Braniff International - Kultdesign

Revolution in Himbeerrot

Mit schrillem Sixties-Design und coolem Marketing eroberte die US-amerikanische Fluglinie Braniff International einst die Welt. Teile der extravaganten Kollektion von Emilio Pucci für Braniff werden jetzt am 28. Mai bei Neumeister in München versteigert. art erinnert an den Aufstieg und Untergang einer Kultmarke.
Revolution in Himbeerrot:Das Sixties-Design der Fluglinie Braniff International

Anhänger aus vergoldetem Metall für Braniff Airlines, von Emilio Pucci, um 1971.
Das Braniff Tauben-Logo wurde von Alexander Girard entworfen.

Larding L. Lawrence war kein Mann, der lange fackelte. Die ihn erlebt haben, erinnern sich an einen gut gekleideten Herrn, der eine natürliche Autorität ausstrahlte. Am 5. April 1965 trat Lawrence im texanischen Dallas sein Amt als Präsident von Braniff International an – einer Fluglinie, die zwar bereits seit 1928 existierte, die jedoch kaum einer kannte.

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Strecken Teaser

Nach nur einer Woche hatte der neue Chef 18 Jets des Typs Boeing 727 bestellt. Und rund sieben Monate später hatte Harding L. Lawrence eine gewöhnliche Fluggesellschaft bereits in eine Legende verwandelt. Um den Konzern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu katapultieren, hat­te Lawrence bereits vor seinem Amts­antritt Mary Wells von der Werbeagentur Jack Tinker Agency einen Auf­trag erteilt, der so irrsinnig und herausfordernd klang, dass sie ihn unmöglich ablehnen konnte: "Ich will, dass ihr Braniff über Nacht bekannt macht." Mary Wells recherchierte. Ihr fiel auf, dass Flughafenterminals immer deprimierend trist aussahen und die Stewardessen an Krankenschwestern erinnerten.

Wells hatte eine Eingebung: Was fehlte, war Farbe. Sie traf sich mit dem italienischen Modemacher Emilio Pucci, der wie kein Zweiter für aufregendes Sixties-Design in schreienden Farbtönen stand, und mit dem US-amerikanischen Designer Alex­ander Girard, der ebenso ein Verfechter kühner Farben, Formen und Muster war. Gemeinsam sollten sie Designgeschichte schreiben. "The end of the plain plane" ("Das Ende des gewöhnlichen Flugzeugs") – so der Titel einer in der Geschichte des Flugwesens einzigartigen Kampagne – hatte begonnen.

Girard ließ die vormals silbergrauen Flugzeuge, die neben den USA auch Mexiko anflogen, in fröhlichen Farben wie Türkis, Orange oder Gelb lackieren (die Farbe Lila ließ man wieder entfernen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie in Mexiko Unglück symbolisiere). Er gestaltete bunte Flugzeugkabinen und sämtliche Details darin – vom Geschirr bis hin zum Zuckerpäckchen. Er entwarf magentafarbene Ticket-Counter, poppige Lobbys und schrille Club-Lounges, in denen organisch geformte Schalensitze von Charles und Ray Eames (die wie Girard für die Möbelfirma Herman Miller arbeiteten) ein hochmodernes Flair verbreiteten.

Schockiert, überrascht und entzückt zugleich

Vor allem die Stewardessen, die bei Braniff verheißungsvoll "Hostessen" genannt wurden, konnten ihr Glück kaum fassen. Man stylte sie zu den extravagantesten Flugbegleiterinnen, die die Welt je gesehen hatte. Barbara Allen Conn, die zuvor im spie­ßigen Kostüm ihren Dienst tat, war "schockiert, überrascht, entzückt und entsetzt" zugleich, als sie sah, wo­rin man sie fortan zur Arbeit schickte: Pucci hatte nicht mit Farbe gespart und apfelgrüne Mäntel mit orangegrünen Stiefeln, himbeerfarbene Mini­röcke, hellblaue Hosenröcke und wild gemusterte Kopfbedeckungen entworfen. Mit den sogenannten "Space Bubbles", durchsichtigen Helmen, die die Frisur beim Weg vom Rollfeld in den Terminal vor Wind und Wetter schützen sollten, war er jedoch übers Ziel hinausgeschossen. "Damit konnte man nicht einmal den Kopf drehen, erzählt Mary Moffett, damals ebenfalls Flugbegleiterin. Außerdem wusste man nicht, wo man die sperrigen Helme im Flugzeug verstauen sollte, sodass sie schnell wieder ausgemustert wurden.

Damit nicht genug, schickte man die jungen Damen (Einstellungsalter: 20 bis 27 Jahre, Familienstand: ledig, Brille: nicht erlaubt) zum Szenefriseur und verpasste ihnen ein Aufsehen erregendes Make-up. "Ich lernte nicht nur, wie man falsche Wimpern fixiert, ich lernte auch mit ihnen zu schlafen – Twiggy war nichts gegen uns", erzählt Barbara Allen Conn. Ihre Kollegin Claudia Bevill, die 1965 als 21-Jährige zu Braniff kam, erinnert sich, "dass wir regelrecht in Models verwandelt wurden. Man bewunderte und applaudierte uns, wohin wir auch kamen. Wie Mannequins stolzierten wir durch den Terminal und fühlten uns unglaublich glamourös."

