Klimakapseln - Hamburg

Science-Fiction zum Nachdenken

Unser Klima wandelt sich. Wenn wir unsere Lebensbedingungen nicht ändern, so droht laut Wissenschaftlern die Katastrophe. "Wie werden wir unter und mit den veränderten klimatischen Bedingungen leben?" fragt die Ausstellung "Klimakapseln" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Eine riesige, transparente Kugel ragt über dem Eingang des Museums für Kunst und Gewerbe aus einem Fenster. Sie kann über einen schleusenartigen Notausgang betreten werden und birgt im Inneren ein Pseudo-Sehnsuchtsidyll bestehend aus zwei Palmen und einer dazwischen aufgespannten Hängematte. Die österreichische Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co hat die "Oase Nr.7" entworfen und erstmals 1972 auf der Documenta 5 in Kassel gezeigt. Um den Auswirkungen des Klimawandels zu entkommen, kapselt man sich ein, die Freiheit, die man sich hinter dem symbolischen Notausgang erhofft, ist räumlich begrenzt. "Die Oase Nr. 72 ist ästhetisch aufregend und schön, aber auch total unheimlich und gruselig", sagt der Kurator der Ausstellung Friedrich von Borries. "Genau diesen Widerspruch, in dem wir gesellschaftlich gefangen sind, machen wir innerhalb der Ausstellung an den einzelnen Exponaten sichtbar."

Die Ausstellung "Klimakapseln – Überlebensbedingungen in der Katastrophe" beschäftigt sich mit der Frage, wie wir unter den Auswirkungen des drohenden Klimawandels leben werden. Momentan wird in der Öffentlichkeit vor allen Dingen darüber diskutiert, wie klimaschädliche Emissionen vermindert werden können, um den Wandel des Klimas zu stoppen. "Wir trauen uns nicht darüber zu sprechen, was passieren wird, wenn unsere Versuche scheitern werden", sagt Borries. Die Ausstellung traut sich und zeigt 30 Kapseln aus den Bereichen Architektur, Kunst, Design und Städtebau, die ein vom Klima unabhängiges Leben möglich machen: Wohnkapseln, Naturkapseln, Klimabekleidung, schwimmende Städte und atmosphärische Kapseln werden in der Ausstellung gezeigt und erfahrbar gemacht. Hierbei fühlt man sich oft in die Welt eines Science-Fiction-Films versetzt und staunt über wunderschöne Objekte wie etwa "Superstar: A Moblie China Town" der MAD Architekten. Doch die visionären Entwürfe haben einen ernsten Hintergrund, der einen erschauern lässt. Was hier leicht und verspielt im Raum steht, könnte in Zukunft lebensrettend sein. Diese Ambivalenz zieht sich durch die gesamte Ausstellung. "Die Ausstellung ist sehr schön, das Thema aber ist schrecklich. Es ist unsere Absicht mit diesem Spannungsfeld zu arbeiten", erläutert Borries das Konzept.

Ein Spannungsfeld, das auch in der Aufführung der Performance "Shrink" von Lawrence Malstaf zur Ausstellungseröffnung sichtbar wurde. Ein Mann wird zwischen zwei PVC-Planen eingeschweißt, scheinbar vakuumiert. Durch zwei Plastikschläuche erfolgt die Luftzufuhr. Von außen betrachtet, sieht das furchtbar aus. Die Betrachter der Performance schauen angespannt zu, stellen sich diese Situation klaustrophobisch vor und haben angesichts der sich rötenden Haut des "Eingeschweißten" schmerzliche Assoziationen. Der Performer spricht aber im Nachhinein von etwas wie Geborgenheit, einem Wohlfühlmoment und Mutterleibsassoziationen. Zu sehen ist die Performance "Shrink" (1995) auch als Video.

Ein wesentliches Merkmal der Ausstellung ist es, dass aktuelle und ältere Arbeiten werden miteinander konfrontiert. So sind beispielsweise utopische Entwürfe von Wohnkapseln aus den sechziger und siebziger Jahren, etwa von Matti Suuronen und David Greene (Archigram), zu sehen. Auffällig ist, dass es sich hierbei meist um mobile Wohnkapseln handelt. "Mobiltiät ist der Traum unserer Gesellschaft, unser gesellschaftliches Ideal", sagt Borries. "In den sechziger Jahren wurden Stadtvisionen für wandernde Städte entworfen. Heute fragt man sich natürlich warum man mit einer Stadt überhaupt wegwandern will. Dafür gibt es eigentlich nur eine Antwort: Weil man den Standort verwüstet hat. So bekommen heute diese beweglichen Klimakapseln nochmal eine ganz andere Bedeutung."

Was ist aber mit den Ausgegrenzten?

Wer ist eigentlich in der Kapsel und wer außen? – das ist die drängende Frage, die sich einem beim Betrachten des Bildes von Richard Buckminster Fuller aus dem Jahr 1960 aufdrängt. Der "Dome over Manhatten", eine Kuppel aus Glas, soll New York vom Hudson zum East River und von der 22. zur 62. Straße einschließen – eine Fläche von drei Kilometern Durchmessern wäre das. Man berechnete, dass die Außenfläche der Kuppel nur 1/85 der Außenfläche der eingeschlossenen Gebäude entsprechen würde und somit zum Beheizen und Kühlen auch nur 1/85 der Energie verbrauchen würde. Einige wenige Priviligierte würden in einem geschützten und gut versorgten Raum sein, in einer künstlichen Umwelt, die von Klimaveränderungen nicht betroffen ist. "Von drinnen wird man ungestörten Kontakt nach draußen haben. Die Sonne und der Mond werden auf die Landschaft scheinen, der Himmel wird vollständig sichtbar sein, aber die unangenehmen Auswirkungen des Klimas – Hitze, Staub, Ungeziefer und grelles Licht – werden durch die Hülle moduliert, so dass im Inneren ein Garten Eden entsteht", versprach Fuller. Was ist aber mit den Ausgegrenzten, die sich diesen Luxus nicht leisten können?

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Studenten realisierten eigene Projekte wie die Performance "Fuck for Future" und halfen Curtis Schreier von Ant Farm bei der Verwirklichung seines Projektes "Clean Air Pod". Die Kooperation unterschiedlicher Personen- und Interessengruppen scheint für Lösungsansätze und innovative Konzepte unabdingbar, was in der Ausstellung und dem begleitenden Symposium am Wochenende sehr gut sichtbar wird. Hortensia Völckers, die Direktoren der Kulturstiftung des Bundes, sagte im Rahmen der Ausstellungseröffnung: "Ich bin davon überzeugt, dass wir die wichtigste Kapsel auf unseren Schultern tragen. Wir brauchen eine Bildungsrevolution, wir brauchen Experimentierfreude." Bleibt zu hoffen, dass nicht der Spaß überwiegt, denn es macht Spaß, durch die Kapseln zu kriechen und eine wenig futuristische Luft zu schnuppern, sondern dass ein Gefühl der Beklemmung zurückbleibt, das uns den Anstoß gibt zu handeln und die Frage aufwirft: Wollen wir wirklich so leben?

"Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe"

Termin: bis 8. August, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Katalog: edition Suhrkamp, zirka 14 Euro
http://www.mkg-hamburg.de/mkg.php/de/sonderausstellungen/vorschau/detail/~S000649/~P1//

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