Ausstellung in Berlin
Ruinen der Gegenwart

Internationale Künstler wie Gordon Matta-Clark, Dorothee Albrecht oder Francis Alÿs thematisieren, wie Ruinen zu Indikatoren politischer, wirtschaftlicher oder ökologischer Prozesse werden und zu ästhetischen Spekulationen über die Zukunft anregen
Ruinen der Gegenwart

Informationen zur Ausstellung: Spätestens seit den Zerstörungen durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben Ruinen einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt. Prägend hierfür ist auch der Niedergang der Schwerindustrien, durch den sich einst florierende Gegenden in verlassene Geröllwüsten mit leerstehenden, ramponierten Gebäuden verwandelten. Heute lässt eine weltweite politische Instabilität immer neue Ruinen entstehen, die uns durch die Medien quasi frei Haus geliefert werden. So steht heute, im Unterschied zur klassischen Betrachtung der Ruine, der gedankenverlorenen Meditation über eine ferne Vergangenheit, die Frage nach konkreten Ursachen für Ruinen im Vordergrund. Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung Ruinen der Gegenwart thematisieren, wie Ruinen zu Indikatoren politischer, wirtschaftlicher oder ökologischer Prozesse werden und zu ästhetischen Spekulationen über die Zukunft anregen. Einst standen Ruinen für Vergänglichkeit schlechthin. Sie versinnbildlichten den Kreislauf, in dem die Natur sich alles, was der Mensch ihr abgerungen hat, schließlich zurückholt. Diderot beschrieb 1767 exemplarisch: „Ruinen erwecken in mir erhabene Ideen. Alles wird zunichte, alles verfällt, alles vergeht. Nur die Welt bleibt bestehen, nur die Zeit dauert fort.“ Dem steht die Ruine als Zukunftsprojektion gegenüber: wenn etwa beim Entwurf von Monumentalbauten gleich mitgedacht wird, wie sie nach ihrer Zerstörung aussehen könnten. Albert Speers Theorie des Ruinenwerts erfährt durch den japanischen Architekten Arata Isozaki eine produktive, über den problematischen ideologischen Kontext hinausführende Neuinterpretation, indem er eigene Architekturentwürfe in einem imaginären ruinösen Zustand zeigt. Morehshin Allahyaris Projekt Material Speculation: Isis basiert auf der Rekonstruktion von Kulturgütern, die durch den so genannten Islamischen Staat zerstört wurden. Ihre, im 3D Druckverfahren geschaffenen Objekte, ersetzen zwar nicht die verlorenen Originale, sind aber ein Vorschlag, wie sich das kulturelle Gedächtnis zumindest mit digitalen Mitteln bewahren lassen könnte. Francis Alÿs drehte seinen The Silence of Ani in den Resten der seit mehr als drei Jahrhunderten verlassenen, ehemaligen armenischen Hauptstadt Ani. Die schwarz-weiß Aufnahmen einer malerischen Landschaft stecken voller subtiler, poetischer Verweise auf die bis heute anhaltenden kulturellen und kriegerischen Konflikte in der auf türkischem Gebiet liegenden Region. Die Relikte der Maya-Kultur im mexikanischen Yucatán bereiste schon Robert Smithson, einer der historischen Bezugspunkte heutiger Ruinenästhetik. Katya Gardea Browne verfolgt einerseits Smithsons Spuren, zeigt aber auch die unmittelbare Konfrontation antiker Stätten mit dem modernen Mexiko auf. In Südostasien tauchten Ende der 1990er-Jahre viele Gebäude auf, die wie Ruinen aussahen, aber in Wirklichkeit nie fertiggestellt worden waren. Durch den plötzlichen ökonomischen Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften in Asien blieben auch Bauprojekte von einem zum anderen Tag liegen. Der thailändische Künstler Manit Sriwanichpoom hält diese in eindringlichen, an Piranesis Ruinenphantasien gemahnenden Schwarzweißfotografien fest. Die ruinösen Auswirkungen von Naturkatastrophen hingegen veranschaulicht Ryuji Miyamoto ebenfalls in schwarzweißen Bildern. Diese zeigen die Überreste des epochalen Erdbebens, das im Jahr 1995 die japanische Stadt Kobe verwüstete. Zahlreiche Ruinen unserer Zeit entstehen schlichtweg durch urbanen Wandel. Darauf verwiesen bereits in den 1970er Jahren die „Gebäudeschnitte“ von Gordon Matta-Clark. Seine Auseinandersetzung mit Ruinen übt noch immer großen Einfluss auf junge Künstlerinnen und Künstler aus und wird in der Ausstellung durch den Film zu seinem New Yorker Projekt Day’s End sowie Fotografien seiner Pariser Intervention Conical Intersect exemplarisch vorgeführt. Die oft ruinösen Auswirkungen ökonomischer Spekulationen im heutigen Städtebau treten auch in den umfangreichen Ruinen-Recherchen von Clemens Botho Goldbach zutage. Daneben aktualisiert Goldbach die Tradition künstlicher Ruinen, wie sie einst in Landschaftsgärten errichtet wurden, und geht in seinem Projekt EURUIN auch den auf den Euro-Geldscheinen dargestellten historischen Architekturmotiven nach. So hat er die hybriden Portikusarchitekturen, die den 50-Euro-Schein zieren, großformatig mit Sperrholz nachgebaut: nicht zuletzt ein Verweis auf die Brüchigkeit des politischen „Gebäudes“ der Europäischen Union. Die Landschaft als Ruine thematisiert Marike Schuurman mit ihrer neuen Werkgruppe Kohle, die in der Lausitz entstanden ist. Dort hat die Kohleförderung im Tagebauverfahren über Jahrzehnte massive Spuren im Natur- und Siedlungsraum hinterlassen. Die von der Künstlerin fotografierten Findlinge verweisen auf jene Dörfer, die dem Braunkohletageabbau weichen mussten. Sie sind Gedenk- und Grabsteine zugleich. Ruinöse Folgen der Industrialisierung stehen in Dorothee Albrechts Bildatlas neben den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und den Folgen aktueller kriegerischer Konflikte, etwa in Syrien. In einer eigens entwickelten, flexiblen Ausstellungsarchitektur präsentiert sie die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherche und spannt dabei einen Bogen von Berlin bis zu den globalen Krisenherden unserer Zeit. Die von Julia Höner und Ludwig Seyfarth kuratierte Ausstellung war von Juni bis Oktober 2017 in KAI 10 | Arthena Foundation in Düsseldorf zu sehen. Eine Publikation ist im Kerber Verlag erschienen.  (Quelle: Pressetext)

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