Hussein Chalayan - London

Der Konzeptkünstler unter den Modeschöpfern

Philosophie, Politik, Psychologie und Kunst beeinflussen den Modedesigner Hussein Chalayan für seine Kollektionen – bereits seit Jahren gilt er als das größte Genie des Laufstegs. In London zeigt derzeit das Design Museum seine erste, große Überblicksschau in Großbritannien.

Für das Finale seiner Modenschau der Kollektion Herbst/Winter 2000 stieg das Model Natalia Semanowa in das Loch in der Mitte eines Couchtisches, der bis dahin Zentrum einer Sitzecke auf dem Laufsteg gewesen war. Langsam zog sie den Tisch nach oben, befestigte ihn an ihrer Hüfte und begann, auf und ab zu gehen. Aus einem hölzernen Tisch war ein Rock geworden. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen, und der Schöpfer dieser erstaunlichen Verwandlung von Möbel- in Kleidungsstück war über Nacht das neue Genie des Laufstegs.

Schon mit seiner Abschlusskollektion am Londoner St. Martin’s College of Art hatte der 1970 auf Zypern geborene Hussein Chalayan gezeigt, dass er mehr sein wollte als nur ein begabter Schneider, der es versteht, Stoff raffiniert zusammenzunähen. Seine mit Metallspänen gespickten Seidenkleider vergrub er in seinem Garten und holte sie erst nach Monaten wieder heraus. Er wollte sehen, wie der Stoff langsam zerfällt. Das Resultat: eine weitere Sensation, und die Londoner Boutique Brown’s kaufte die gesamte Kollektion.

Chalayan ist der Konzeptkünstler unter den Modeschöpfern. Seine Entwürfe, so sagt er selbst, haben ebenso viel mit dem Erzählen von Geschichten zu tun wie mit Stoff, Schnitt und Linie. Philosophie, Politik, Psychologie beeinflussen seine Kollektionen ebenso wie Farbe und Material. So dekonstruiert er Kostüme aus Kasachstan, entwickelt aus einem schwarzen Kleid Stück für Stück ein buntes, Ethno-Kleid und kehrt wieder zum Schwarz zurück. Mit dem moslemischen Schleier bedeckt er unterschiedliche Körperteile, während der Rest des Körpers nackt bleibt.

Seine Themen: Vertreibung, Klimawandel, Identität

Alle Kollektionen tragen Titel und fußen auf einer Leitidee. Die in den Möbelkleidern gipfelnde Kollektion "After Words" befasst sich mit Heimatlosigkeit und Vertreibung, "Airborne" (2007) hat als Ausgangspunkt den Klimawandel, einige Kleider sind mit pulsierenden Leuchtdioden bestickt. "Panoramic" (1998) fußt auf dem berühmten Zitat von Ludwig Wittgenstein, "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", und verwendet Spiegel in einem komplizierten, um Identität kreisenden Spiel. Und bei seiner Modeschau "Readings" (2008) zeigte er mit Lasern besetzte Jacken, die noch einmal sein Interesse auch an neuen Technologien demonstrierten.

Der intellektuelle Schneider bleibt auch nicht, wie ein Schuster, bei seinen Leisten. So macht er etwa Videos, mehr oder minder erfolgreiche Ausflüge ins Reich der Kunst. "Place to Passage" (2003) ist eine imaginäre Reise von London nach Istanbul, die eine mysteriöse Frau in einem aerodynamischen, gondelähnlichen Gefährt unternimmt. Der Betrachter gleitet an Betonwüsten und traumähnlichen Landschaften vorbei, doch lange, bevor man am Bosporus angekommen ist, ist das Interesse versandet. Anders sein Beitrag zur Biennale von Venedig, wo er 2005 die Türkei vertrat. Die Videoinstallation "The Absent Presence", mit Tilda Swinton in der Rolle einer Wissenschaftlerin, thematisiert Emigration anhand von Frauen, deren Kleidungsstücke nach DNA-Spuren untersucht und aus deren Ergebnis dann Gesichter und Kleider hergestellt wurden.

Vieles, was er entwirft, ist nicht oder nur schwer tragbar

Die Retrospektive im Design Museum ist die erste Schau, die ihm seine Heimatstadt London widmet. 15 seiner bisher 30 Kollektionen sind zu sehen, ausgestellt in separaten Räumen. Der Schwierigkeit, Mode ohne einen sich bewegenden Körper zu zeigen, wird mit dramatischer Beleuchtung begegnet. Vieles, was er entwirft, ist nicht oder nur schwer tragbar. Etwa die fließenden Kleider der Kollektion "Kinship Journeys" (2003), deren Säume mit schwarzen Heliumballons hochgehalten werden. Anderes wieder, vor allem die elegante Kollektion "One Hundred and Eleven" (2007) mit ihren verhaltenen Farben, sieht großartig aus.

Der große kommerzielle Erfolg, wie etwa der seines ehemaligen Kommilitonen Alexander McQueen, ist für den Modemagier bislang ausgeblieben. Vor sieben Jahren ging sein Studio sogar pleite, er brauchte eine Weile, um sich wieder aufzurappeln. Seine im letzten Jahr geschlossene Verbindung mit dem deutschen Sporthersteller Puma soll, wie er sagt, seine Arbeit einem breiteren Publikum nahebringen. Nicht nur die Sportkleidung, die er für Puma entwerfen wird, sondern auch seine eigene Mode: Puma ist Teil des französischen Konsortiums PPR, dem auch Gucci, McQueen und Yves Saint Laurent angehören.

Chalayans jüngste Kollektion, für den Frühjahr und Sommer dieses Jahres, heisst "Inertia". Mit der "Trägheit" beginnt die Retrospektive: drei kurze Kleider aus Hartgummi, bedruckt mit Fragmenten von verbeulten Kotflügeln und zerbrochenen Nummernschildern, und dazu bewegen sich die Mannequins mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum. "Geschwindigkeit" war das Thema der Kollektion, und die Pariser Modenschau, auf der er sie im Oktober 2008 vorstellte, endete dann auch mit einem krachenden Zusammenstoß und splitterndem Glas.

"Hussein Chalayan"

Termin: bis 17. Mai, Design Museum, London
http://www.designmuseum.org/exhibitions/future-exhibitions

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