Folge 24: Investorenarchitektur

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Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: Investorenarchitektur à la Donald Trump als protziges Zeichen männlicher Arroganz.
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Sind wir längst vollkommen trumpisiert? Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Spartanburg, South Carolina

Donald Trump ist Investor, und sicher der berühmteste seiner Art. Aber ist er auch der Theologe des wahren Investorenglaubens? Dumm, laut, eingebildet, rücksichtslos, kulturfeindlich, asozial, hässlich und zwanghaft getrieben, dauernd seine Männlichkeit und Potenz zu präsentieren? Sind seine rassistischen, menschenverachtenden, uninformierten und primitiven Äußerungen eher politisch im Sinne des aufgepumpten Rockergehabes, wie Putin, Erdogan, Berlusconi oder Orban es leben? Oder sind Trumps rosinenförmiges Denkvermögen und seine schreihalsige Ausdrucksform nicht doch die Essenz jener geldgierigen Riege von Projektentwicklern, die weltweit unsere Städte baut? Sind wir also längst vollkommen trumpisiert, und merken es bloß nicht?

Trump als Häuslebauer gilt in Europa ja eher als kindische Natur mit seiner Liebe für Las-Vegas-Schmock, goldene Fensterscheiben, diktatorenhaften Palastprotz und riesige Glasphalli, auf denen fett sein Nachname prangt. Seriös geht anders in der alten Welt. Aber diese Ablehnung bezieht sich letztlich nur auf Äußerlichkeiten, auf den retardierten Stil seiner Person – und seiner Projekte.

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Unvollendetes Projekt Tulip Tower für Dubai

Nicht aber auf das Wesen dieser Casino-Philosophie. Die besagt, dass der Spieler zur Welteroberung nur zwei Dinge braucht: ein aggressives Selbstbewusstsein und genügend Finanzmittel. Dann hat er immer recht. Wer das nicht kapiert, oder diesem Egoismus im Wege steht, ist laut Donald ein Loser. Und diese Haltung unterscheidet sich dann nicht mehr so sehr von der Einstellung all der großen und kleinen Developer in Europa, die ihre persönlichen Profitinteressen gekonnt rücksichtslos gegen allgemein qualifizierte Ansprüche einer lebendigen und vielfältigen Stadt durchsetzen.

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Offenbacher Innenstadt-Ödnis zur besten Weihnachtsmarktzeit

In diesem Zusammenhang hat sich in Europa das Schimpfwort von der Investorenarchitektur etabliert. Wann immer etwas zu groß, zu monoton, zu protzig oder zu hässlich gerät, kommt der Schmäh-Begriff zur Anwendung. Aber die Aufzählung allein macht schon deutlich, dass diese Klage Ausdruck eines extrem diffusen Unbehagens ist. Als treffliche Beleidigung leidet Investoren-Architektur an einem sehr austauschbaren Inhalt. Schon die Tatsache, dass der Begriff Investor selbst nicht wirklich geklärt oder einer konkreten Berufsgruppe zugeordnet werden kann, macht die präzise Adresse, die jede gepfefferte Ohrfeige braucht, unkenntlich.

Erfüllt ein großes deutsches Unternehmen, das eine komplett verschlossene Fassade vom Charme eines Telefonkastens neben einen kleinteiligen Wohnstadtteil platziert, das Kriterium eines fiesen Investors?

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Magentas Hammer in St. Pauli

Sind von großen Immobilien-Konsortien errichtete Bankentürme, die unzweifelhaft den besonderen Charakter einer Stadt bestimmen, trotzdem Investorenarchitektur?

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Frankfurts Banken-City

Ist die nackte Hässlichkeit eines Bürohauses, das aussieht wie ein schmalköpfiger Riesenroboter mit breiten Hosenträgern oder wie 90er-Jahre-TV-Design in Pfützenfarben, ein untrügliches Zeichen für den totalen Ausverkauf der Demokratie ans große Geld?

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Ein führender Anbieter für Business-Kommunikations-Lösungen in Frankfurt

Müssen neu gestanzte Stadtviertel von der Eintönigkeit fahler Schallschutzwände sich als Investorenarchitektur beschimpfen lassen, nur weil ihre Bauträger alle Regeln für das Gelingen einer vielfältigen, lebendigen, durchmischten und abwechslungsreichen Stadt aus Kostengründen und Planungsroutine komplett ignoriert haben?

