Folge 1: NS Dokumentationszentrum München

Sofort wieder abreißen!

Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: Das NS Dokumentationszentrum München.
NS-Dokumentationszentrum in München

NS-Dokumentationszentrum in München

Die meiste neue Architektur ist schlimm. Aber es geht noch schlimmer. Für seinen neuen Blog reist art-Architekturkolumnist Till Briegleb durch die Welt und bespricht Neubauten, die so falsch, schlecht und respektlos sind, dass es nur eine vernünftige Lösung für sie geben kann: "Sofort wieder abreißen!" Erster Kandidat für die goldene Abrissbirne: das NS-Dokumentationszentrum München:

Wie kann es passieren, dass ein Ort des Gedenkens an die Greueltaten der Nazis genauso aussieht wie die Firmenzentrale eines globalen Wirtschaftsprüfers? Fährt man mit dem Zug nach München hinein, steht kurz vor dem Hauptbahnhof linker Hand der weiße Würfel mit vertikalen Streifen und horizontalen Glasflächen von PricewaterhouseCoopers. Steigt man kurz darauf aus der U-Bahn Königsplatz, um ins Lenbachhaus oder die Glyptothek zu gehen, steht rechter Hand der weiße Würfel mit vertikalen Streifen und horizontalen Glasflächen des neuen NS-Dokumentationszentrums. Zufall? Absicht? Egal?

Schon der Wettbewerb 2009 für das neue bayrische Renomee-Projekt am Standort des Braunen Hauses favorisierte ausschließlich Lösungen, die eins gemeinsam hatten: erstarrte Symbol-Phobie. Bloß keine Erinnerungen an Irgendetwas, historische Spuren oder Bezüge zur einstigen NS-Parteizentrale unbedingt vertuschen, keine sprechende Haltung der Architektur, kein selbstbewusstes Gebäude. Wichtig war den Auslobern die richtige Platzierung im örtlichen Baumbestand und eine abwaschbare Hülle in der Farbe der Unschuld, die bitte niemand auf die Idee bringen solle, das Dritte Reich sei ein Münchner Kindl.

Münchner Zentrale von PricewaterhouseCoopers

Münchner Zentrale von PricewaterhouseCoopers

Und so fiel das Ergebnis eindeutig aus: seelenlose Klapperkisten, eine nach der anderen, die genauso einen Bogner-Flagshipstore oder eben einen Haufen Bilanz-Pedanten beherbergen könnten. Der jetzt gebaute Siegerentwurf des Berliner Architekturbüros Georg Scheel Wetzel zeigt dann auch soviel Bekenntnis zu der historischen Verantwortung der Aufarbeitung wie ein Autobahnbelag.

Das Hinterfotzige (wie der Bayer sagen würde) an dieser bedingungslosen Zweck-Neutralität ist leider, dass ihre kategorische Vermeidung jeder Symbolik ein überaus starkes Symbol geschaffen hat: das neue NS-Dokumentationszentrum, das im Herbst eröffnet werden soll, zeigt nach Außen eine erstarrte Vernunftsmaske aus Distanz, Kälte und Angst vor Empathie. In seiner architektonischen Ausdruckslosigkeit tut es so, als hätten wir die Geschichte mal wieder mit abstrakter Argumentation gebändigt. Demonstrationen der totalen Rationalität stehen aber spätestens seit Zygmunt Baumans brillanten Analysen über den Zusammenhang von Moderne und Holocaust im Ruf, mehr die kalte Verengung des Totalitarismus auf industrielle Effektivität zu illustrieren als das Feuer seiner Feinde.

Der Versuch, jede Ambivalenz aus dieser Architektur herauszuhalten, führt deswegen zu einem Gebäude, das mehr mit der herzlosen Akkuratesse seines Gegenstands zu tun hat, als ihm lieb sein kann. Diese Ausstrahlung emotionaler Unfähigkeit lässt sich dem Eiswürfel nie mehr austreiben.  Deswegen lautet die einzig vernünftige Lösung für das NS-Dokumentationszentrum in München:

Sofort wieder abreißen!