Carlo Mollino - München

Ein Renaissance-Man mit Rennwagen

Er entwarf das Theater von Turin, baute einen Rennwagen, mit dem er an den 24 Stunden von Le Mans teilnahm, konstruierte Möbel, Häuser und Skistationen. Sogar eine Methode des Skifahrens lehrte Carlo Mollino. Chris Dercon, Direktor des Haus der Kunst in München widmet ihm nun eine Ausstellung. Es ist die letzte von Dercon kuratierte Schau, der nun in London Direktor der Tate Modern ist. Ein Interview.

Diese Woche eröffnet im Haus der Kunst eine große Schau über den exzentrischen italienischen Architekten Carlo Mollino. Die Ausstellung ist so etwas wie Ihr Abschiedsgeschenk an München. Wie kamen Sie auf Mollino?

Da muss ich zurück in die Zeit der achtziger Jahre gehen. 1986/87 begegnete ich in New York der Choreografin Karole Armitage. Sie hatte für das American Ballet ein Stück geschrieben, das hieß "Mollino’s Room" mit einen Bühnenbild von David Salle, ihrem damaligen Partner.

David und Karole wohnten in Lower Manhattan, und David hatte schon damals ein wahnsinniges Interesse an Design – eigentlich ganz gegen die Zeit, denn für Möbel der fünfziger und sechziger Jahre interessierten sich damals nur einige wenige Spezialisten. Ungefähr zur selben Zeit tauchten auch die ersten Möbel von Mollino auf dem Kunstmarkt auf.

Und damals beschlossen Sie, eine Ausstellung über Mollino zu machen?

Nein. Ich vergaß Mollino erstmal wieder, bis ich in Rotterdam 1989/90 im Architekturinstitut meine erste richtige Mollino-Ausstellung sah. Die kam damals aus Turin, und es ist immer noch eine der besten Ausstellungen über ihn, weil dort die Architektur im Mittelpunkt stand. Das ist mir auch für unsere Ausstellung in München ganz wichtig. Außerdem war mir aufgefallen, dass sich plötzlich bildende Künstler wie Simon Starling und Nairy Baghramian für Mollino interessierten. Als ich in München dann über meine Ausstellungsidee redete, erfuhr ich, dass der Fotokünstler Armin Linke und der Architekt Wilfried Kuehn auch gerade an einem Mollino-Projekt arbeiteten. So haben wir uns dann zusammengetan.

Carlo Mollino war ein Multitalent, der nicht nur Häuser und Stühle entwarf, sondern auch mit der Kamera experimentierte, Rennwagen baute und Bücher schrieb. Welche dieser Aktivitäten ist Ihrer Meinung nach rückblickend am wichtigsten?

Mollino erinnert mich an Künstler von heute. Er ist nicht nur Architekt, er ist ein Spektakelmacher, der mit einem selbstdesignten Auto zum 24-Stunden-Rennen nach Les Mans geht, ein verrückter Fotograf, seriöser Publizist und Theoretiker, ein Renaissance-Man mit unglaublicher Neugier und technischem Know-how. Was ich an ihm schätze, sind all diese unterschiedlichen Facetten. Wenn Sie sich etwa seine Foto- und Theoriebücher anschauen, das ist absolut ernst zu nehmen. Er hat zum Beispiel ein wunderbares Essay, eine Kritik über das italienische Kino geschrieben. Das in Kombination mit seiner Verrücktheit und der großen technischen Disziplin macht Mollino zu einer Inspirationsquelle für viele Künstler von heute.

Und wie drückt sich das in den Arbeiten zeitgenösssischer Künstler aus?

Simon Starling hat bereits zwei Projekte zu Mollino gemacht, die wir in der Ausstellung zeigen werden, das eine ist ein Film über einen Stuhl von Mollino, und die andere Arbeit dreht sich um den Fiat Panda und Mollinos Faszination für die Technizität von Automobilen. Nairy Baghramian wiederum kennt sich sehr gut mit Mollino aus, sie hat bereits eine Ausstellung in Baden-Baden gemacht, die ihm gewidmet war. Steven Claydon, Heide Specker und Mai-Thu Perret haben über ihn gearbeitet, Jürgen Teller hat in der Casa Mollino fotografiert, Patti Smith hat dort vorbeigeschaut – es gibt einen wahren Fanclub von Mollino-Begeisterten.

Was wird in Ihrer Mollino-Ausstellung denn genau gezeigt?

Wir versuchen, den vorangegangenen Ausstellungen ein neues Kapitel hinzufügen. Erstmals wird das, was sich in Mollinos Archiv befindet, grundsätzlich recherchiert und gezeigt, und das in Kombination mit Exponaten, die aus der Casa Mollino kommen, dem Privatmuseum der Mollino-Experten Fulvio und Napoleone Ferrari in Turin. Dazu gibt es eine Auswahl der besten Möbelstücke, viele davon aus Privatsammlungen. Die besten Stücke besitzt übrigens der Schweizer Galerist Bruno Bischofberger. Zusammengeführt werden all diese Elemente in einer Choreografie und Architektur von Armin Linke und Wilfried Kuehn, die nicht chronologisch ist, aber immer wieder wichtige Kapitel im OEuvre von Mollino untersucht.

Das Bild, das viele heute von Mollino im Kopf haben, ist dennoch mehr geprägt von seinem dandyhaften Lifestyle und den erotischen Fotografien als von seinen architektonischen Erungenschaften. Wollen sie das ändern?

Wir wollen Carlo Mollino jedenfalls nicht als "artiste de frivolita" zeigen. Er ist kein frivoler Künstler. Was er machte, ist manieriert, aber auf eine konzeptuelle Weise. Wir wollen ihn als wichtigen Architekt würdigen. Wenn wir über Architekten wie Peter Zumthor reden und deren Entwürfe mit denen von Mollino vergleichen, könnte man fast von einem "Proto-Zumthor" sprechen. Gerade wird ja viel über Nachhaltigkeit und Landleben gesprochen, Themen mit denen sich Mollino schon sehr früh auseinandersetzte. Wer wollte heute nicht gern auf der Terrasse von Mollinos Alpenhütte sitzen?

Über diesen Aspekt haben wir noch gar nicht angesprochen. Mollino hat nicht nur sehr schöne und funktionale Skihütten gebaut, er war auch ein leidenschaftlicher Skifahrer und hat sogar ein Lehrbuch dazu herausgebracht.

Ja, damit berührt er eine persönliche Leidenschaft: meine Liebe zu den Alpen und den Berghütten Norditaliens. Ich bin schon lange mit der Familie Pistoletto befreundet. Michelangelo Pistoletto ist einer der besten Skifahrer Italiens. Er hat mir das Skifahren beigebracht – nach der Methode von Mollino.

Carlo Mollino Maniera Moderna

Haus der Kunst, München
Bis 8. Januar 2012
http://www.hausderkunst.de/index.php?id=328&L=0