Möbelmesse - Köln

Im Hanfsessel sitzen, den Gartenzwerg betrachten

Die Möbelbranche ist in der Krise, angeblich durch den Trend zum Billig-Sofa. Wie schlug sich das in diesem Jahr auf der Möbelmesse nieder, die am Sonntag zu Ende ging? Ein Rundgang über die Messe in Köln und das Passagen-Programm zeigt: Mehr denn je setzt man auf Bewährtes. Sogar die deutschen Tugenden wurde wieder hervorgekramt, wenn auch ironisch
Werte schaffen!:Designer setzen auf Bewährtes

Das finnische Unternehmen Artek präsentiert den schönen Pop-Sessel "Karuselli" von Yrjö Kukkapuro als Ikone

Wenn man von der Kölner Möbelmesse zurückkommt, wird man todsicher mit der Frage nach "neuen Trends" konfrontiert. Oft muss man den Gesprächspartner enttäuschen.

Auch wenn Ihnen Wohnzeitschriften etwas anderes erzählen: Neue Wohntrends kann es eigentlich nicht geben. Das Wort Trend geht auf das mittelhochdeutsche "trendeln" zurück, es heißt so viel wie "kreiseln". Es beschreibt also eine schnelle zyklische Bewegung und ist deshalb eher ungeeignet für eine Branche, in der Sofas, Sessel, Betten und Stühle angeboten werden. Wenn wir für jede Jahreszeit andere Möbel aufstellen müssten, sähe die Sache vielleicht anders aus. Aber das Wintersofa funktioniert auch im Sommer, und selbst die Terrassenmöbel vom letzten Jahr sind auch nächstes Jahr noch in Ordnung. Entwicklungen im Möbeldesign sind eine Sache von Feinbeobachtung über Jahre. Die deutsche Möbelindustrie verzeichnete 2013 einen Umsatzrückgang von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dirk-Uwe Klaas, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM), führte die schlechten Zahlen unter anderem drauf zurück, dass Möbel zu billig angeboten würden.

Was alt ist, ist automatisch eine Ikone

Folglich lautet die Strategie nun: Werte schaffen! Und die findet man am ehesten im Bekannten. Man stelle sich vor, die Modeindustrie würde ihre Archive verzweifelt nach alten Zeichnungen durchforsten, und jede Kollektion enthielte alte, bisher unrealisierte Entwürfe von Yves Saint Laurent oder Coco Chanel. In der Möbelindustrie ist es so. Das finnische Unternehmen Artek präsentiert den schönen Pop-Sessel "Karuselli" von Yrjö Kukkapuro, "eine Ikone", sagt die freundliche Dame am Stand, obwohl das Möbel jenseits von Sammlerkreisen kaum bekannt sein dürfte. Thonet hat einen lange nicht mehr produzierten Schrank von Marcel Breuer im Programm, da ist sozusagen der Name des Designers die Ikone. Und die "VS Vereinigten Spezialmöbelfabriken" präsentieren teilweise unbekannte Möbel des Architekten und Moderne-Pioniers Richard Neutra (1872 bis 1970). Das Möbeldesign steht nach wie vor im Bann des 20. Jahrhunderts, und von der "Neuen Romantik", die letztes Jahr in einer wegweisenden Schau des Museums für Angewandte Kunst gezeigt wurde, ist in den Messehallen wenig angekommen.

Die Ausnahme: Gemütlichkeit in Pastell

Allein die dänische Designerin Louise Campbell zelebriert am Konzeptstand "Das Haus 2014" die neue Gemütlichkeit: Eine ganze Seite des Raums wird von einer großen Liegelandschaft aus sehr großen Matratzen eingenommen (es war in diesem Jahr sicher der schönste Ausruh-Ort der Messe). Überall sieht man weiche, pastellige Farben wie beige, hellrot, gelb. Sanftes Licht kommt aus mit hübschen Mustern bedeckten Lampen, ein Sessel sieht aus, als sei er aus Spitze gemacht.
Wenn wir von den unfreundlichen Aufpassern nicht angeraunzt worden wären, ja nichts anzufassen – wir wären an diesem romantischen Ort gerne noch länger geblieben.

