Design Week - Mailand

Schwindelerregend seltsam

Vulkanasche, Ballermannstimmung und die Sinne verwirrende Sitzmöbel auf der diesjährigen Mailänder Design Week
Schwindelerregend seltsam:Die Sinne verwirrende Sitzmöbel in Mailand

Gwenael Nicolas, ausgestellt im Swarovski Crystal Palace

Die wichtigste Möbelmesse der Welt stand in diesem Jahr ganz unter dem Einfluss der isländischen Vulkanaschewolke. Während die eine Hälfte der Designwelt verzweifelt versuchte, sich mit Bus, Bahn oder Mietwagen nach Mailand durchzuschlagen, saß die andere Hälfte dort fest, gründete Fahrgemeinschaften Richtung Norden und hatte endlich einmal genügend Zeit, um sich alle Ausstellungen anzusehen. Denn wieder einmal gab es neue Räume, neue Veranstaltungsorte, ein neues Designviertel und wieder einmal waren die innovativsten, ungewöhnlichsten Entwürfe nicht auf dem Messegelände in Rho zu sehen, sondern quer über die Stadt verteilt.

Design und Party quer durch die Stadt

Mit Ventura Lambrate startete eine ganz neue Designzone im Osten der Stadt, die Entwürfe von Designschulen und jungen, vornehmlich niederländischen Designern präsentierte. Alles war angenehm nah beieinander, intelligent und unterhaltsam. Die Ausstellungszone um die Via Tortona war im neunten Jahr nach ihrer Gründung hingegen so überlaufen, das sie weniger Spaß machte. Die Warteschlange vor dem Swarovski Crystal Palace war fast so lang wie die am Fahrkartenschalter im Zentralbahnhof. Und die begleitende Party-Animation der lokalen Gastronomie ("5 Bier 5 Euro") grenzte schon an Ballermannisierung. Stilvoller war die Party im Kvadrat Showroom am Corso Monforte. Eingeladen hatten BMW und Flos, um bei Ingwercocktails und Prosecco die von Patricia Urquiola und Giulio Ridolfo gestaltete Auto-Skulptur "The Dwelling Lab" zu feiern. Die in Spanien geborene Mailänder Designerin hatte sich dem Lebensraum Auto genähert, indem sie das Chaos, das sich im Wageninneren gern ansammelt, auf trichterförmig nach außen gestülpten Wänden geordnet hatte. Vom Benzinkanister bis zum Badmintonset wurden alle Gegenstände liebevoll in Wollstoff eingenäht und mit Klettverschlüssen befestigt – eine Katalogisierung des mobilen Alltags.

Andere Ausstellungen regten eher zum Nachdenken an – wie der vom Interni Magazin organisierte "Think Tank" in den von Filarete erbauten Klosterhöfen der Università degli Studi. Die italienische Zeitschrift hatte internationale Designer wie John Pawson, Jaime Hayon und Daniel Libeskind gebeten, sich in Installationen über den Wertewandel im neuen Jahrtausend Gedanken zu machen. Die Ergebnisse reichten von Windrädern für den privaten Vorgarten (Philippe Starck) bis zu meditativen Windspielen wie der "CCC Wall Casalgrande Ceramic Cloud" (Kengo Kuma).

Manchmal tat es auch weh

Ansonsten wurde vieles gezeigt, das die Sinne verwirrt und den Augen Schmerzen zufügt. In der Spazio Fendi, außen vom Perspektivenkünstler Felice Varini bearbeitet, gestalteten die Designer von Beta Tank einen spielerischen Raum in schwarzweißen Op-Art-Mustern und reichten zur Beruhigung der Nerven gelbe Lollis. In der Spazio Rossana Orlandi wurden die schmelzenden Sessel von Nina Saunders ausgestellt. Und überhaupt: Sitzgelegenheiten 2010 werden schwindelerregend seltsam. Während sich Marcel Wanders ("Sparkling Chair" für Magis) und Tokujin Yoshioka (Invisibles for Kartell) auf durchsichtigen (und putzintensiven) Kunststoff verlegten, trat Fabio Novembre mit einem Stuhl in Form einer weißen Maske ("Driade") auf, dessen Inspirationsquelle man zwischen Karneval und LSD-Trip verorten könnte. Bei Moroso stellte Tokujin Yoshioka einen Stuhl aus recyceltem Aluminium vor, der in beliebige Formen gebracht werden kann ("Memory Chair") und sehr an zerknüllte Alufolie erinnert.

2010 ist aber auch das Jahr der iPhone-Apps. Überall wurden welche angeboten, die Planbarkeit in das Mailänder Designgewirr bringen wollten. Die schönste von allen aber kam von Maarten Baas. Der Niederländer hat eine seiner Installationen die Analog-Digital Clock als App herausgebracht. Für 79 Cent kann jetzt jeder iphone-Träger eine "digitale" Uhr herunterladen, die von fleißigen analogen Händen einmal in der Minute an eine Glasscheibe gemalt wird.