100 Beste Plakate - Stephan Bundi

Kreation statt Imitation

Der Verein "100 Beste Plakate" hat zum neunten Mal die kreativsten Plakate Deutschlands, der Schweiz und Österreichs ausgezeichnet. Bis Januar 2011 ist die gleichnamige Ausstellung jetzt auf Tour. art sprach mit Stephan Bundi, dem neuen Präsidenten des Vereins, über überraschendes Plakatdesign, clevere Gestalter und süße Plüschhasen.
"Kreation statt Imitation":Interview mit Stephan Bundi

Henning Wagenbreth: "20e Festival international de l'affiche et du graphisme de Chaumont"

Herr Bundi, welches war das schlechteste Plakat, das Sie bis jetzt gesehen haben?

Stephan Bundi: Schwierig – es gibt so viele schlechte Plakate. Plakate sind schlecht, wenn sie mich zwar ansprechen sollen, ich sie aber nicht verstehe, weil beispielsweise zu viel abgebildet und zu viel beschrieben wird. Schlechte Plakate haben von allem zu viel.

Gibt es objektive Gestaltungskriterien an denen man ein gutes Plakat erkennen kann?

Ja, die gibt es. Die Zielgruppe muss sich angesprochen fühlen, das Plakat schnell verstehen und begreifen können. Es muss die Botschaft interessant oder überraschend kommunizieren, damit es im Straßenbild wahrgenommen wird, denn eigentlich sucht man auf der Straße nicht nach Informationen.

Haben Sie bei einem Plakat gestalterische Vorlieben?

Nein, eigentlich nicht. Die Verwendung der gestalterischen Mittel sollte immer im Kontext zur Botschaft stehen. Es gibt Aussagen, die man am besten typografisch darstellt, andere macht man besser fotografisch oder zeichnerisch deutlich. Es sollte jene Technik gewählt werden, die die darzustellende Sache am besten ausdrücken kann. Es gibt gute Werbetexte, die sollten nicht noch mit Bildern befrachtet, sondern nur durch eine klare Typografie unterstützt werden.

Gibt es Richtlinien, an die sich ein guter Grafiker halten sollte?

Dem Gewöhnlichen widerstehen. Langeweile ist eine Todsünde in der Plakatgestaltung. Ein Plakat sollte überraschen, jedoch nicht den billigen Gag suchen. Es gilt, eine Bildidee zu finden, die einen klaren Bezug zum Thema hat oder es auf eine ungewohnte Weise interpretiert. Es gibt Plakate, die eine sehr leise Bildsprache haben, aber dadurch sehr stark wirken und so in der lauten visuellen Umwelt auffallen. Es gibt natürlich auch Themen, die mit dem Holzhammer vermittelt werden müssen. Es kommt auf die Botschaft an.

Bei der Gestaltung steht vor allem der Auftraggeber im Vordergrund. Wie groß ist wirklich die kreative eigenständige Arbeit eines Plakatdesigners?

Das hängt ganz vom Kunden ab. Im Kulturbereich darf generell mehr riskiert werden, man darf als Plakatdesigner eher experimentieren. Da kann die anstrengende Lesbarkeit eines Plakats sogar zu einer Herausforderung werden und durchaus zielgruppengerecht sein.Bei einer politischen Botschaft, wie die für die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International", gebietet es die Redlichkeit, dass man möglichst verständlich und klar das ernstzunehmende Anliegen vermittelt und man dabei nicht vergisst, dass man eine möglichst große Gruppe von Menschen ansprechen will.

Hat sich die Ästhetik des Plakates mit der digitalen Revolution gewandelt?

Ja. Der Weg von der Idee zur Realisation ist viel kürzer geworden. Man kann leichter und schneller Plakate entwerfen, im Gestaltungsprozess experimentieren und in kürzester Zeit mehrere Versionen erproben. Der Betrachter ist natürlich auch anspruchsvoller geworden. Eine Bildidee, die vor Jahren noch überraschend und interessant war, kann heute banal wirken. Das Auge hat sich dem visuell Ungewöhnlichen angepasst und ist nicht mehr leicht zu überraschen.

Bei dem Wettbewerb "100 beste Plakate" reichen jährlich viele Studenten Arbeiten ein. Ist eine Art Ideenfrische zu erkennen, gibt es Trends?