Der 3-D-Drucker ist das neue Sofa

Von weitem sieht er aus wie ein Mikrowellenherd oder eine Getränkekiste. Kommt man näher, sieht man die hektische Aktivität im Innern des 3-D-Druckers. Ein Laser ist dabei, ein kleines Objekt herzustellen. Design-Studenten sitzen lässig daneben und lassen das Gerät seine Arbeit tun, am Stand der Köln International School of Design. Hier kann auch jeder Besucher selbst mit den 3-D-Drucker experimentieren, sofern er eigene Entwürfe und die nötige Geduld aufbringt. Und es ist nicht der einzige Stand, der mit dem Zukunftsgerät auf der Möbelmesse auftritt. Gleich an mehreren Ständen stehen 3-D-Drucker, unter anderem auch bei Tom Dixon, dem britischen Designer, der eigentlich eher der gediegenen Pop-Moderne verpflichtet ist. Es scheint, als habe die Designszene eine neue Ikone: Der 3-D-Drucker ist das neue Sofa, wer ihn hat, signalisiert Autonomie und Zukunftsfähigkeit.

Der gute alte Gartenzwerg, die ewigen Tugenden

Vor dem Museum für Angewandte Kunst steht eine Reihe von farbigen Mülltonnen. Von weitem denkt der Besucher, dass es die Museumsleute mit der Mülltrennung ja sehr genau nehmen, aus der Nähe sieht man, dass die Tonnen beschriftet sind mit Schlagworten wie "Schadenfreude", "Intoleranz", "Sturheit". Es ist mal wieder so weit: Die Deutschen befragen sich selbst nach ihrer Identität, es geht um jene "deutschen Tugenden", die schon in hunderten Büchern, TV-Sendungen, "Spiegel"-Titelgeschichten und Fußballkommentaren beschworen wurden. Der Schweizer Designer und Künstler Rolf Sachs, Sohn des legendären Industriellenerbes und Playboys Gunter Sachs, hat sich zu jeder angeblich typisch deutschen Eigenschaft eine Skulptur ausgedacht: Ein aus Kohle gefertigter Gartenzwerg symbolisiert etwa Fleiß, eine in Bronze gegossene Bierbank steht für Geselligkeit, Romantik wird durch blaue Farbe visualisiert, die in einem Wasserbecken verläuft. Rolf Sachs hat einen leichten Umgang mit den Klischees gefunden, seine Schau enthält einige schöne Einfälle und Bilder. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass die Klischees durch jeden auch noch so ironischen Umgang damit weiter verfestigen, ohne dass ihr Realitätsgehalt überprüft würde. Anders gesagt: Gibt es in Deutschland eigentlich noch irgendwo echte Gartenzwerge, oder findet man sie nur noch in ironischen Designausstellungen?

Der letzte Innovator?

Der 49-jährige Werner Aisslinger ist neben Konstantin Grcic der international bekannteste Gegegwartsdesigner aus Deutschland. In seiner Arbeit geht es zum Glück gar nicht um deutsche Tugenden oder irgendwelche Symbole: Aisslinger ist bekannt für seine Experimente mit Material und neuen Technologien. In diesem Jahr hat ihn die Zeitschrift "Architektur & Wohnen" zum Designer des Jahres gekürt, im Kölnischen Kunstverein gibt es eine kleine Retrospektive, die Stärken und Schwächen des Gestalters offenbart. Ein überlebensgroßes Foto, das Aisslinger in Feldherrenpose zeigt, empfängt den Besucher – ein Hauch von eitlem Größenwahn weht durch den nüchtern kahlen Raum. Auf der Mittelachse sind Aisslinger-Objekte aufgereiht: bekannte wie die Liege „Soft Chaise" und weniger Bekanntes wie der "Hemp Chair", also ein Sessel aus Hanf, der als besonders nachhaltig gepriesen wird. Aisslinger hat lustige Einfälle wie die Kleidung für ein Auto, oder den Sessel, der wie Pflanzen geformt ist und also quasi aus dem Boden herauswächst. Was ihm fehlt, ist die formale Eleganz eines Dieter Rams oder Konstantin Grcic, seine Arbeite wirken oft unfertig, workshophaft. Vielleicht muss man ihm das sogar hoch anrechnen: Aisslinger ist ein Designer, der sich auf Forschung und Entwicklung konzentriert, und nicht einfach weitere Ikonen produziert.