Folge 5: EuropaCity Hauptbahnhof Berlin

Sofort wieder abreißen!

Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: Die EuropaCity am Hauptbahnhof in Berlin
EuropaCity am Hauptbahnhof Berlin

EuropaCity am Hauptbahnhof Berlin

Dass Architekten keine Heimat mehr bauen können, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Es ist zwar trotzdem schade, denn vor dem Bombenkrieg gab es auch in Deutschland Städte, die ihre Gäste mit einem Fassadenbild begrüßten, das Erinnerungen und andere Sentimentalitäten aufnehmen konnte. Berlin, München oder Dresden empfingen den Zugreisenden einst mit einem Gesicht wie Venedig, Paris oder Wien. Auch dort ist lokale Bautradition zwar längst so verpöhnt wie das Tragen von Hut und Reifrock. Aber das Modernitätsdiktat, das überall in der Welt Vielfalt predigt und Einfalt herstellt, ist merkwürdigerweise in einer Stadt besonders ausgeprägt, der man etwas Heimweh nach dem prächtigen Früher am ehesten nachsehen würde: Berlin.

Zwar wohnt in der Hauptstadt jeder, der etwas auf sich hält, in einem Gründerzeitbau. Das lindert nicht nur den Phantomschmerz von 50 Prozent zerstörter Häuser durch Bomber Harris Luftkrieg, sondern erfüllt auch die Bedürfnisse der meisten Menschen anscheinend ideal. Aber wenn ein neuer Plan gemacht wird, dann sehen die Gebäude grundsätzlich so aus, als habe man an der Spree Sehnsucht nach zwölf Monaten Frostwetter. Emotionale Tiefkühlkost in streng zersägten Blöcken, die glitzern wie Eiswürfel oder in monotone Lochfassaden gezwängt sind. Wenn man eine ornamentale Frostbeule sieht, ist man schon froh.

Um zu zeigen, wie ernst man es mit dem ästhetischen Erfrierungstod in Berlin meint, empfängt die Stadt seine Gäste am Hauptbahnhof (Flugzeuge wissen ja nicht mehr, wo sie in Berlin landen können) neuerdings mit einer Kühltruhen-Aufstellung in militärischer Apellhof-Formation – ausgerichtet nach uralten Plänen des lange schon verstorbenen Quadrat-Fetischisten Oswald Mathias Ungers und umgesetzt von lauter berühmten Architekten wie Ortner und Ortner oder Barkow Leibinger.

Wenn der verwirrte Zugreisende also endlich seinen Weg aus dem Orientierungsdesaster des grauen Konsumlabyrinths der Deutschen Bahn AG gefunden hat und vor dem Südportal des Bahnhofs sich verzweifelt mit anderen Rüpeln um Taxis balgen muss, dann sieht er rechter Hand des zugigen Aufmarschplatzes, den er dafür betreten muss, die ersten Blöcke der Berliner Wunscharktis.

Trauriger Versuch von Gastlichkeit in einer lebensfeindlichen Umgebung

Trauriger Versuch von Gastlichkeit in einer lebensfeindlichen Umgebung

Klotzeis für Kurzwohner mit soviel Gestaltungswillen wie eine Groko kurz vor der Wahl, das ist es, was Berlin zum Willkommen auffährt. Meininger und InterCity-Hotel sind so einladend gestaltet wie die Betonwürfel am Straßenrand, und wer bei dem als „Steigenberger“ getarnten Block nicht einen Kampfstern der Borg halb eingegraben im märkischen Sand erkennt, der ist vermutlich längst vom Berliner System assimiliert.

Ein flüchtiger Blick nach links zeigt als nächstes den Doppelklotz des neuen Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dessen serielle eisgrüne Schießschartenfassade sein Thema von Neugier, Innovation und Kreativität wie folgt umsetzt: ein architektonischer Wortschatz von zehn Vokabeln erzeugt die Vielfalt von täglichem Tiefkühlspinat.

Berliner Tiefkühlspinat mit Hund: das neue Forschungsministerium am Hauptbahnhof

Berliner Tiefkühlspinat mit Hund: das neue Forschungsministerium am Hauptbahnhof

Und falls unser gestresster Reisende zum Nordportal geeilt ist, weil man bis vor Kurzem nur dort einen dieser unfreundlichen Berliner Taxi-Fahrer ergattern konnte, dann begrüßt ihn dort im Baustellengewirr das nächste Fischstäbchen der so genannten Europacity im Vertikalformat, der Tour Total. Umkränzt von Baukränen in ihrer grimmigen Entschlossenheit, Berlins neuem Bahnhofsviertel mit weiteren Bauklötzchen jede Hoffnung auf Persönlichkeit, Atmosphäre und Verweilfreude auszutreiben, ist „Total“ wirklich der richtige Name für diese ungastliche Kälte.

Berliner Wunscharktis mit Tour Total

Berliner Wunscharktis mit Tour Total

Hier möchte man kein Eisbär sein. Trotz der leckeren Menschen, die es für das Raubtier in dieser lebensfeindlichen Umwelt zu essen gäbe, hätte selbst dies kältegewohnte Tier keinen anderen Stoßseufzer für seine Berliner Bärenkollegen aus Plastik übrig als: Sofort wieder abreißen!