Konstantin Grcic - Serpentine Gallery London

Herzen aus Stahl

Der Industriedesigner Konstantin Grcic hat für eine Londoner Schau von Kollegen entwickelte Produkte ausgewählt, die einem guten Zweck dienen: Sie sind lebensverlängernd, umweltfreundlich, platzsparend und immer gut durchdacht. Und sie sind – glücklicherweise – massenhaft produziert worden.
Herzen aus Stahl:Konstantin Grcic präsentiert sinnvolle Produkte

Von der schwedischen Gruppe Ergonomidesign gestaltete Automatik-Schweißmaske "Speedglas 9100" bietet verbesserten Schutz

Ein Besen fliegt durch die Luft, ein Autorücklicht hängt als elegantes Komma von der Decke, das rote Rund eines faltbaren Tisches an der Wand wird zum abstrakten Gemälde, wie ein Arm reckt sich ein orangener Roboter auf dem Boden, auf einem Sockel kurvt das Blatt einer Windturbine.

43 Objekte hat der Münchner Produktdesigner Konstantin Grcic für die erste Designschau der Serpentine Gallery zusammengetragen, die alle in den letzten 10 Jahren entworfen wurden und auf den Markt kamen. "Design Real" nennt er sie im Ausstellungstitel – versammelt werden in Massenproduktion hergestellte Gegenstände, die noch im Umlauf sind, denen wir im Alltag begegnen, die wir benutzen. Bis auf zwei, die es nicht mehr gibt: den auseinandernehmbaren Stuhl "Ellan" von Ikea und eine dramatisch aussehende schwarze Plastiktrompete des japanischen Herstellers Yamaha.

Einige der Objekte stammen von berühmten Designern wie der Plastikschuh, den die Londoner Architektin Zaha Hadid für die brasilianische Firma Melissa Plastic Dreams entwarf, ein "A-POC Cotton Baguette" genanntes Kleid zum Selbstschneidern des japanischen Modeschöpfers Issey Miyake oder der "Air Chair" von Jasper Morrison. Andere wiederum sind anonym: ein anonymer Designer, ein unbekannter Hersteller, kein Markenprodukt. Dazu gehört ein künstliches Herz ebenso wie der Besen, mit dem die Pariser Straßen gefegt werden, und der "Q-Drum" genannte Wasserbehälter zum Umhängen aus Polyethylen.

Bei gutem Design, so der Kurator, "muss der Gegenstand nicht nur seinen Zweck auf gute Weise erfüllen, sondern der Zweck selbst muss gut sein". Die Flasche mit eingebautem Wasserfilter und Strohhalm, die es Menschen in Entwicklungsländern erlaubt, Wasser direkt aus Flüssen zu trinken gehört ebenso wie ein Luxusartikel wie Hadids Schuh dazu.

Das Messer auf dem Sockel

Immer wieder stößt man auf Objekte, die man im Alltag fast nicht mehr wahrnimmt, und deren einfache Form genau ihrem Zweck angepasst ist. Da ist etwa die aus Beton gegossene Parkbank "U 140" aus Spanien, die auf einen klassischen Bauhausstuhl von Marcel Breuer zurückgeht, da ist der genoppte Pflasterstein, der in Großbritannien an Zebrastreifen und Bahnsteigen den Fußgänger warnt, oder auch der Container aus leichtem, stabilem Aluminium, dem man auf Flughäfen begegnet.

Grcic stellt seine Exponate wie Kunstwerke vor. Wie Gemälde hängt er sie an die Wand oder plaziert sie wie Skulpturen auf Sockel. Wenn man einen Stuhl in eine Kunstgalerie trägt, wird dieser zumindest vorübergehend zu etwas anderem, argumentiert der Designer. Dem wollte er Rechnung tragen. Doch der Effekt ist nicht der von Marcel Duchamps Pissoir im Museum - ein ironisches Infragestellen der Kunst - sondern eher eine Verschönerung der Objekte. Und so gibt er jedem lediglich einen seine Bestimmung beschreibenden Namen wie "Lampe", "Messer", "Spielzeug" oder "Megaphon", und verzichtet völlig auf erklärende Wandtexte.

Dafür hat er den zentralen Raum der Galerie in eine Lernzone verwandelt. Hier sitzt man auf weissen Sandsäcken und studiert mithilfe von E-Büchern ausführliche Erläuterungen zu Entstehung, Verwendungszweck sowie kultureller und sozialer Bedeutung eines jeden Exponats. Hier finden auch jeden Samstag Seminare mit Designexperten statt.

Von sich selbst zeigt Grcic keinen Entwurf, obwohl es in seiner fast 20-jährigen Karriere sicher vieles gibt, das seine Kriterien für die Schau erfüllt. Er hält es für "wohl souveräner", nicht persönlich als Designer vertreten zu sein.

"Design Real"

Termin: bis 7. Februar 2010, Serpentine Gallery, London
http://www.design-real.com/

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