Bernar Venet - Interview

Irgendwann holt jemand seine Kreditkarte heraus

Der französische Künstler Bernar Venet hat einen Bugatti Veyron Grand Sport mit mathematischen Formeln verziert. art-Korrespondentin Claudia Bodin sprach mit Venet über sein Projekt, das zur Art Basel Miami Beach in der Sammlung der Familie Rubell ausgestellt wurde.
Ein unmögliches Projekt:Bernar Venet gestaltete einen Bugatti

Bernar Venet mit dem Schweißbrenner vor dem von ihm gestalteten Bugatti Grand Sport Venet

Bernar Venet ist vor allem für Skulpturen bekannt, mit denen er die Kraft der Linie erforscht.

Gemeinsam mit Bugatti widmete sich der französische Künstler der Formel für Geschwindigkeit: Der 71-jährige, in Frankreich und New York lebende Venet ließ den Innenraum und die Lackierung eines Bugatti Veyron Grand Sport mit den Formeln zur Errechnung der Leistungskraft eines Motors bestickten und lackieren. Das 1001 PS starke und mehr als eine Million Euro teure Kunst-Modell wurde im Privatmuseum der Rubell-Familie in Miami vorgestellt.

art: Herr Venet, muss man etwas von Mathematik verstehen, um Ihre Arbeit zu begreifen?

Bernar Venet: Die Leute überschätzen mein Denken. Aber immerhin verstehe ich die meiste Zeit, was ich tue. Bei dem Veyron Grand Sport handelt es sich um das außergewöhnlichste Auto, das es gibt. Mich können Sie da völlig außer Acht lassen. Es ist das kraftvollste, schnellste, teuerste Auto. Einfach fantastisch. Meine Zusammenarbeit mit Bugatti begann damit, dass mich der Verkaufsleiter fragte, ob ich daran interessiert sei, das Auto zu bemalen. So wie BMW es mit seinen Art Cars macht. Aber ich wollte das Auto nicht wie eine weiße Leinwand benutzen. Man steht bei dem Bugatti vor etwas, das bereits eine Skulptur ist. Also lautete meine Antwort: Ich würde ja auch nicht auf eine Skulptur von Michelangelo malen. Ich dachte zunächst, dass dieses Projekt unmöglich sei.

Bugatti blieb hartnäckig?

Ich fing ich an, über Ideen nachzudenken, mit der das Niveau des Wagens angehoben werden könnte. Was bei einem perfekten Design schwierig ist. Meine Lösung war, nicht die Verbindung zu meinen Skulpturen zu suchen, wie Bugatti es vorgeschlagen hatte, sondern, etwas mit meinen Malereien zu machen, auf denen ich mit mathematischen Gleichungen arbeite. Mir kam die Idee, dass ich die technischen Studien der Bugatti-Ingenieure, die diesen Motor so schnell machen, einsetzen könnte. Eine Gleichung sitzt an manchen Stellen auf der anderen, um Unordnung zu kreieren. Die Geschwindigkeit löscht im Frontteil des Wagens Buchstaben aus. Man bekommt das Gefühl von Tempo und Dynamik. Die Farbe der Reifen ist vorn heller als hinten. Die Formeln befinden sich in keiner bestimmten Reihenfolge, sondern sind so angeordnet, dass die Ästhetik stimmt.

Ließen Sie sich bei den Farben von Ihren rostigen Metallskulpturen beeinflussen?

Ich befürchtete anfangs, dass die Kupferfarbe zu aggressiv ist. Aber, weil wir ein sehr dunkles, fast schwarzes Braun benutzten, verschmelzen die Farben auf perfekte Weise.

Was wird mit dem Auto im Anschluss an Miami passieren?

Es wird an unterschiedlichen Orten ausgestellt. Und dann, eines Tages, wird es jemand kaufen. Aber es gibt keinen wirklichen Preis oder irgendwelche Eile. Irgenwann wird jemand seine Kreditkarte herausholen.

Ist die Messewoche in Miami perfekt, um ein Luxusobjekt wie dieses vorzustellen?

Man will es nicht auf der Messe zeigen, wo alles zum Verkauf steht. Sondern zwischen anderen Kunstwerken. Wie hier mit der Sammlung von den Rubells, mit denen ich seit 40 Jahren befreundet bin. Eine Arbeit von mir befindet sich in ihrer Sammlung, aber sonst sind sie an jungen Künstlern interessiert.

Verbringen Sie nach wie vor viel Zeit in New York?

Ich wohne immer noch in New York, aber bevorzuge inzwischen Südfrankreich. Außerdem habe ich mein Gebäude in Manhattan, das 2000 Quadratmeter umfasste, verloren, weil jemand mich übers Ohr gehauen hat. Es ist verrückt. Aber es ist mir nicht mehr wichtig. In Frankreich kann ich gut arbeiten. Meine Arbeiten lasse ich in Ungarn produzieren, alles ist perfekt organisiert.

Empfinden Sie die Linie als Ihre größte künstlerische Herausforderung?

Ich habe auf so viele unterschiedliche Arten mit der Linie gearbeitet. Besessen bin ich davon nicht wirklich. Im Moment widme ich mich wieder dem Punkt, was amüsant ist. Mit Punkten arbeite ich seit Ende der sechziger Jahre. Auf der Leinwand, auf Collagen, Zeichnungen.

Muss eine gute künstlerische Arbeit schwierig sein?

Ein wirkliches Werk muss ursprünglich sehr schwierig zu verstehen sein. Die Leute müssen vor der Arbeit stehen und sich fragen: Was ist das? Weil sie nicht über die Mittel verfügen, das Werk zu verstehen. Wenn dies der Fall ist, handelt es sich um großartige Kunst. So erging es den Betrachtern, als sie zum ersten Mal Arbeiten von Malewitsch oder Kandinsky sahen. Und das Gleiche passierte, als ich 1966 zum ersten Mal meine mathematischen Formeln zeigte.

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