunft auf, um dann durch verschiedene Krisen wie Faschismus, Postmoderne und Konsumkapitalismus als Gedanke wieder zusammenzufallen. Aus der totalen Komprimierung aller Fäden der Vergangenheit entsteht dann nach Francois die neue Singularität einer besseren Moderne, die Nachhaltigkeit als komplexen Gedanken gebiert, der alle Lebensbereiche durchwirkt. Das Schema ist zwar rein grafisch völlig unverständlich, aber es sieht gut aus, vor allem wegen des angeschnittenen Kürbisses oben links (Francois ist ein ebenso kreativer Koch wie Architekt und Redner).

Die Welt der Moderne aus dem Urknall "Schwarzes Quadrat" nach Edouard Francois
Obwohl an dieser Philosophie vieles schrullig und typisch französisch ist, zeigt sie doch sehr schön, wie der Versuch des klassisch modernen Denkens, Argumentation rein und logisch zu halten und in abstrakter Schönheit zu ewigen Warheiten vorzudringen, ein Spuk bleiben muss – der im schlimmsten Fall in Hass und Verachtung für alles Andere endet. Dennoch bewahrt Malewitsch’ Sehnsucht nach Reinheit und Abstraktion ihre Faszination, die immer wieder Künstler zum schändlichen Aufbruch in die Vergangenheit anstiftet. Von dem interessanten Zwitter aus Rationalität und Religiösität, den Gregor Schneider mit seinem Schwarzen Würfel geschaffen hat…

Gregor Schneider: Malewitsch plus Mekka auf dem Markusplatz (leider hier nicht realisiert)
…zu den infantilen Kitschmonumenten, die Erik van Egeraat in Moskau vor ein paar Jahren bauen wollte …

Reichenresidenzen "im Stile" von Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Alexander Rodschenko, Lubow Popowa und Alexandra Exter
…reichen die Beschäftigungen mit den “Erregungen” von Malewitsch suprematistischer Kunst. Wobei Malewitsch eigene Architekturentwürfe, die so genannten “Architektone”, viel weniger gestrig und überflüssig wirken als van Egeraats Stil-Prostitution für neureiche Russen.

Utopischer Hochhausentwurf von Malewitsch 1927
Auch hier irrt der große Messias des radikalen Neudenkens also gründlich. Der Künstler, der sich in die Vergangenheit vertieft, wird dort so viel finden, was noch nicht ist und werden kann, dass seine Arbeit an der Zukunft sich darin nur vervollkommnen kann.
08 / 10 / 09 - 13:50 Uhr












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