Urban Future Award - Istanbul

Die Stadt Für Alle

Verkehrsprobleme, Luxus-Ghettos und Immobilienboom setzen nicht nur Istanbul unter Druck: Bei der Design-Biennale und den Urban Future Awards untersuchte die Design-Elite, wie die Städte der Zukunft aussehen können. Das Rezept dafür könnte aus dem Kindergarten stammen: teilen lernen.

Je nachdem, wie man sie betrachtet, kommt einem die Stadt einmal zu östlich, dann wieder zu westlich vor und vermittelt einem damit das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören." Orhan Pamuk in "Istanbul – Erinnerung an eine Stadt"

Istanbul – kaum eine andere Metropole verkörpert Gegensätze und Kernfragen unserer heutigen Zeit so deutlich und brisant wie die Stadt am Bosporus.

War einst die Silhouette von Minaretten und Palästen geprägt, so tragen heute moderne Wolkenkratzer wie der Saphire Turm in Levent, Luxus-Shoppingmalls wie das neue Istinye Park und abgeschottete Villenviertel für die Nouveau-Riche dazu bei, dass sich das Stadtbild rapide verändert. Die Wirtschaft in der Türkei boomt trotz europaweiter Rezession, der Immobilienmarkt explodiert, und Premier Recep Tayyip Erdogan baut, als ob es kein Morgen gäbe. Dem Schriftsteller und Intellektuellen Orhan Pamuk trotzend, wollen plötzlich alle dazugehören.

Dass jedoch trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und Immobilienbooms in der Türkei fast kein öffentlicher Diskurs über Stadtplanung, Design und Architektur stattfindet, ist verblüffend. Oft kommt Kritik – wenn überhaupt – zu spät. Wie beim Bau des umstrittenen Demirören Einkaufszentrums in der Mitte der berühmten Istiklal Fußgängerzone. Es sollte eigentlich eine geschmackvolle Renovation des historischen Deveaux Apartmanları Gebäudes werden. Doch nach der Vollendung im März 2011 war klar: Das historische Gebäude war nicht renoviert, sondern zerstört worden. Die pseudo-historische Fassade – von der "Milliyet"-Zeitungskolumnistin Mehves Evin als "hormon-gedopter Kürbis" bezeichnet – ist ein ästhetischer Reinfall.

Deshalb ist es umso erfreulicher, dass nun letzte Woche gleich zwei große Ereignisse in einer bis heute eher vernachlässigten Designlandschaft stattfanden. Die Eröffnung der ersten Istanbuler Design Biennale, unter der Leitung der renommierten Kunst- und Kulturstiftung IKSV, sowie die im selben Rahmen stattfindende Verleihung des deutschen Architekturpreises Audi Urban Future Awards 2012 hat eine bunte internationale Mischung von Designern, Architekten, Akademikern und Journalisten an den Bosphorus gelockt. Ob es gelingt, auch einen Dialog mit der türkischen Öffentlichkeit anzuregen und bleibende Infrastrukturen für die Zukunft zu finden, steht offen. Dies jedoch ist der Wunsch von Biennale-Direktorin Özlem Yalim Özkaraoglu. Die Biennale, mit 100 Projekten von über 300 Designern und Architekten aus 46 Ländern, soll ein "neues Bewusstsein in der Branche, der Öffentlichkeit und der Regierung" schaffen.

Die Ausstellungen wurden vom türkischen Architekten Emre Arolat und dem Herausgeber des italienischen Design-und Architekturmagazins "Domus", Joseph Grima, kuratiert. Daneben finden sich zwei Monate lang fast täglich Seminare, Filmvorführungen, Vorträge und Design-Walks durch verschiedene historische und sich neu definierenden Viertel Istanbuls statt.

Der Titel der Biennale, "Kusurluluk – Unvollkommenheit", angeregt vom Direktor des Design Museums London und Mitglied des Biennale-Beirats, Deyan Sudjic, könnte nicht treffender sein. Die urbane Dynamik Istanbuls ist charakterisiert vom Unvollkommenen, Ungenauen, Provisorischen. Das macht die Stadt zugleich spannend und frustrierend, dynamisch und chaotisch. Hier bewegt sich etwas, wenn auch nicht immer in die richtige Richtung. So sollen heruntergekommene Viertel wie das berüchtigte Tarlabaşı – noch Heimat eines bunten Gemisches aus Arbeiterklasse, Zigeunern und Transvestiten – demnächst in eine sanitäre Mischung aus Boutique-Hotels, Shopping Malls und Luxusresidenzen verwandelt werden. Geld regiert, und nicht alle sind darüber glücklich.