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Neuer Wohnpark in Karlsruhe

Sind luxuriöse Eigentumswohnungen in Insellage mitten in der dichten Gründerzeitstadt wirklich eine Demonstration kalter Finanzlogik von Investoren, die sich mit städtischer Zustimmung vollkommen abgekoppelt haben von einem sinnvollen und verbindenden Städtebau?

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Exklusive Luxusapartments "Living Levels" mit Blick auf Kreuzberg

Und darf man aufgeregte Star-Architektur, die einzig dem Zweck dient, Menschen aus dem Stadtraum in Shoppingmalls zu locken, als kunstliebender Mensch tatsächlich in die unterste baukulturelle Kategorie der Investorenarchitektur einordnen?

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Kö-Bogen in Düsseldorf von Daniel Libeskind

Die Antwort auf all diese Fragen lautet: "Ja!“

Denn es ist nicht die finanzpolitische Konstruktion, die darüber entscheidet, ob ein Unternehmen Investorenarchitektur produziert, sondern der Gedanke des Investements. Die allgemein üblich gewordene Priorität bei städtebaulichen und architektonischen Entscheidungen, nach der das Wohl höchster Rendite des Finanziers den Ausschlag gibt, verursacht jene ortlose und kalte Architektur, die Menschen als zu mächtig, als arrogant, fremd und feindlich wahrnehmen. Denn der Kerngedanke der Investorenarchitektur ist die Rückkehr des Investments mit größtmöglichem Gewinn.

Und das deckt sich leider nur sehr selten mit den Bedürfnissen von Stadtbewohnern nach Straßen mit vielen kleinen Läden im Erdgeschoss, mit abwechslungsreichen Fassaden in einem ortstypischen Stil, nach einem persönlich bekannten Bäcker vor der Haustür, Auslauf für den Hund, nach sympathischen Kneipen und Cafés sowie einer Nachbarschaft, die im öffentlichen Raum angenehme Orte findet, um sich zwanglos und ohne Verzehrzwang zu treffen.

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Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: das Luxus-Wohnensemble "Kronprinzengärten" in Berlin

Die Regeln, nach denen die klassische Investoren-Philosophie die Stadt besetzt, sind abgeleitet von sehr einfachen Schemata der Nutzbringung, die möglichst überall in der Welt gleich anwendbar sind. Denn ernsthaft planen, erforschen und nachdenken vor Ort braucht leider viel zu viel Zeit, und das kostet Geld, anstatt es einzubringen. Nichts zeigt die redundante Vorstellungswelt dieser Absicht deutlicher, als die wenigen weltweit gleichen Phrasen der Investoren, mit denen sie an den Bauzäunen ihre Welt erklären. Das Vokabular und die Aussagekraft dieser Banner begrenzen sich auf ein Vokabular von maximal hundert Worten, oder das eines Donald Trump, nur ohne den Pöbelton.

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"Arbeiten auf höchstem Niveau“, "Eine Investition in die Zukunft“, "flexible Arbeitswelten“ – Slogans für die Kornmarkt-Arkaden in Frankfurt

Wir sind also längst trumpisiert, nur ohne das triviale Gliedvorzeigen, das im amerikanischen Affenzirkus zum Marketing gehört. Aber die Struktur dieser Ideologie findet sich auch in europäischen Städten längst. Es ist das System von Alphatierchen, wo der bissigste in der Herde seinen Vorteil durchsetzt, und die anderen tunlichst mitmachen, um daraus ebenfalls persönlichen Nutzen zu ziehen. Nicht die Bürger, und auch nicht ihre gewählten Politiker bestimmen in diesem Casino des Städtebaus die Regeln. Es sind die Macher in der Immobilienblase, für die es nur zwei Charaktere gibt: Winner oder Loser.

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Tel Aviv

Die Loser, das sind alle, für die das Schimpfwort Investor mittlerweile ein Synonym dafür ist, dass die Städte weltweit ihre Eigenheiten und ihre Schönheit verlieren, ohne dabei eine neue zu gewinnen. Gegen diesen Trumpizismus hilft leider kein Beten. Da hilft nur, Trumps Toupet der Lüge sofort wieder abzureißen.