Die Studierenden lehnen sich häufig an renommierte Gestalter an und orientieren sich an etablierten Gestaltungsbüros. Es gibt aber auch eine gewisse Eigendynamik der Schulen. Ich lehre an verschiedenen Unis und weiß, dass die Schule für die Studenten eine geschützte Werkstatt ist, in der es kaum eine Auseinandersetzung mit einem Auftraggebenden gibt. Dadurch können Studenten viel mehr experimentieren, als es später auf dem Markt möglich sein wird. Jedoch sollte man die Frage im Hinterkopf behalten: Wie weit kann ich wirklich gehen? Schnell wird ein Plakat einfach nur zur Selbstdarstellung genutzt. Die Botschaft an den Rezipienten rückt dann in den Hintergrund. Das ist öfter auch in der Praxis zu beobachten und hat im Bereich der visuellen Kommunikation nichts zu suchen. Aus meiner Sicht muss das Anliegen des Auftraggebers immer klar kommuniziert werden und unbedingt im Vordergrund stehen. Allerdings macht der verantwortungsbewusste Gestalter nicht einfach was der Kunde will, sondern was für den Kunden und sein Zielpublikum richtig ist.

Sind denn in den drei Ländern, Deutschland, Österreich, Schweiz, andere gestalterische Vorgehensweisen zu erkennen? Gibt es nationale Unterschiede?

Unterschiede kann man nicht mehr feststellen. Es gibt geringe sichtbare Abweichungen zwischen den Schulen. Die visuelle Sprache ist in den letzten 20 Jahren internationaler geworden, und das ist auch schon in den Akademien zu erkennen.

Was für Unterschiede sind denn noch in den Unis zu sehen?

Die Unterschiede sind vor allem auf die lehrenden Dozenten und nicht auf die Hochschulen zurückzuführen. Jeder Dozent hat einen gewissen Freiraum und markiert darin seine persönliche Ideologie und Haltung gegenüber dem Plakatdesign. Der eine Dozent sitzt mit einem Blick auf dem Markt im Unterricht und bereitet seine Schützlinge darauf vor; der andere hat das Experimentieren als Ziel. Beides ist wichtig, und beides braucht Leute, die innovativ sind. Dabei darf man das Ziel nicht aus dem Auge verlieren, wenn es darauf ankommt gute, also wirksame Arbeiten für den Auftraggeber abzuliefern.

Wo liegt der Fokus in dem Wettbewerb "100 beste Plakate"?

Es zeichnet sich schon länger ab, dass viele Plakate aus dem Kulturbereich und für schulische Anlässe eingereicht werden, weil dort dem Gestalter der experimentelle Freiraum am ehesten zugestanden wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich würde mir aber wünschen, dass wieder vermehrt gute Werbeagenturen mitmachen und beachtet werden. Wenn sie im Wirtschaftsbereich ein gutes visuelles Konzept erarbeiten, sollte das honoriert werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu einseitig werden und das wir dass entstehen einer Designsekte vermeiden.

Warum setzt sich die Jury nur aus Grafikdesignern oder Leuten aus der Branche zusammen? Soll der eigentliche Rezipient nicht mitentscheiden?

Durch die Leute aus der Branche werden die Plakate vor allem nach anspruchsvollen gestalterisch-kommunikativen Kriterien bewertet. Der Rezipient würde da und dort sicher anders entscheiden. Solche Wettbewerbe, bei denen das Publikum mitwählen kann, gibt es auch, da werden zum Teil jedoch unfassbar banale Plakate gewürdigt. Wenn ein beliebter Schauspieler für einen Kaffee wirbt, fällt er mit seinem Namen natürlich unter die Gewinner. Ein süßer Plüschhase hat auf viele Leute auch eine gewisse Anziehung und wird gewählt. Beides hat mit Gestaltungsqualität nichts zu tun. Im Unterschied zu diesen Wettbewerben, erfüllt der Verein "100 Beste Plakate" in gewisser Hinsicht auch einen Bildungsauftrag.

Welchen Rat würden Sie angehenden Plakatgestaltern mit auf den Weg geben?

Den Studenten kann ich nur ans Herz legen: Versucht ein Experiment. Entwickelt neue Ideen, kümmert euch nicht um Moden und Trends. Ihr habt an der Uni noch keine konkrete und einengende Auftragslage, nutzt diesen Freiraum für die visuelle Entdeckungsreise. Das Stichwort ist: Kreation statt Imitation. Auch wenn die Arbeit etwas holperig rüber kommt, sie kann dennoch frisch und unverbraucht ansprechen. Eine perfekte Technik kann zwar bestechen, aber eine außergewöhnliche Bildidee steht über allem.

"100 beste Plakate 09"

Termine: bis 25. Juli, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin; 12. bis 29. August, Zeche Zollverein, Essen; 6. bis 30. Oktober, Campus, Dornbirn, Österreich; 5. bis 14. November, im Rahmen von "Weltformat 10-Plakatfestival Luzern", Schweiz; 24. November bis 9. Januar 2011, MAK-Ausstellungshalle, Wien, Österreich. Der Katalog zur Ausstellung erschien im Hermann Schmidt Verlag und kostet 34,80 Euro.
http://www.100-beste-plakate.de/

Mehr zum Thema im Internet