Kunst-Pullover - Interdisziplinäres Design

Lass uns spielen gehen

Auf Einladung eines Modeunternehmens entwarfen Tilda Swinton, Ryan McGinley und Stephen Sutcliffe Pullover. Im Interview sprechen sie über ihren Grenzgang zwischen Kunst und Design, den Kurator Hans-Ulrich Obrist in Gang brachte
Lass uns spielen gehen:Das komplette Interview

Tilda Swinton führt den von Ryan McGinley designten Pullover vor

Bevor sich das 1815 gegründete Unternehmen Pringle of Scotland auf feine Strickwaren spezialisierte, hatte es Strümpfe und Unterwäsche für kalte schottische Winter hergestellt. In Zusammenarbeit mit Hans-Ulrich Obrist von der Londoner Serpentine Gallery lud die traditionsreiche Mode-Firma eine Reihe von Künstlern wie Douglas Gordon, David Shrigley, Luke Fowler und Stephen Sutcliffe ein, um kunstvolle Varianten von Twinsets und Pullovern zu kreieren. Ryan McGinley filmte gemeinsam mit Tilda Swinton die Kampagne für das Haus. ART traf die beiden gemeinsam mit dem Briten Stephen Sutcliffe in Miami, wo sie ihre Kunst-Strickwaren vorstellten

ART: Was veranlasst zwei Künstler und eine Schauspielerin dazu, mit einer Modefirma zu kooperieren?

Stephen Sutcliffe: Ich arbeite bei meinen Filmen mit Collagen. Für mich war das Projekt interessant, weil es sich um eine neue Art der Collage in einem anderem Medium und eine neue Arbeitsweise handelte, die ich noch nicht kannte.

Tilda Swinton: Es war einfach eine großartige Einladung zum Spielen mit all diesen unglaublichen Leuten. Und es ging darum, Kunst zum Anziehen machen.

Ryan McGinley: Für mich kam es einem Traum gleich, mit Tilda zu arbeiten. Wir haben viele gemeinsame Freunde.

Tilda Swinton: Es war nur eine Frage der Zeit, dass wir zusammen kommen.

Ryan McGinley: Bei Ihrer Frage klingt durch, dass Sie es für verrückt halten, dass ein Künstler gemeinsam mit einer Modefirma arbeitet. Das ist es keinesfalls. Es passiert ständig und es ist an der Zeit, entspannter mit dem Thema umzugehen. Die größten Künstler haben mit Marken kooperiert. Andy Warhol hat als Illustrator angefangen. Es ist kein Tabu, sondern großartig, dass Firmen an Künstler glauben und sie Kunst machen lassen, die einem vollkommen anderen Publikum vorgestellt wird. Was wichtig für die Kunst ist. Denn sie bleibt sonst nur einem inneren Kreis zugänglich. Es handelt sich um die ständig gleichen Leute. Was manchmal langweilig wird.

Tilda Swinton: Wenn Sie sich die Aufstellung der Künstler angucken, sehen Sie, dass die meisten von ihnen interdisziplinär arbeiten. Sie mussten sich also nicht großartig strecken. Es geht um das Spielerische, um ein anderes Szenario. Um gute Gesellschaft und um Kollegen, die mit auf die Reise gehen.

ART: Sie haben eine langjährige Beziehung zur Serpentine Gallery, wo Sie 1995 mit Ihrer Performance „The Maybe“ auftraten.

Tilda Swinton: Es war eine Installation, die ich in London gemeinsam mit der Künstlerin Cornelia Parker gemacht und auch in Rom gezeigt habe. In Rom durfte ich eine Mittagspause einlegen, in London schlief ich sieben Tage lang acht Stunden durchgehend in einem gläsernen Kasten.

ART: Wie Schneewittchen.

Tilda Swinton: Nun, jeder hat seine eigenen Projektionen. Die Leute denken an Schneewittchen oder sie fragen mich, ob ich nackt war und wie ich es geschafft habe, nicht auf die Toilette zu gehen. Ich habe vor, „The Maybe“ noch mal zu machen und hatte damals Einladungen nach Japan und Russland. Lenins Leichnam hatte mich überhaupt erst auf die Idee gebracht. All die Leute, die sich anstellen, um einen Toten zu sehen. 1994 besuchte ich viele Beerdigungen von Freunden. Die Arbeit war in Gedenken an sie gedacht. Aber weil ich nicht viel später schwanger mit Zwillingen war, entschloss ich mich erst einmal gegen weitere Installationen.

ART: Wie lief die Zusammenarbeit von Tilda Swinton und Ryan McGinley ab?


Ryan McGinley: Wir krochen durch Höhlen, durch Fenster eines magischen Schlosses und rannten durch Wälder.

ART: Das klingt wie die Arbeit zu Ihren Fotos, für die Sie mit dem Bus durch Amerika reisen und Bilder in der Natur schießen. Bei Ihrer neuesten Serie überraschten Sie mit Porträtaufnahmen im Studio.

Ryan McGinley: Ich bin nach wie vor für drei Monate im Jahr für meine Fotos auf Reisen und auch sonst ständig unterwegs. Wir sind wie ein Wanderzirkus. Deshalb hat es mir gefallen, zur Abwechslung im Atelier zu arbeiten.

ART: Haben Sie die Messe in Miami besucht?

Stephen Sutcliffe: Ich zeige einige Arbeiten auf der Messe und suchte mir außerdem bestimmte Sachen heraus, die ich sehen wollte. Messen beunruhigen mich nicht. Aber wie die meisten versuche ich, mir nicht allzu viel anzusehen, um mich selbst nicht zu überladen und meine Gedanken über die Kunst nicht zu beschädigen.

Ryan McGinley: Ich gehe nach einer Formel vor: Ich trage eine Sonnenbrille, habe mit niemandem Augenkontakt und setze mir Kopfhörer auf, um einen guten Mix zu hören. Mit einer kleinen Digitalkamera mache ich Fotos von Sachen, die mich inspirieren. Messen sind ein genialer Ort, um Leute zu beobachten, besonders Kinder, die sonst keine Kunst sehen. Das macht mich ganz einfach glücklich.