Folge 25: Telebonn und Bad Postbank

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Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: Das großspurig "World Conference Center" getaufte Millionengrab in Bonn. Schmal geschlitzte Schachteln mit einem Hauch Telekom-Magenta und DHL-Gelb.
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Das 2015 eröffnete "World Conference Center Bonn" mit noch unbezogenem Kongresshotel und Magenta-Beflaggung.

Über all die deutschen Bau-Skandale mit dem Hauptstadt-Flughafen, der niemals eröffnen wird, oder der Elbphilharmonie, deren Fertigstellung 100 Prozent teurer wurde und 100 Prozent länger dauerte als geplant, wird leicht vergessen, dass auch deutsche Provinzfürsten sich regelmäßig mit Großprojekten gründlich übernehmen. Wenn Rostock jetzt die Hälfte seines Theaters abwickelt, dann nicht zuletzt, weil man vorher einen gigantischen Gartenschau-Flop hingelegt hat oder ein Bundesliga-Stadion für einen Verein bauen musste, der jährlich gegen den Abstieg in die vierte Liga kämpft. So haben diverse Kommunen wie Bremen, Leipzig, Stuttgart oder Köln sinnlose Musical-Theater, Event-Center und Tunnelbauten teuer bereut. Aber über einen der größten Bauskandale aus kommunaler Eitelkeit ist erstaunlich schnell Gras gewachsen: das großspurig "World Conference Center" getaufte Millionengrab in Magenta City.

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Das 2015 eröffnete „World Conference Center Bonn“ mit noch unbezogenem Kongresshotel und Magenta-Beflaggung.

Die von ihrer Regierungsliebe sträflich verlassene Ex-Hauptstadt mit rund 300.000 Einwohnern wollte so gerne weiter ein Global Player der Aufmerksamkeit sein und nicht zurücktreten in den angemessenen Status einer deutschen Mittelstadt. Also erträumte man sich ein Kongresszentrum für die ganze weite Welt. Natürlich völlig umsonst für die Stadt, wie die ursprünglichen Versprechungen lauteten, die am Ende eine geschätzte Belastung des Bonner Haushalts im mittleren dreitstelligen Millionenbereich ergab. Hauptsache "Mittel", könnte man jetzt spotten, aber die konkreten Schulden dieser eher pleite seienden Stadt führen zu sehr konkreten Sparmaßnahmen, auch hier beim Theater, das gerade eine Spielstätte verliert.

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Baustellenreste (vorne) und Langer Eugen, heute UN-Stützpunkt (hinten), dazwischen die schwarze Glasdüne am Rhein des WCC.

Ein halbes Jahr nach der glanzvollen Eröffnung durch den UNO-Generalssekretär Ban Ki-Moon und eine Klimakonferenz (denn Bonn ist ja UN-Stadt) ist das von der Münchner Architektin Ruth Berktold und ihrem Büro Yes Architeture dezent gefaltete Kommunikationsbehältnis für 5000 Menschen mit Hotelturm immer noch eine Baustelle. Aber das ist sicher nicht der Grund, warum der Veranstaltungskalender aussieht wie ein Verlegenheitsprogramm. Global sicher mit höchster Aufmerksamkeit verfolgte Branchentreffen wie "25 Jahre VÖB-Service" oder der "EHI-Kartenkongress 2016" wechseln sich ab mit Jahrestagungen von Immobilienhaien und Kiefernorthopäden. Das ist so worldy wie das trübe lokale Bönnsch-Bier und so überflüssig wie ein Kropf.

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An der Stelle der ehemaligen CDU-Zentrale, dem Konrad-Adenauer-Haus, befindet sich heute die Telekom-Konzernzentrale, entworfen von Thomas van den Valentyn.

Tatsächlich ist die ausufernde schwarze Architekturdüne am Rhein, für die zahlreiche bedeutende Bauzeugnisse der Bonner Republik abgerissen werden mussten, das ästhetisch noch ansprechendste Beispiel einer großen Stadtverödung längs der Friedrich-Ebert-Allee. Jene zentrale Achse, die das kuschelige Bonn einst mit dem Regierungsbezirk verband und dann weiter führte ins heutige Salafisten-Zentrum Bad Godesberg, war vor der Wende gesäumt von der feingliedrigen Provinzmoderne jenes Hauptstadtprovisoriums. Wobei "Wende" hier nicht die politische meint, sondern die gelb-rosa Wende ab Mitte der Neunziger. Seit ungefähr 1995 wird das Gebiet am Rhein nach Auszug des Staates von zwei Unternehmen für Post und Telefon geprägt, die keine Rücksicht auf Stadtidee und Geschmack nehmen müssen. Schon gar nicht auf Farbgeschmack.

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Warum heißt dieses Haus "Mississippi", gehört es doch zum "Post-Campus" und beherbergt die DHL.

