Formlose Möbel - MAK Wien

Aus der Form geraten

Alltagstauglich sind die im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) ausgestellten Möbel mit Namen wie "Superblob" oder "Fresh Fat Easy Chair" nicht immer. Aber sie zeigen, wie Designer spielerisch gegen die sogenannte gute Form opponieren.
Formlos aber bequem?:Ausgefallene Möbel im MAK Wien

Piero Gatti, Cesare Paolini, Franco Teodoro haben diese Sitzmöglichkeit gestaltet: "Sacco" (1968) besteht aus Styroporkügelchen in Vinylbeschichteter Textilhülle und wurde von der Firma Zanotta produziert

Wer den allseits bekannten "Sacco" des Designertrios Gatti, Paulini und Teodoro als unkonventionelles Möbel bezeichnet, wird derzeit in einer Sonderausstellung des MAK eines Besseren belehrt. Das sackförmige Sitzobjekt, eines der Aushängeschilder des Möbeldesigns der sechziger Jahre, bildet noch den gewöhnlichsten Anblick unter den Exponaten der Schau "Formlose Möbel".

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Teilweise kann man die Sitzmöbel, deren Entstehungszeit zwischen 1960 und heute liegt, nur durch Reminiszenzen wie Armlehnen oder Sitzflächen als solche identifizieren, die verwendeten Materialien reichen von Plastik über Teppichfetzen bis hin zu Karton und Leder. Die formal entfesselten Designexperimente stehen in engem Zusammenhang zur Beschäftigung mit der Formlosikeit in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Sie verblüffen durch ihre Konstruktion und lösen berechtigte Zweifel an ihrer Funktionalität aus. Hat man es hier noch mit echten Sitzobjekten zu tun, oder steht man einem künstlerischen Statement gegenüber?

Gunnar Aargard Andersens "Armchair" (1964/65) etwa sieht aus wie eben erstarrte Lavamasse, die zufällig die Form eines Armlehnstuhles erahnen lässt. Ähnliches gilt für den eigens zur Ausstellung gestalteten "Scum Seat" von Jerszy Seymour – inzwischen verhärtete Kunststoffmasse, die sich in die Ecke des Raumes ergossen hat und dort nun als schwarz-graues quellendes Ungetüm verharrt. Das hier eingesetzte Material Polyurethan, das erstmals in den späten 50er Jahren als Möbelwerkstoff Verwendung fand, ist bahnbrechend für die Möbelgeneration der 60er Jahre. Der Kunststoff ließ organische Formen zu, die klassische Möbelform fand eine Befreiung, und durch die preiswerten Produktionskosten wurden die neuen Möbelstücke massentauglich.

Verner Pantons farbenfrohe Plastikinterieurs oder die Kreationen von Charles und Ray Eames standen für ein neues Gesellschaftsbewusstsein und nicht zuletzt für die freiere politische Haltung – sie haben sich seither zu Designklassikern entwickelt.

Abseits der vielzitierten "guten Form" aber stehen die Exponate der Ausstellung: Hier, scheint es, haben sich die seltsamsten Auswüchse des Möbeldesigns versammelt. Ist es eine Frage des guten Geschmacks oder der fehlenden Funktionalität, die diesen formlosen Einzelstücken den Zugang zu unseren Wohnbereichen verweigert hat? Gebrauchstauglich sind sie doch: der giftgrüne "Superblob" (2002) von Karim Rashid, Tom Dixons "Fresh Fat Easy Chair" (2003) aus übereinander gegossenen Plastikschnüren oder Gaetano Pesces "Pratt Chair" (1983) aus gehärtetem Kunststoff, der aber wirkt, als würde er jeden Moment in sich zusammenfallen. Benutzt man diese eigenwilligen Hybriden aus Design und Skulptur, fühlt man sich automatisch vom Zwang der korrekten Sitzhaltung entlastet – ein zusätzlicher Effekt der unkonventionellen Gestaltung.

Das Sitzobjekt hat maßgeblichen Einfluß auf die darauf eingenommene Haltung, die wiederum Indikator für die Tätigkeiten ist, die während des Sitzens ausgeführt werden sollen. Natürlich kann man auf einem Stapel Kartons Platz nehmen oder auf einem Netz zusammenlaufender Drahtschlingen – doch ist diese Haltung bequem? Was ist denn letztendlich der Anspruch an ein Möbelstück? Und wie definiert sich eigentlich Formlosigkeit? Entsteht sie aus der gesellschaftlichen Konvention oder aus vorgegebenen Maßstäben des guten Designs? Wie auch immer – die meisten der gezeigten Stücke irritieren wohl durch ihre fehlende Ästhetik in Hinblick auf gebräuchliche Sitzgelegenheiten, schlussendlich entscheidet aber wie so oft der persönliche Geschmack des Betrachters. Und der wird bei dieser Ausstellung auf jeden Fall auf die Probe gestellt.

"Formlose Möbel"

Termin: bis 26. Oktober, Museum für Angewandte Kunst (MAK), Wien
http://www.mak.at