Punk: Chaos to Couture - New York

Die Grabstätte des Punk

Das Metropolitan Museum in New York hat mit "Punk: Chaos to Couture", nach der erfolgreichen Alexander-McQueen-Show, noch einmal kunstvolle Modekreationen imposant in Szene gesetzt. Warum die große Punk-Ausstellung trotzdem gründlich daneben geht, berichtet unsere Korrespondentin aus New York.

Punk im Metropolitan Museum hat so wenig mit der aufsässigen Jugendbewegung zu tun wie der gute alte New Yorker Punkclub "CBGB" mit der Carnegie Hall.

Kurator Andrew Bolton, der Alexander McQueen mit einer meisterhaften Blockbuster-Show im Metropolitan geehrt hatte, nähert sich der Subkultur natürlich über die Mode und führt vor, wie Punk seit seiner Geburtstunde in den Siebzigern, als Richard Hell von den "Televisions" sein T-Shirt zerriss, es mit Sicherheitsnadeln zusammenflickte und seine Haare zur Igelfrisur stylte, die Designer beeinflusst und zu provokanten Kreationen angeregt hat.

"Punk begann mit einem Impuls, einem Gefühl", erklärte Bolton bei der Eröffnung. Genau so war es. Und deshalb hat man trotz der vielen wirklich kunstvollen Modekreationen, die imposant in Szene gesetzt werden, selten eine so deprimierende Ausstellung gesehen. Die Schau "Punk: Chaos to Couture" führt vor, wie ein Stück Jugendkultur in eine Markenware verwandelt wird. Bereits beim Betreten der Ausstellung wird klar, dass die Modewelt für all das steht, was Punk niemals sein wollte. Punk war Anarchie: unkontrolliert, improvisiert, wild, billig und hässlich.

Am Eingang laufen auf einem großen Bildschirm Ausschnitte aus einem "Sex-Pistols"-Konzert. Den Film hat der britische Modefotograf Nick Knight zusammengeschnitten, der in der Vergangenheit Videos mit Björk und Lady Gaga drehte. Punkmusik, die Seele der Bewegung, schienen Knight und Kurator Bolton den Museumsbesuchern aber nicht zumuten zu wollen. Denn statt "Sex Pistols" hört man Rossinis Ouvertüre "La Gazza Ladra". Rechts und links neben dem Bildschirm stehen zwei Schaufensterpuppen mit Igelfrisuren. Sie wurden mit Outfits von Dior und Vivienne Westwood ausgestattet.

Der vor drei Jahren gestorbene Malcom McLaren hatte das Punk-Phänomen aus den USA Mitte der siebziger Jahre nach England exportiert, wo es mit Hilfe der Band "Sex Pistols" und der Modedesignerin Vivienne Westwood aufblühte. Westwoods geniale zerfledderte T-Shirt-Kreationen mit Bildern von der Queen, nackten Brüsten oder der englischen Flagge sind in einem der Räume zu sehen. Ebenso wie diverse Westwoods Punk-Outfits, bei denen zerschlissene Stoffe, Leder, Spitze, schwere Ketten, Reißverschlüsse, Stoff im berühmten Schottenmuster oder Dr. Martens als ein aus der Modegeschichte nicht mehr wegzudenkendes Accessoire zum Einsatz kamen. "Ich habe mich nicht als Modedesigner verstanden, sondern als jemand, der sich dem verrotteten Zustand mit der Art, wie man sich anzog, widersetzen wollte", wird Westwood zitiert. Ihr Laden auf der Londoner Kings Road wurde nachgebaut, was der Austellung den Charme einer Disney-Show verleiht. Bilder von Ikonen wie Blondie und Patti Smith flackern traurig über einen Bildschirm. Den absoluten Tiefpunkt stellt der Nachbau der "CBGB"-Toiletten dar.

Zu Grabe getragen

Gleich nach diesen Club-Klos wird dann brav der Einsatz von einzelnen Punk-Elementen in der Mode vorgeführt: Versace (Sicherheitsnadeln), Balenciaga (Spitze), Givenchy (Nieten) und so weiter. Andere Räume hingegen zeigen gekonnte Entwürfe von Designern wie Ann Demeulemeester, John Galliano, Hussein Chalayan, Rodarte oder Alexander McQueen und wie aus Plastiktüten oder mit Farbe bespritzten Stoffen Haute Couture entstehen kann. Kurator Bolton hat mit seiner erfolgreichen McQueen-Show eine Ästhetik gefunden, die zu einer Art Markenzeichen geworden ist und die er nach der Ausstellung über die Designerinnen Schiaparelli und Prada nun nochmals neu auflegt. Doch Punk wird mit dieser Show nicht gefeiert, sondern in den in Pink gehaltenen oder mit schwarzer Lackfarbe gestrichenen Räumen eher zu Grabe getragen. Dass Altstar Madonna zur Eröffnungsgala in durchlöcherten Strumpfhosen zum ultrakurzen, mit Nieten besetzten Schottenkaro-Jacket auflief, machte die Veranstaltung auch nicht lebendiger.

Am Ausgang der Ausstellung können sich die Besucher ein T-Shirt mit dem "CBGB"-Logo kaufen. Der Punkrock-Club auf der Bowery, in dem die "Ramones" ihren ersten Auftritt hatten und Blondie, Patti Smith oder die "Talking Heads" spielten, ist seit 2006 geschlossen und längst New-York-Geschichte. In die Räume zog der Modedesigner John Varvatos mit einer Boutique ein.

"Punk: Chaos to Couture"

Daten: bis 14. August , Metropolitan Museum of Art, New York
http://www.metmuseum.org/exhibitions/listings/2013/PUNK

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