Das Thema der urbanen Entwicklung in Megacities wie Istanbul wurde auch vom Audi Urban Future Award (http://mooove.com/audi-urban-future-initiative) aufgegriffen. Im Zentrum des alle zwei Jahre stattfindenden und mit 100 000 Euro hoch dotierten Architekturpreises standen fünf Weltmetropolen und ihre Herausforderungen in punkto Infrastruktur, denen sich jeweils ein Architekturbüro pro Metropole stellte: CRIT (Mumbai); Höweler & Yoon Architecture (Boston/ Washington); NODE Architecture & Urbanism (Pearl River Delta); Urban Think Tank (São Paolo) und Superpool (Istanbul).

Und so fand sich international gemischtes Publikum zur Ausstellung der Projekte in der alten Hasköy Spinning Factory ein und bewegte sich dann, Champagnerglas in der Hand, zur Preisverleihung per Schiff in Richtung Suada Insel, einem High-Society Treff mitten auf dem Bosporus. Wie schon vor zwei Jahren, als der Preis an den Berliner Architekten Jürgen Meyer H. und dessen Projekt einer Automobil-gesteuerten Zukunft ging, in der die Technik nicht zur Lösung sondern Ausblendung sozialer Probleme diente, so war auch in diesem Jahr der Gewinner vorhersehbar und ein wenig enttäuschend.

Ohne Frage ist das "Boswash" Projekt der US-Architekten Höweler & Yoon ein wohl durchdachtes und ausgeklügeltes Projekt. Konzipiert für den mit 53 Millionen Menschen bevölkerten Landstrich zwischen Washington D.C. und Boston, entlang des Superhighways I-95, ist "Boswash" eine Neuinterpretation des "American Dream" der Nachkriegszeit. Die Zukunft, so Höweler & Yoon, spielt sich nicht mehr im Einfamilienhaus in der Suburbia ab, sondern baut auf einen neuen gesellschaftlichen Konsens auf: Sharing oder Teilen. Im Zentrum steht der "Shareway", der den individuellen und öffentlichen Verkehr in eine hoch-technisierte Mobilitäts-Hauptschlagader bündelt, die sich durch die gesamte Region zieht und die dabei vorhandene Infrastruktur nützt. Doch nicht nur das Pendeln zwischen Arbeitsplatz und Wohnung soll somit revolutioniert werden, auch das Wohnen selbst wird anders aussehen – "Sharestay", also Teilzeitwohnen. Wirkliches Sharing, im Sinne einer demokratischen, öffentlichen Begegnung und Auseinandersetzung verschiedener Gesellschaftsschichten findet jedoch nicht statt. Man lebt nebeneinander, wie bisher in der amerikanischen Suburbia.

Es gab jedoch auch Vorschläge, die sich mit brisanteren sozio-politischen Fragen auseinandersetzten und sich durch eine fast spielerische und nicht ganz so lineare Herangehensweise auszeichneten. Wie das brasilianische Team Urban Think Tank und dessen Konzept des "Urban Parangolé", das sich von den tragbaren bunten Skulpturen des legendaren Brasilianischen Künstlers Helio Oiticica inspirieren lässt. Das Architektenduo lud ein zum "Tanz mit der Stadt". Dreidimensionale "Mehrzweck Hubs", platziert in der fragmentierten Innenstadt Sao Paolo’s, fordern eine Neubegegnung unterschiedlicher Gesellschaftsschichten heraus und beleben die Straße.

Oder das dänisch-türkische Team Superpool, das sich nicht nur mit dem gewaltigen Verkehrsproblem Istanbuls auseinandersetzt, sondern auch der von Orhan Pamuk geschilderten Problematik des Nicht-Dazugehörens und dem damit verbundenen Sich-Nicht-Verantwortlich-Fühlens. Mit ihrer Online-Plattform "Park" laden sie die Bevölkerung Istanbuls dazu ein, ihre Straßen, Viertel und die Stadt selbst für sich zurückzuerobern. Es geht ganz einfach: Mit jeder Nutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels anstatt des Autos verdient man sich Punkte, die man sammeln und dann dazu benutzen kann um die nicht länger notwendigen Autoparkplätze für Kindergeburtstag-Parties, oder improptu Straßenfeste zu "mieten".

John Thackeray, britischer Design Theoretiker und Teil der Jury, schloss seine Ansprache bei der Preisverleihung mit den Worten "Mobilität ist nur ein Mittel zum Zweck, kein grundlegendes Bedürfnis". Die Verbindung zu anderen Menschen trotz – und vielleicht auch durch – zunehmende Technologisierung jedoch ist eine solches. Und so liegt die Zukunft der Stadt neben der Lösung ihrer Mobilitätsfrage gerade in der Kultivierung des öffentlichen Raums und des sozialen und kulturellen Austauschs. In den Worten von Gregers Tang Thomsen vom Superpool Team: "Geteilte Mobilität führt zu mehr Stadt, die man sich teilen kann."

Design in Istanbul

Design Biennale, bis 12.12.

Webseite der Design Biennale


Urban Future Initiative:

http://mooove.com/audi-urban-future-initiative/