Plastikmuseum Plart - Italien

Eine Hommage an den Kunststoff

Wer nach Neapel fährt will natürlich den Golf sehen. Aber man sollte unbedingt auch in den Untergrund gehen. Neben dem sagenhaften Gänge- und Höhlenlabyrinth und den fünf der zeitgenössischen Kunst gewidmeten Metro-Stationen gibt es jetzt dort noch eine weitere Attraktion: das Plastikmuseum Plart.
Eine Hommage an den Kunststoff:Das Plastikmuseum Plart in Neapel

Andrea Branzi: "Pettine Sole", Teilansicht einer Installation der Sammlung Plart

Es liegt im schicken Stadtviertel Chiaia, wo renommierte Galerien und Luxus-Label die Szene beherrschen. Nachdem man einen Innenhof überquert hat, führt eine Rampe hinunter zu den Fundamenten der historischen Palazzi. Hier hat die reiche Unternehmerin Maria Pia Incutti ihre Sammlung von 2000 Kunst- und Designobjekten aus Plastik ausgebreitet.

Daneben lässt sie sich noch originelle Sonderausstellungen einfallen. So stellte hier das Wiener Designer-Duo Katharina Mischer/Thomas Traxler ihre Maschine "The idea of a tree" vor, die Objekte herstellen kann: Tröpfelnde Farbe und Fäden, die sich von Spindeln abrollen, werden mittels Sonnenenergie um eine Form gewickelt – und fertig ist ein Lampenschirm. Je stärker die Sonne, desto blasser die Farben und umgekehrt. Mischer/Traxler kamen jetzt mit diesem Projekt auf die Shortlist für den Preis "Brit Insurance Designs of the Year". Zur Zeit ist eine Sammlung von historischen Haarkämmen zu sehen. Die ersten Kunststoffversionen aus den zwanziger Jahren waren noch kleine Kunstwerke, bevor sie in der Massenproduktion verflachten. Der Mailänder Designer Andrea Branzi hat sich auf Wunsch des "Plart" mit diesem Thema beschäftigt und einige gezackte Objekte entworfen.

Das Zeitalter der Kunststoffe beginnt vermutlich mit Charles Goodyear, der 1839 das Gummi vulkanisierte. 1872 kam Zelluloid in den Handel und 1907 der erste vollsynthetische Kunststoff Bakelit, womit die Bahn frei war für Polystirol, Nylon und PET bis zu den Polykarbonaten. Im Laufe von 30 Jahren ist es Maria Pia Incutti gelungen, eine vollständige Dokumentation über die Geschichte der Kunststoffe zusammenzustellen. Dann stellte sie mit Schrecken fest, wie hinfällig all ihre Schätze waren: Auf Sitzmöbeln aus Polyurethanschaum der siebziger Jahre konnte man sich nicht mehr niederlassen. Gummi oxidierte, PVC wurde klebrig, glänzende Oberflächen wurden stumpf. Kunststoff verformt sich, verändert die Farbe, wird spröde.

"Erst gibt es Risse, und dann ist plötzlich alles Staub"

"Manche Kunststoffe bauen schlagartig ab", sagt die Sammlerin, "sie zerfallen einfach vor unseren Augen in ihre Grundbausteine, die Monomere. Man weiß überhaupt noch nicht, wie man solche Prozesse aufhalten könnte. Meine Sammlung ist für mich zu einer einzigen Herausforderung geworden." Die Gufram-Objekte aus Polyurethan, Ikonen der Pop-Art-Ära, stehen unter Glas. Auch der berühmte Kleiderständer "Kaktus" bröselt. "Die größte Sorge machen uns Objekte aus Zelluloid. Aus den Jahren um 1890 sind nur noch ganz wenige erhalten. Sogar Luftfeuchtigkeit und Sauerstoff setzen ihnen zu. Erst gibt es Risse, und dann ist plötzlich alles Staub. Ein sorgsam gehütetes Andenken ist futsch. Aber die Holzschublade, in der es lag, hält noch lange durch", sagt Maria Pia Incutti. Keine Hoffnung also für Puppen und Filme aus Cellulosenitrat? "Nein, niemand kann den Zerfall aufhalten. Man kann ihn nur hinauszögern, indem man die Zelluloidobjekte sehr trocken und bei 18 Grad im Dunkeln aufbewahrt."

Die energische Unternehmerin hat in den 1000 Quadratmeter großen Räumen des Plart ein wissenschaftliches Zentrum eingerichtet, um die Erforschung von Restaurierungsmethoden für Kunststoffe voranzutreiben und um eine neue Generation von Restauratoren auszubilden. Wer erhalten will, muss das vorliegende Material mittels chemischer Analysen identifizieren. An das Labor des Plart wenden sich immer häufiger Museen, Galerien und Privatsammler. Künstler werden beraten. Das Plart ist in seiner Art einzigartig in Europa. "Ich stehe im Kontakt zu dem kleinen Kreis von internationalen Kollegen, die auf diesem Gebiet arbeiten", sagt die Sammlerin, "wir haben das Problem erkannt, aber noch nicht bewältigt."

Bisher gehörte zum Image der Kunststoffe die Vorstellung, dass sie unverwüstlich sind. Man ahnte nicht, dass sich Mikroorganismen für die glatte Oberfläche von Plastik interessieren könnten. Da müssen alle, die sich um unser kulturelles Erbe kümmern, nun schnell umdenken.

"Plart – das Plastikmuseum"

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr, Samstag 10 – 13 Uhr, Tickets 5 Euro, Adresse: Via Martucci 48, 80121 Naples, Italy
http://www.plart.it/

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