Möbelmesse Köln - Impressionen

Kölsche Kamellen

Neben dem Karneval gibt es noch einen zweiten Grund, im Winter nach Köln zu fahren: die Internationale Möbelmesse, die seit Jahrzehnten als Trendlabor und Pflichtveranstaltung für die Designbranche gilt. art hat sich auf dem Messegelände und diversen Nebenschauplätzen umgesehen – mit zwiespältigem Fazit: Von der IMM gehen kaum noch Impulse aus.
Kölsche Kamellen:Impressionen der Kölner Möbelmesse

Gekommen um zu Spielen: Besucherin auf der Kölner Möbelmesse

Das K-Wort

Man mag es kaum noch aussprechen, es ist einem regelrecht zuwider – und doch, es muss gesagt werden: Auch auf der Kölner Möbelmesse gibt es sie, sie ist angekommen, die vielbeschworene, allgegenwärtige K R I S E. Und dazu war es gar nicht nötig, die Hersteller nach ihren Umsätzen auszufragen: Ein bloßer Blick in Halle 11, sonst immer eine Art Schrein des Hochdesigns, genügte.

Nicht nur, dass einige zentrale Designfirmen wie Vitra oder Nils Holger Moormann diesmal auf einen Stand verzichteten – es war offenbar auch nicht möglich, die Standplätze an andere etablierte Hersteller zu vergeben. Statt dessen spielte der große Bruder Kunst den Lückenbüßer: Die Messerbesucher kamen ungefragt zu dem Vergnügen, sich mit einer ganzen Reihe von Werken des niederländischen Künstlers Joep van Lieshout auseinandersetzen zu dürfen. Mit Design haben diese Werke fast nichts zu tun, im vergangenen Sommer wurden sie im Essener Museum Folkwang unter dem Titel "Stadt der Sklaven" gezeigt.

Auf jeden Fall was Kritisches

Gespräch mit einer jungen Frau in Wächteruniform, die einen Teil der Kunstwerke van Lieshouts beaufsichtigt – es sind verfremdete, jetzt merkwürdig organisch aussehende Fitnessgeräte. Ob sie vielleicht wisse, ob dahinter ein Konzept stecke, und worum es dabei ginge? "Es ist auf jeden Fall etwas Kritisches, aber über den wirklichen Sinn der Werke wurde ich nicht informiert", sagt sie.

Die neue Gemütlichkeit

Natürlich sind trotzdem alle üblichen Verdächtigen da, auch wenn sie keinen Stand haben, wie der bayerische Designunternehmer Moormann. Aber immer kommen sie "nur zum Gucken". Ähnlich wie in der Kunstszene scheint es auch hier regelrechte Erleichterung über den fehlenden Glamour zu geben, denn Mailand, wo es tatsächlich noch um große Designer und viel Geld geht, sei ja so anstrengend! Das allerdings kann man von Köln diesmal wirklich nicht sagen. Relevanz wurde gegen Gemütlichkeit eingetauscht.

Frei schwingen auf Plastik

So nutzen auch wir die Krisenmesse, um uns einige Dinge mal – ganz gemütlich – etwas genauer anzusehen. Zum Beispiel Konstantin Grcics Stuhl "Myto", der als erster Freischwinger aus Kunststoff gilt. Am Stand des italienischen Herstellers Plank ist er in vielen Farben zu bewundern, und man kann auch den Sitztest machen. Ergebnis: Man fühlt sich dauerhaft ein wenig unwohl auf dem Stuhl, den er schwingt zwar nicht richtig, bietet aber auch keinen wirklichen Halt. Das Gefühl, man könne jetzt gleich zur Seite wegkippen, will nicht vergehen. Schließlich legt aber der eben vorbeikommende Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne, noch ein gutes Wort für den Stuhl ein: "Eine Großvieheinheit wie mich hat er immerhin ausgehalten", sagt er schmunzelnd, unter Anspielung auf die eigene Korpulenz.

Frauen und Rollkoffer

Gut, dass irgendwann, irgendjemand den Rollkoffer erfunden hat. Die kommen nämlich speziell der Damenwelt auf einer Messe zugute. Jede zweite Frau hatte ihren hungrigen kleinen Freund dabei, der abends nach Ende des Messebesuchs randvoll ist mit massenweise schweren Prospekten.

