Schrill Bizarr Brachial - Berlin

Vom Ende der Gemütlichkeit

Endlich würdigt eine Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum die Protagonisten des Neuen Deutschen Designs. Eine Reisebericht aus dem verspielten Design-Universum der achtziger Jahre.

Fast hätten wir sie vergessen – die deutschen Design-Ikonen der 80er Jahre. Etwa den aus rohem Armiereisen gebogenen Freischwinger "Solid" von Heinz Landes oder den zum Sessel umgebauten Einkaufswagen "Consumer’s Rest" von Stiletto.

Aber auch all die anderen Arbeiten aus Beton, geschweißtem Stahl und industriellen Halbzeugen von Gruppierungen wie Bellefast aus Berlin, Pentagon aus Köln und Kunstflug aus Düsseldorf. Und das, obwohl Ausstellungen wie "Möbel perdu – Schöneres Wohnen" aus dem Jahr 1982 und "Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen" von 1986 ein großes Medienecho ausgelöst hatten. "Spiegel" und "Stern" berichteten ausführlich über die jungen Designer, die sich mit radikalen und individuellen Entwürfen vom Effizienzgebot und der Ernsthaftigkeit des deutschen Designs absetzen wollten.

Alles begann Anfang der Achtziger. Als, inspiriert von den dekorativen Entwürfen des italienischen Designers Ettore Sottsass und seiner Mailänder Gruppe Memphis, bald auch junge Deutsche begannen, den Funktionalismus zu hinterfragen. Aber anders als die Memphis-Designer mit ihren bunten und verspielten Objekten orientierten sich die Deutschen an der provokativen DIY-Ästhetik und der verstörenden Expressivität des Punk und teilten, ähnlich wie die Musiker, jeder technischen Perfektion eine Absage.

Der Sehnerv darf verletzt werden, das Sitzfleisch nicht

Aber nach der Welle kam die Flaute. Trotz des großen medialen Interesses verkauften die Produzenten-Galerien, die überall in den deutschen Großstädten entstanden, die Entwürfe sehr schlecht. Die selbstgezimmerten, unbequemen Statement-Möbel fanden beim Publikum keinen großen Anklang. "Der Sehnerv darf verletzt werden, das Sitzfleisch nicht," erklärte der Cheftheoretiker und Namensschöpfer des Neuen Deutschen Designs Christian Borngräber damals enttäuscht. Als Ende 1989 dann die Mauer fiel, war alles vorüber. Wer es nicht schaffte eine Professur an einer deutschen Hochschule zu ergattern, hat es als freier Gestalter schwer.

Jetzt ruft eine Ausstellung unter dem Titel "Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre" im Berliner Bröhan-Museum die Erinnerung an die Zeiten des Experiments und der Provokation wieder wach. "Diese Entwürfe sind Teil der deutschen Designgeschichte, trotzdem hat sich niemand mehr darum gekümmert. Wir fanden, dass es an der Zeit war, sich wieder mit ihnen zu beschäftigen," erklärt Kurator Markus Zehentbauer. Gemeinsam mit Museumsdirektor Tobias Hoffmann hat er nicht nur in Museen recherchiert, sondern auch die Designer zuhause besucht, deren Freunde und Bekannte kontaktiert und selbst in privaten Kellern einige der Objekte wieder aufgetrieben.

Entstanden ist eine umfangreiche Ausstellung, die nicht nur mit den Möbeln, sondern auch Filmen den Zeitgeist von damals wieder aufleben lässt. Der 1985 im Auftrag des WDR produzierte Film "Aufbruch zum Durchbruch" von Christian Borngräber zeigt etwa eine absurde Design-Show, mit nackten Menschen, merkwürdig aufgesagten Sätzen, wohlfeilen Provokationen und viel Pathos. Kaum vorstellbar, dass so etwas mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lief.

Verdienst der Ausstellung ist es aber auch Meilensteine der Deutschen Designgeschichte wieder sichtbar zu machen und zu beleben. Ein besonderes Highlight stellt hier die Rekonstruktion der Berliner Studentenprojekts "Kaufhaus des Ostens" dar. Die Schau entstand 1984 als Andreas Brandolini Assistent an der Berliner Hochschule der Künste war und Jasper Morrison mit einem Stipendium in die Stadt kam und den kleinen "Handlebar Table", einen auf zwei Rennradlenkern und einer Glasscheibe basierenden Tisch, mitbrachte. Brandolini forderte seine Studenten auf, es Morrison gleich zu tun und Produkte aus Halbzeugen zu fertigen. Im Rahmen dieses Projekts entstanden sehr schöne Material-Collagen, etwa der Stuhl aus Porenbeton und Kupferrohr von Anna Maske oder die Leuchte "Directional Lightsource with small table" von Jasper Morrison aus Apothekerbedarf zusammengebaut. Die typischen Merkmale für Morrisons Design, wie etwa das Interesse an Alltagsobjekten und radikale Reduktion aufs Wesentliche sind in diesen sehr frühen Projekten bereits enthalten. Es ist sehr beeindruckend den Anfängen Morrisons in Berlin nachzuspüren, gehört er doch heute zu den einflussreichsten Designern der Welt. Vielleicht ist es ja so, wie Kurator Markus Zehentbauer sagt: "Die Entwürfe haben immer noch Potenzial."

Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre

Termin: bis 1. Februar 2015 im Bröhan-Museum Berlin
http://www.broehan-museum.de/01_museum.html