Jean Paul Gaultier - Interview

Flirt mit Gaultier

Das Museum Brooklyn Museum in New York zeigt die Mode von Jean Paul Gaultier. Der lässt in der Schau nicht nur seine Models zu Wort kommen, sondern spricht auch mit art über Schönheitsideale und Ringelshirts.

art: Sie haben sich mit Ihrer Mode stets gegen einheitliche Schönheitsideale stark gemacht. Ist unsere Gesellschaft heute freier oder noch angepasster als früher?

Jean Paul Gaultier: Ich erinnere noch heute dieses Mädchen in meiner Schule. Sie hatte rote Haare und war so dünn, das ihre Arme durchsichtig wirkten.

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Ich habe schon immer Schönheit geschätzt, die besonders ist, und wollte zeigen, dass es nicht nur eine Art von Schönheit gibt. Es fragt sich, warum so wenig schwarze Models Haute Couture vorführen oder auf den Laufstegen zu sehen sind. Ich liebe unterschiedliche Hautfarben. Dann gibt es die Diktatur, schlank zu sein. Doch die amerikanische Musikerin Beth Ditto ist ein gutes Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Warum sollte man versuchen wie alle anderen auszusehen, wenn man offensichtlich nicht schlank ist? Man sollte sich nicht hinter der Mode verstecken, sondern sich selbst zeigen.

Mussten Sie mit Ihren Kollektionen jemals Kompromisse eingehen, damit sie sich verkaufen lassen?

In der Mode geht es um Sehnsüchte, um die Gesellschaft und um den Moment, in dem wir leben. Und letztlich geht es darum, dass Kleidung getragen wird. Nicht, um jemanden zu verändern. Sondern, um zu zeigen, wie schön er ist. Nachdem wir etwas gefertigt haben, das nicht so kommerziell ist, lassen wir etwas folgen, das es sein könnte. Ziel ist es, dass die Sachen getragen und verkauft werden. Es handelt sich um eine Industrie. Also muss man auch Dinge tun, die verkäuflich sind. Zu Beginn geht es jedoch um etwas anderes. Wenn man an etwas dran ist, muss man losschwimmen oder einfach in das Wasser springen, anstatt sich zu fragen: Du meine Güte, wieviele Meter bin ich geschwommen? Sollte ich bedenken, wie weit es noch ist oder wie warm das Wasser ist? Es ist besser, wenn man zunächst etwas macht, das man fühlt und sein Bestes gibt. Anschließend kann man es dann kommerzieller gestalten.

Ihr Markenzeichen ist das Matrosen-Ringelshirt. Was hat es damit auf sich?

Es gibt viele Einflüsse. Sei es Coco Chanel, Tom of Finland oder Rainer Fassbinder und sein Film "Querelle" mit dem ultimativen Matrosen als sexualisiertes schwules Symbol. Die Uniformen von Matrosen sehen gut aus und können sehr elegant sein. Besonders mag ich die Hosen, die ich in vielen Kollektionen eingesetzt habe. Der Ursprung der gestreifen Shirts sind jedoch Kindheitserinnerungen. Meine Mutter hat mir Matrosen-Shirts angezogen. Sie passen zu allem, sie kommen niemals aus der Mode.

Ist es für Sie wichtig, die Mode nicht allzu ernst zu nehmen und Ihren Sinn für Humor zu behalten?

Ich glaube das Menschen grundsätzlich einen Sinn für Humor haben müssen. Das Leben ist sonst so ernst, so langweilig. In jeder Zusammenarbeit steckt etwas Lachhaftes, Lustiges, Zusammenhangsloses, das zur gleichen Zeit genau deshalb schön ist. Humor ist meine Art, das Spiel zu spielen. Aber gleichzeitig nehme ich meine Arbeit sehr ernst.

Sind sich Mode und Kunst heutzutage näher?

Nein, ich werde von der Kunst beeinflusst. Es inspiriert micht mit Regisseuren wie Almodóvar oder Besson zu arbeiten. Ich arbeite mit Künstlern, aber ich selbst bin keiner. Bei meiner Arbeit geht es um Mode. Ich kreiere Geschichten für die Mode.

From the Sidewalk to the Catwalk

Termin: bis 14. Februar 2016, Kunsthalle München
http://www.kunsthalle-muc.de/ausstellungen/details/jean-paul-gaultier/