Weihnachtsbäume - Karlsruhe

Ihr Künstlerlein kommet

Der Weihnachtsbaum brennt und glüht, leuchtet manchmal in Rot, manchmal in Blau, steckt im Weckglas oder im Profil des Autoreifens: Zum sechsten Mal zeigt die Karlsruher Hochschule für Gestaltung in einer Ausstellung Design am Tannenbaum.
Ihr Künstlerlein kommet:Fünf Tage Weihnachtsbaum-Designausstellung

Hedi Haase: "Radioaktivbaum", 2009

Ein rotfarbener Reißnagel steckt in einem drei Zentimeter langen Tannenzweig. Weihnachten to go. "Genial", sagt Johannes Marmon. Er organisiert mit seinem Freund Johannes Müller die jährliche Designausstellung "Oh Tannenbaum!" an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Heute Abend, um 18 Uhr, eröffnet die Schau. Doch wie viele Objekte Marmon und Müller zeigen werden, können sie nicht sagen. "Vielleicht 150 bis 250", schätzt Marmon, "kann aber auch sein, dass ich damit total daneben liege".

Bislang sind 50 Baumwerke eingetroffen: Objekte, Skulpturen, Plakate, Projektionen, Videos. Alles, was bis zur Eröffnung noch ankommt, stellen die Organisatoren aus. "Selbst, wenn es eine Stunde später kommt oder erst am nächsten Tag", sagt Marmon. Das Konzept dahinter: Die Organisatoren schreiben nichts vor, sortieren keine Werke aus, setzen keine Frist. Jeder darf teilnehmen: Studenten, Professoren, Hausmeister und Techniker der Hochschule, Jung-Designer und Gestaltungsfans aus Deutschland und Europa. Sie können einreichen, was ihnen zum Thema Weihnachtsbaum einfällt. Den Tannenzweig mit Reißnagel hat eine Frau aus Berlin geschickt; aus Istanbul ist ein 1,20 Meter großer Heizstrahler-Baum eingetroffen, er glüht und spendet Wärme für ein Fest im Freien – nicht für Weihnachten, denn in der Türkei feiern die Menschen Silvester unterm Tannenbaum. Doch auch dies spielt bei der Ausstellung in Karlsruhe keine Rolle, solange das Motiv stimmt.

"Jeder hat ein eigenes Bild vom Weihnachtsbaum"

Vor fünf Jahren gründeten Marmon und Müller die Schau an der Hochschule. Damals studierten sie dort Produktdesign. Für ein Projekt mussten die beiden heute 30 Jahre alten Gestalter einen Weihnachtsbaum entwerfen. Dabei kam ihnen die Idee für die Ausstellung. Und sie wollten umsetzen, womit sich ihre Hochschule so oft rühmte: ein gemeinsames Projekt aller Fachrichtungen – der Produkt- und Grafikdesigner, Medienkünstler, Kunstwissenschaftler und Bühnenbildner. Der Weihnachtsbaum eigne sich für jedes Medium, und jeder habe ein eigenes Bild von ihm, sagt Müller.

Rund 40 Exponate umfasste die erste Ausstellung, fünf bis sechs Tannenbäume hatten Marmon und Müller selbst gestaltet aus Angst, es könnten zu wenige zusammenkommen. Doch schon die zweite Schau zählte mehr als dreimal so viele Werke. Seit 2007 dürfen auch Design-Fans von auswärts ihre Ideen einreichen. Wie der Einzelhandel beschäftigen sich Marmon und Müller mittlerweile schon Ende August mit Weihnachten und planen die Ausstellung. Alleine schaffen sie das nicht mehr. Studententeams helfen bei der Organisation, verschicken Einladungen, sprechen die Dozenten an, rufen auf, eigene Tannenbäume zu entwerfen: "Freut euch über ihn, hasst ihn, zerstört ihn und belebt ihn wieder."

Weihnachten im Glanz der Glühbirnen

Am liebsten werde der Baum vernichtet, hat Müller festgestellt: Verkohlte Reste einer Tanne, ein Tannenbaum-Selbstmörder, der mit Stuhl und Strick dem Weihnachtsschmuck und -fest entkommt, eine Toilettenpapierrolle mit Tannenbaumlöchern, eine behaarte Männerbrust mit Weihnachtsbaum-Rasur. "Der Baum wird oft auf die Schippe genommen und muss leiden", sagt Müller.

Jedes Jahr passten fünf bis zehn Objekte nicht in die Architektur der Ausstellung: "Wir wissen ja nicht was kommt, und versuchen das dann irgendwie spontan zu integrieren." Im vergangenen Jahr hatten sie die Werke eingezäunt wie bei einem echten Tannenbaumverkaufsstand. Dieses Mal wollen sie die Objekte auf langen, kreisförmigen Tischen aufstellen, darüber sollen 120 Glühbirnen für die Vorweihnachtsstimmung leuchten.

Die Ausstellung läuft bis 21. Dezember. Danach senden Marmon und Müller die Baumwerke an die Besitzer zurück, die Studenten der Hochschule holen ihre ab. Einige landen im Materialfundus der Hochschule, manche wohl auch in den Wohnzimmern. Auf jeden Fall nicht in denen von Marmon und Müller: "Wir feiern unterm klassischen Weihnachtsbaum", sagen sie, "ohne Design".

"Oh Tannenbaum! Designer Christmas trees"

Termin: bis 21. Dezember, Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 25 Baumwerke sind 2008 im "Ausnahmeverlag" Hamburg als Weihnachtskartenmotive in einem Buch erschienen. Preis: 12,80 Euro
http://www.ohtannenbaum.org

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