"Twiggy war nichts gegen uns"

Braniff-Hostessen sollten nicht nur gut aussehen, sie waren auch für ihren Service berühmt. "Wir benahmen uns, als wenn die Passagiere unsere Freunde wären", erzählt Claudia Bevill. Männliche Passagiere hätten deshalb vor dem Flug nicht selten ihre Eheringe ausgezogen. "Weiß Ihre Frau, dass Sie mit uns fliegen?" lautet ein Braniff-Slogan von 1966. Be­fürch­tun­gen ängstlicher Ehefrauen wurden auch durch einen Werbefilm namens "The Air Strip" genährt, in dem vorgeführt wurde, wie Braniff-Hostessen sich nach und nach während des Fluges entblättern. Bis zur Unterwäsche (ebenfalls von Pucci) kamen sie allerdings nie, die Pucci-Uniformen bestanden aus zu vielen Schichten. Nichts­destotrotz sollen diverse Passagiere, die in Dallas aussteigen mussten, gefragt haben, was sie auf dem Weiterflug verpasst haben.

Der Effekt der Kampagne von 1966 war so durchschlagend, dass Braniff bereits im ersten Vierteljahr danach seine Passagierzahl um knapp 40 Prozent steigern konnte. 1968 eröffnete Braniff auf dem Love-Field-Flughafen in Dallas den "Terminal of the Future", in dessen Foyer eine verspiegelte Decke an eine Diskokugel erinnerte. Der Terminal wurde von Irving Harper und Phillip George mit Entwürfen von Alexander Girard, Herman Miller sowie Charles und Ray Eames ausgestattet und nach und nach mit mexikanischer Kunst sowie Gemälden von Fernando Botero und Alexander Calder gefüllt. "Als ich zum ersten Mal den neuen Terminal sah, konnte ich es kaum glauben", erinnert sich Joe Mitchell, die damals in Dallas am Abfertigungsschalter gearbeitet hat. "Alles war extrem bunt. In allen Zeitungen und Magazinen wurde damals über Braniff berichtet. Wir waren alle wahn­sinnig stolz, für Braniff zu arbeiten."

Dazu kam eine Werbekampagne, für die man Prominente in Braniff-Fliegern skurrile Dialoge führen ließ, die stets in dem Slogan "When you got it – flaunt it" mündeten (was etwa so viel bedeutet wie: "Wenn du’s hast, protze damit"). Andy Warhol erklärt Boxer Sonny Liston die Schönheit von Suppendosen, Salvador Dalí radebrecht mit Baseballspieler Whitey Ford über Bälle, und Schauspieler Mickey Rooney, bekannt für seine zahlreichen Ehen, ruft Filmkritiker Rex Reed zu, dass man sich beeilen solle, da er so schnell wie möglich zu seiner nächsten Scheidung bei Gericht erscheinen müsse.

Von der Extravaganz zum Größenwahn

Der Werbeexperte George Gordon hatte 1972 einen neuen, publikumswirksamen Einfall. Mit einem Flugzeugmodell unter dem Arm flog er zu Alexander Calder nach Frankreich. Was er wolle, fragte der Künstler. "Ich möchte, dass Sie ein Flugzeug bemalen." Er bemale kein Spielzeug, antwortete Calder. "Ich meine, ein echtes", erklärte Gordon. "Ein fliegendes Mobi­le? Die Idee gefällt mir." In den folgen­den Jahren gestaltete Calder zwei Entwürfe, ein dritter wurde nur deshalb nicht fertiggestellt, weil der Künstler 1976 starb. Der Name "Braniff" wurde auf den Maschinen durch "Calder" ersetzt. "Egal, wo wir gelandet sind, fragten die Leute immer, welche Fluglinie das sei", erklärt Joe Mitchell das Prinzip. "Es war ein Trick, um Braniff International noch bekannter zu machen."

1977 wurde Emilio Pucci durch den US-amerikanischen Modemacher Halston ersetzt. Man wollte nun nicht mehr verrückt, sondern plötzlich kultiviert und urban wirken, und Halstons minimalistisch-elegante Entwürfe aus fließenden Stoffen in soften Brauntönen passten besser zu den brau­nen Ledersitzen, die neuerdings in den Braniff-Fliegern mondänes Flair verbreite­ten.

Dann kam der Tag, an dem Harding L. Lawrence der Größenwahn packte. Im Oktober 1978 wurde das Fluglinien-Deregulierungsgesetz verabschiedet. Fluglinien konnten nun Preise, Routen und Flugpläne selbst bestimmen. Lawrence zog daraus die falschen Schlüsse und expandierte auf Teufel komm raus. Am 15. Dezember 1978 verkündete er 32 neue Strecken in 16 Städten, unter anderem in Europa. Ab 1979 ließ er das Überschallflugzeug Concorde für Braniff fliegen, dessen exorbitant hohe Betriebskosten ein finanzielles Desaster verursachten. Die Schulden wuchsen ins Unermessliche und zwangen den Konzern 1982 in den Konkurs. Diverse Wiederbelebungsversuche waren lediglich von kurzer Dauer.

Bereits 1980 musste Lawrence seinen Hut nehmen. Gegen Ende sei er ein Säufer gewesen, heißt es. Einer, der mit Braniff-Geldern exzessive Partys geschmissen habe. Jahre später erzählte sein weiblicher Bodyguard, Lawrence habe stets mit einem Gewehr geschlafen und einmal sogar auf sie geschossen. Seinen Mitarbeitern bei Braniff, so sagen sie heute übereinstimmend, hat er die beste Zeit ihres Lebens beschert.

"Plastic fantastic"

Termin: 28.05.2008, Sonderauktion Design, Auktionshaus Neumeister München.
http://www.neumeister.com