Konstantin Grcic - Weil am Rhein

Bitte nicht wohlfühlen!

Die kantigen, unwirtlichen und überhaupt nicht mehr bequemen Möbel des Designers Konstantin Grcic tragen eine ganz bestimmte Botschaft: Es gibt eine Gegenwart – und die ist alles andere als gemütlich!

Konstantin Grcic’ Möbel und Objekte sind keine Klassiker. Zumindest nicht in dem Sinne, wie man diesen Begriff seit den neunziger Jahren im Design versteht: Als ultimative Versöhnung von Eleganz und Gemütlichkeit.

Grcic wurde 1965 in München geboren, er studierte in London Design und war Assistent des britischen Minimalisten Jasper Morrison. 1991 gründete er sein eigenes Büro, zu einer Zeit also, als im Design die totale Retro-Nostalgie heraufdämmerte. Die neunziger und nuller Jahre sind geprägt von Rückwendung: Möbel von Charles und Ray Eames, Arne Jacobsen, Verner Panton und anderen Heroen der Nachkriegsmoderne wurden neu aufgelegt, Originale erzielten plötzlich Höchstpreise bei Auktionen. Aus dem Hintergrund strahlte das Bauhaus als Urbild der Moderne. Was vorher so avantgardistisch war, galt plötzlich als klassisch. Das vielbeschworene "Ende der Geschichte" schien auch im Design erreicht, mit dem Versprechen ewiger Einheit von Stil und Leben. Es gibt gerade im kreativen Milieu praktisch niemanden, der nicht gerne einen "Lounge Chair" von Eames zu Hause hätte. Oder wenigstens die Corbusier-Liege.

Konstantin Grcic fiel die Rolle desjenigen zu, der die schlechte Nachricht überbringt: Es gibt eine Gegenwart – und die ist alles andere als gemütlich! Das war die Botschaft seiner kantigen, unwirtlichen, überhaupt nicht mehr bequemen Möbel. In gewisser Weise sind sie purer Zeitgeist: Auf den Stühlen und Sesseln möchte man eigentlich nur kurz sitzen müssen, sie vermitteln das Gefühl von Vorläufigkeit, was ideal passt zu den zunehmend improvisierten und prekären Lebensmodellen seit dem Fall der Mauer. Grcic’ Möbel verlangen ihren Besitzern Arbeit ab, man muss sie schon wirklich wollen, und man wird belohnt mit einer besonderen Form von Genuss, die man vielleicht so definieren könnte: Luxus ist das, was ich mir selbst zumute.

Bei all dem ist Grcic ein gewissenhafter, immer an neuen Techniken und Verfahren interessierter Designer. Er strebt nach Einfachheit und versteckt in seinen Objekten lauter neue Ideen. So kann man sein für Moormann erdachtes Regal "Es" (1999) in wenigen Minuten aus Böden und Holzstäben selbst zusammenbauen – es sieht aber nicht banal-praktisch aus wie ein Ikea-Regal, sondern kann auch leicht schief stehen wie ein betrunkenes Möbelstück. Mit der portablen Leuchte "Mayday" (1999) hat er eine Ikone des neuen, mobilen Lebensstils entworfen: Sie kann mit ihrem fünf Meter langen Kabel überall aufgestellt werden, als wäre der private Wohnraum ein Stollen im Berg. Grcic’ in den nuller Jahren zur Vollendung gebrachte Spezialität ist die Kombination von kargen, kantigen Sitzmöbeln wie dem "Chair_One" (2004) mit raffinierten Beistelltischen wie "Diana_A-F" (2002) – es fröstelt einen, wenn man diese Sitzgruppen in Galerien oder Agenturen sieht, und zugleich sind sie in ihrer Reduktion cool und auratisch – man möchte sie lange betrachten. Was man nun auch tun kann: Das Vitra-Design-Museum zeigt eine Retrospektive mit den besten antiklassischen Objekten aus 25 Jahren.

Konstantin Grcic – Panorama

Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein, bis 14. September 2014
http://www.design-museum.de/de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen.html