Vor den ganzen schmal geschlitzten Schachteln, die Telekom und Postbank/DHL (teilweise von recht namhaften Architekten) anstelle der vorher hier angesiedelten Villen und Scheibenhäuser errichten ließen, knallen den Besuchern stakkatoartig die beiden Markenfarben entgegen, die ansonsten nur noch auf Sneakers vorkommen. Das fällt natürlich umso schrecklicher auf, als die vielen neuen monofunktionalen Arbeitscontainer von der physikalisch möglichen Farbskala exakt das farblose Helligkeitsspektrum kennen: von weiß zu grau und schwarz.

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In direkter Nachbarschaft, ein weiterer Bau des Post-Campus (links) und der Neubau für den „Rheinischen Merkur“.

Und das ist ansteckend. Neue Gebäude im ehemaligen Regierungsviertel, selbst wenn sie nicht unmittelbar zu einem der beiden vormalig staatlichen Monopolunternehmen gehören, sind reinste Lineal-Moderne, meist mit Schlitzfenstern und stets in der „Mittel“-Tönung der Nichtfarben gehalten. Fast alle wurden übrigens von Mark Asbeck, einem Unternehmer für Panzerfahrzeuge mit Immobilienfaible, entwickelt. Zufall?

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Ebenfalls vom Panzer-Investor Mark Asbeck, Square II, dahinter der Post-Tower von Murphy/Jahn.

Alles Asche, oder was? möchte man fragen anlässlich dieses rapiden Umbaus des alten deutschen Staatsherzens in eine Ansammlung grauer Autobatterien zum Laden des Wachstumsmotors. Aus der historisch bedeutenden Selbstdarstellung der neuen Demokratie durch die Vernunftmoderne der Eiermänner, Schwipperts und Rufs in friedlicher Nachbarschaft zu opulenten Villen und einfachen Mehrfamilienhäusern mit hohem Identitätswert wird – verstrahlt von tödlichen Magenta- und Gelb-Wellen – gerade eine stumme Büro-City mit null Charakter.

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Der sogenannte  "Mäanderbau" erinnert etwas an ein Blockheizkraftwerk.

Und daran ändert auch nichts, wenn ein "rebellischer" Architekt mal zu einem beigen Naturstein greift. Jedenfalls solange sein Gebäude mit der Marketing-Phrase: "Nachhaltig gebaut, intelligent ausgestattet, modern gestaltet", für sich werben muss, weil modern an diesem Design für die "Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit" nur die völlige Ortlosigkeit und Austauschbarkeit ist.

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Für diese Telekom-Büros wurden unter anderem das denkmalgeschützte Gebäude des Roten Kreuzes von Hans Schwippert abgerissen.

Vor allem die Telekom baut längs der Friedrich-Ebert-Allee aufmarschartig Stabwerk-Bunker in der Dimension eines ganzen Stadtviertels, die mit ihren Fassaden genau das vermitteln, was Telekom-Kunden als Erfahrung von diesem Service-Unternehen kennen: Rein kommt man nicht, raus kommt aber auch keiner. Vielleicht sind die langen weißen Betonbänder also Symbole für Warteschleifen oder Geduldsfäden, und die dunklen Fensterflächen dazwischen ein Verweis auf die Anzahl von Funklöchern im Netz.

Eher zeigen diese Blöcke aber ganz humorlos den Ausdruck totaler Abkehr: von der Stadt, von der Straße, von der Idee einer vielfältigen Stadt, und damit natürlich vom menschlichen Bedürfnis nach einer schönen und einladenden Lebenswelt. Gerade das offensichtliche künstlerische Vorbild des Architekten, die vertikal aufstrebenden Fassaden des Rockefeller Centers in New York, gehören zu einem Komplex, der geradezu diametral anders gedacht war als sein kleines Bonner Abbild. Die Hochhäuser im Big Apple haben Erdgeschosszonen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, und beherbergen im Inneren vielfältig gemischte städtische Funktionen.

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Neben der Telekom-Zentrale an der Friedrich-Ebert-Allee: Alle Schotten dicht.

Die Beispiele mögen genügen, um zu verstehen, wie der einstige Regierungsboulevard in Bonn durch ein totales Desinteresse an urbaner Stadtplanung und demütiger Duckhaltung gegenüber Großunternehmen zu einer der hässlichsten, stumpfesten und abweisendsten Straßen Deutschlands werden konnte (und es wird kräftig weiter daran gebaut). Selbst die beiden Kunstmuseen, die hier von der untreu gewordenen Regierung als Trost hinterlassen wurden, fügen sich mittlerweile in diesen Fassaden-Canyon, den man am besten mit Tunnelblick durchquert.

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Bundeskunsthalle von Gustav Peichl, im Hintergrund das Kunstmuseum von Axel Schultes

Wenn diese Konzerne es dann wenigstens mit echtem Können in der digitalen Welt danken würden, dass man sie in der echten Welt das machen lässt, was ihr nicht gut tut. Aber auf der Brücke zwischen den Telekom-Gebäuden über der Friedrich-Ebert-Allee liest man auf dem magentafarbigen Werbestreifen dann folgendes:

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Legasthenici?

Wenn Digitalisierung so einfaci ist, dann ist das Abreißen ihrer Materialisierung im Stadtraum vielleicht am vernüftici.