Ein Playboy ohne Bunnys

Im Kunstverein am Kölner Neumarkt wird in diesem Jahr der argentischstämmige Schweizer Alfredo Häberli als "Designer des Jahres" gefeiert. Ein überlebensgroßes Porträt des Gestalters begrüßt den Besucher am Eingang, und das Motto lautet: "Der Design-Playboy". Was allerdings ein Design-Playboy genau sein soll, ist uns nicht so richtig klar geworden. Ein Mann, der die Formen liebt? Einer, der nicht treu sein kann, und immer mit verschiedenen Herstellern anbandelt? Das sinnliche Feuerwerk einer Bunny-Parade bietet die Ausstellung allerdings nicht: Häberlis meist sehr schicke, aber wenig innovative Möbel sind auf zwei Achsen auf Sockeln in den Raum hineingestellt, den sie nicht wirklich füllen können.

Das Runde und das Eckige

An einer Kreuzung auf dem Weg zur "Designpost" gegenüber dem Messeingang in Köln-Deutz unterhalten sich zwei Männer über die neuen Trends in der Architektur: "Rund ist im Moment ja total in, ich hab vor kurzem gesehen, dass in Frankfurt zur Zeit ein Einkaufszentrum gebaut wird, das nur aus Dreiecken besteht."

Lob der Pommesbude

Am ersten Messeabend großer Auflauf beim branchenintern heftig verehrten Werbegrafiker Mike Meiré, der in seinem Studio ein neues, wie immer äußerst ambitioniertes Projekt präsentiert: "Global Food Project". Im Auftrag des Armaturenherstellers Dornbracht hat er sich mit dem Thema Küche auf unkonventionelle Weise beschäftigt und einige Original-Garküchen aus aller Welt nach Köln geholt, unter anderem aus Argentinien, Vietnam und dem Sudan. Leider sind die Küchen kalt, und so geht vom Charme des Kochens im Gewusel in den weißen, neonbeleuchteten Räumen einiges verloren. Eine lustige Vorstellung: Dass bei einer Vernissage in Argentinien Besucher neugierig um eine stillgelegte deutsche Pommesbude herumstehen.

Krisenfreie Zone

Die krisenfreie Zone der Messe ist eindeutig Halle 3! Hier stellen sich unter dem Namen "Design Talents" Studenten und Talente vor, die schon jetzt hoffen dürfen, vom Aufschwung zu profitieren, den Angela Merkels Konjunkturpaket uns hoffentlich bald bescheren wird. Man kann sich die Zeit dort mit Probesitzen, Experimentieren und Anfassen vertreiben, worauf sich die meisten überwiegend jungen Leute auch einlassen. Eine riesengroße Mac-Tastatur lädt dazu ein, schlaue Sätze aufzuschreiben und über einen großen Monitor als E-Mail an Freunde und Bekannte zu verschicken. Den transparenten Kicker darf man nicht nur bestaunen, sondern auch benutzen. Es gibt hier eine Menge schöner Ideen und liebevoll gestaltete Produkte, aber es fällt auch auf, wie brav und bescheiden diese Generation zu Werk geht. Über Gags wie eine aufblasbare Tischplatte oder Nachgemachtes wie die "Stuhlhockerbank", die doch sehr an Nils Holger Moormanns "Deutsche Bank" erinnert hinaus gibt es kaum Umwerfendes zu sehen. Niemand bemüht sich um eine ganz andere Sicht der Dinge, niemand will nachhaltig etwas in Frage stellen oder auch nur provozieren. Es scheint, als hätten sich die Studenten schon jetzt abgefunden mit der Welt, wie sie ist.

Rauchen überall

Die Frage, ob es eigentlich auch einen Raucherbereich gebe, wurde folgendermaßen beantwortet: "Hier rauchen eigentlich alle überall, ich kann Ihnen nicht sagen, ob hier ein Rauchverbot gilt oder nicht!"

Rauch überall

Ein echter Trend: Der holzlose Kamin, den wir gleich an mehreren Ständen sehen konnten. Aus einem minimalistisch gestalteten Metallkasten kommt eine Gasflamme heraus – statt des guten alten Kamins stellt man sich heute wohl ein Gerät ins Wohnzimmer, das wie ein riesengroßes Zippo-Feuerzeug aussieht. Über die Gestaltung wollen wir nicht streiten, aber wer will einen Kamin, in dem es nicht knistert?

Und übrigens...

... wir waren nur zum Gucken da!

"imm cologne"

Termin: bis 25. Januar, Köln.
http://www.imm-cologne.de/

Mehr zum Thema im Internet