Folge 16: Roche Tower Basel

Sofort wieder abreißen!

Architekturkritiker Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten. Diesmal: Der Roche Tower Basel, ein größenwahnsinniges Superprojekt ohne jeden menschlichen Maßstab.
Roche Tower Basel

Menschlicher Maßstab ade: Der Roche Tower gegenüber dem alten Basel ist bereits im unfertigen Zustand Mitte 2014 einfach nur Babylon ohne Geschmack

Die späten Sechziger und frühen Siebziger waren die Zeit der Superprojekte. Beflügelt von den utopischen Architekturideen einiger bekiffter Briten, aber immer noch gefangen in dem beschränkten Geist einer Tabula-Rasa-Moderne, entwarfen europäische Stadtplaner maßstabssprengende Komplexe mitten in den Innenstädten. Abriss ganzer Stadtviertel für zackige Betonregallager oder so genannte Citys, die aus zahlreichen groben Versicherungsburgen mit Wassergraben und freiem Schussfeld bestanden, waren irgendwie erfrischend rücksichtslose Ideen, um Metropole zu fühlen. Aber offensichtlich noch nicht rücksichtslos genug, um vierzig Jahre später in den besten Schweizer Architekten nicht noch brutalere Nachahmer zu finden.

Plan für das Hamburger Alsterzentrum

Plan für das Hamburger Alsterzentrum Ende der Sechziger, im Vordergrund klein das Atlantic-Hotel, der Rest von St. Georg sollte für die 63-stöckige Stadtkrone abgerissen werden

Warum Herzog & de Meuron ausgerechnet ihre Heimatstadt mit der größtmöglichen Grässlichkeit verunstalten, die Stadtlandschaft einer über Jahrhunderte gewachsenen kleinteiligen Struktur in Klein-Basel mit einem weißen Raffzahn mindestens für Jahrzehnte in eine Fasnachtsfratze verwandeln, ist nur durch den typischen Masochismus einer Moderne zu erklären, die stur stumpf baut, aber selbst edel wohnt. Jedenfalls wirft das 178 Meter hohe Büromassiv – das bei Fertigstellung 2015 das mit weitem Abstand höchste Gebäude in der Schweiz sein wird – einen langen dunklen Schatten auf das Werk von zwei Architekten, die eigentlich größte Verdienste für die Entwicklung einer abwechslungsreichen skulpturalen Architektur erworben haben.

Blick von der Münster Pfalz

Vorher: Blick von der Münster-Pfalz, als das Ungetüm noch am Beginn seines Wachstums stand. Das sanfte Panorama rheinaufwärts wirkt noch halbwegs intakt

Nachher:der gleiche Blick ab 2015 laut Animation der Architekten

Nachher:der gleiche Blick ab 2015 laut Animation der Architekten

Sind Jacques Herzog und Pierre de Meuron von ihrem eigenen Einfallsreichtum mittlerweile so gelangweilt, dass sie sich nach jenem Gefühl der radikalen Stadthygiene sehnen, mit der die Nachkriegsplaner mehr lebenswerte Urbanität zerstört haben als die ganze alliierte Bomberflotte? Der Hassreflex der ersten Modernen gegen die dekorierte dichte Stadt, die sie als Entzündungsherd für Krankheit und reaktionäre Gesinnung missverstanden, mag nicht so unterschiedlich sein von dem Gefühl von Architekten, die das Idyllische ihrer Umgebung irgendwann ganz offensichtlich so verachten, dass sie einen brutalen Keil hineintreiben müssen.

Basel

Ansicht von Klein-Basel nach dem ersten Hochhaus: der Messeturm von Morger & Degelo stört erstaunlich wenig die Kulisse, ist aber auch gläsern, schlank und mit 105 Metern knapp halb so hoch wie der Roche Tower von Herzog & de Meuron (Foto: Till Briegleb)

Weil jeder bei Basel vor allem an die engen verwinkelten Gassen denkt, die schmucken Häuschen und den (bisher) so schönen Blick von der Münster-Pfalz über den Rhein und die Stadt, mussten die berühmteste Zeitgenossen dieser intakten Lebenswelt offensichtlich mal ihr ganzes Machtgefühl arrogant ausleben und diese Harmonie so gründlich zerstören, dass jeder stadtliebende Mensch sich bei dem neuen Anblick nun reflexartig übergeben muss.

Luftbild

Im Luftbild sieht doch alles gar nicht so schlimm aus. Dafür muss man sich einfach nur einen Helikopter kaufen

Dabei gibt es in Basel durchaus Orte, wo man mit einem hässlichen Hochhaus nicht gleich noch ein städtebauliches Exempel statuieren muss – und wo die Bauherren dieses angesägten Palettenstapels – die Pillendreher von Hoffman-LaRoche – eigentlich auch hingehören: Ins Chemie-Ghetto rheinabwärts, ein Ort, der auch von der gesegneten Aussichtsplattform vor dem Münster aus schmuck in der Ferne leuchtet.

Chemiestandort Basel

Strahlende Heimat der Fischbestandtöter: der Chemiestandort Basel

Tatsächlich ist der Reiz zur größenwahnsinnigen Zerstörungswut bei Herzog & de Meuron aber schon vor 20 Jahren einmal giftig aufgezuckt, als sie zusammen mit dem Künstler Remy Zaugg einen Darth Vader würdigen Angriff auf Berlin skizzierten. Mit vier Scheibengeschossen rund um den Tiergarten zeichneten sie eine Kesselschlacht gegen die gewachsene Stadt, deren Klugheit sich auch dem bösartigsten Modernisten nicht erschlossen haben dürfte.

Kesselschlacht mit Hochhäusern: Herzog & de Meurons Plan für vier Wohnzimmerwände rund um den Tiergarten von 1995

Kesselschlacht mit Hochhäusern: Herzog & de Meurons Plan für vier Wohnzimmerwände rund um den Tiergarten von 1995

Nach Basel jedenfalls kann man solange nicht mehr reisen, bis die babylonische Chemie-Säge wieder abgerissen wird. Wirklich schade eigentlich. Denn bisher war Basel eigentlich ganz schön.

Aktueller Nachtrag: Damit das Roche-Areal in Zukunft wirklich aussieht wie das Alsterzentrum, hat die Firma eine umfangreiche Erweiterung mit neuen Hochhäusern bis zu 205 Metern präsentiert, die bis 2022 umgesetzt werden soll. Die Roche-Propaganda dazu hier. Ein kleines Vergleichsbild zu "Sechzig Jahre nichts dazugelernt", hier:

Die neue Roche-Metropole für das Jahr 2022

Die neue Roche-Metropole für das Jahr 2022