10 / 09 / 2009 - 18:12 Uhr

Liebe deine Stadt! oder: Was ist eigentlich schön?

Till Briegleb

Kompromittierender Imperativ

Trotziger Imperativ

Seit ein paar Jahren geistert eine Parole durch Köln, die etwas Unmögliches verlangt: Liebe deine Stadt! So stand es in lieblicher Schreibschrift zunächst am Rhein vor dem Messegelände, dann als Schleife an verschiedenen Halbruinen der Nachkriegsmoderne, und aktuell bei Oper und Schauspielhaus zwischen Klosterfrau und Tunnel auf einem Dach. Kölner kennen das, Besucher freuen sich drüber. Aber liebt man deswegen Köln? Auf Befehl?Wer ein bisschen im Netz forscht oder in dem jüngst veröffentlichten schönen Dokumentationsband liest, findet eine große Geschichte hinter dem trotzigen Imperativ: die Suche nach der verlorenen Schönheit der Moderne. Denn die von dem Künstler Merlin Bauer gestartete Initiative “Liebe deine Stadt” kämpft einen verwegenen Partisanenkampf gegen das Kölner Gefühl, die Stadt sei hässlich – ein Eindruck, dem allerdings auch mancher Besucher sofort zustimmt, wenn er dem Dom den Rücken gekehrt hat und sich in dem Straßengewirr der Innenstadt umsieht. Mit Allerweltsreklame bekleckerte Nachkriegsmoderne im Farbspiel verfestigten Smogs bestätigt das gängige Vorurteil, die Architektur des Wiederaufbaus sei künstlerische Selbstkastration und allein verantwortlich für die Unwirtlichkeit unserer Städte.

Fluch der Nachkriegsmoderne?

Kölner Innenstadt: Fluch der Nachkriegsmoderne?

Wie bei allen diffusen Gefühlen der Abneigung ist aber auch im Fall des Kölner Stadtbilds das schnelle Unbehagen nur eine Teilwahrheit. Tatsächlich hatten die Architekten, die ab 1945 im nahezu komplett zerstörten Altstadtbereich der Domstadt die Auferstehung Kölns aus den Ruinen planten, sehr ehrenwerte Motive und einen herzlichen Schönheitssinn. In einem großen Kompromiss aus Geschichte und Aufbruch versuchten die Planer einerseits, den historischen Stadtgrundriss und die alte  Kleinteiligkeit wiederherzustellen, andererseits dem Wunsch nach Umwandlung in eine moderne City durch eine Architektur zu genügen, die das dumpfe Zeitalter davor mit lichten Strukturen und rationalen Formen vergessen machen sollte.

Nun ist der Kompromiss ein Kind der Vernunft und nicht der Leidenschaft, weswegen es offensichtlich schwer fällt, Köln zu lieben. Und Per Order de Hausdach lässt sich diese Liebe auch nicht erzwingen. Deswegen beschritt die Initiative des Exil-Grazers Merlin Bauer 2005 den Weg der Ketzerei und lud Häretiker des Zeitgeschmacks zu Vorträgen ein, um die Kölner für die verborgenen Qualitäten ihrer Stadt empfänglich zu machen. Vor den einstigen Prachtbauten der Moderne, die vor allem durch Vernachlässigung ihren Charme verloren haben, forderten die Redner die Geschmacksinquisition heraus, nach deren Dogma die Nachkriegsarchitektur grob, grau und grässlich sei. Prominentester Streitpunkt in dieser Debatte war sicherlich der geplante Abriss des Opernhauses von Wilhelm Riphahn von 1957.

Hassobjekt, bestimmt zum Teilabriss: Oper und Schauspiel Köln

Hassobjekt, bestimmt zum Teilabriss: Oper und Schauspiel Köln

Das Ensemble aus Schauspielhaus und Oper sollte nach dem Willen der Stadtväter und von Elke Heidenreich (“Weg mit dem hässlichen Koloss”) aus dem Stadtbild radiert und durch eine Architektur ersetzt werden, die Köln zurück auf die Landkarte der Weltarchitektur bringt – eben  irgend so eine stehende Kunstkarosse mit laufendem Motor, wie es HadidGehryLibeskindFoster überall in der Welt hinterlassen. Doch Bauer konnte Peter Zumthor 2006 dafür gewinnen, ein Plädoyer für die gedankliche Kraft und die hoffnungsvolle Vision einer offenen und freien Bürgerstadt, die ihn Riphahns Entwurf steckte, in den Köpfen der Zuhörer neu zu erwecken. Und das bekam dadurch seine besondere Brisanz, dass der Schweizer Architekt und diesjährige Pritzker-Preisträger Köln mit dem Neubau der Kolumba das einzige Stück Weltarchitektur der letzten Jahre beschert hat – und dieses steht eindeutig in der ästhetischen und intellektuellen Tradition der Nachkriegsmoderne.

Ein Phoenix der Nachkriegsmoderne: Peter Zumthors Kolumba

Ein Phoenix der Nachkriegsmoderne: Peter Zumthors Kolumba

Ob Zumthors Plädoyer geholfen hat, das ganze Desaster zu verhindern, ist nicht nachzuweisen. Die Oper soll jetzt renoviert werden, aber das ebenso schöne Theater mit seiner herrlichen Bar hinter der großzügigen Frontverglasung verschwindet für einen riesigen Neubau, der überall in der Welt stehen könnte, auch in Köln (Architekten: Atelier d’architecture Chaix et Morel et associés und JSDW). Auf jeden Fall wird die turmhohe transparente Schachtelkonstruktion dafür sorgen, dass der “Koloss” der Oper daneben aussieht wie ein Klavierhocker – und das wird vermutlich die Liebe der Kölner und von Elke Heidenreich zu ihrer Stadt auch nicht wesentlich vergrößern.

Aber die beharrliche Nachfrage, warum die Menschen die Gebäude der fünfziger und sechziger Jahre als so hässlich ansehen, obwohl deren Architekten geradezu emphatisch überzeugt waren, Häuser zu bauen, in denen sich ein neuer freier Geist wohl fühlt, lohnt weiterhin. Denn überall, nicht nur in Köln, betrachten die Menschen die Visionen ihrer Großväter durch mitleidslose Gläser. Und solange sie das ohne Kenntnis der Geschichte tun, werden sie weiterhin heute abreißen, was sie morgen bereuen. Am Ende dieses dauernden Geschmackstribunals wird dann der Dom das einzige schöne Gebäude sein, an dem man noch das mahnende Schild anbringen kann: Liebe deine Stadt.

Dom und Reiter

Dom, allein zu Haus

10 / 09 / 09 - 18:12

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