Designszene - Niederlande

Trocken war gestern

In den Neunzigern bekam das niederländische Design ein Gesicht: Die Gruppe "Droog" – trocken – entwickelte mit Humor und Alltagsnähe ein neues Designverständnis. Nun entlässt die holländische Revolution ihre Kinder: Eine neue Generation entwickelt das "Droog"-Erbe mit Witz und Innovationsfreude weiter.
Schräger wohnen:Die neue Generation des niederländischen Designs

Eine Assemblage von gebrauchten Möbeln: ein Unikat aus der Serie "Hey Chair, be a bookshelf!" ("Hey Stuhl, sei ein Bücherregal"), von Maarten Baas

Design aus den Niederlanden sorgt international für Aufsehen – und ist gefragt wie nie. Die alljährliche Ausstellung der Abschlussarbeiten an der De­signakademie Eindhoven zieht Besuchermassen an, von denen andere europäische Designhochschulen nur träumen können.

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Strecken Teaser

Namhafte Galeristen wie Rosanna Orlandi aus Mailand oder Murray Moss aus New York wett­eifern dort darum, die vielversprechendsten Talente vom Fleck weg unter Vertrag zu nehmen. "Jeder will der erste sein, der das nächste große Ding entdeckt", kommentiert Li Edelkoort, Leiterin der Akademie, den Run auf die jungen nie­derländischen Designer.

Murray Moss etwa, Amerikas Designgalerist Nummer eins, kann sich über jährli­che Preis­steigerungen für die kunstvollen Einrichtungsunikate seines Schützlings Maarten Baas freuen. Er hatte ihn gleich nach dem Diplom vor vier Jahren unter Vertrag genommen. Ein Steinway-Flügel, den der 30-Jährige kürzlich mit dem Bunsenbrenner zu einer rauchschwarzen Skulptur veredelte, brachte zur Eröffnung der Moss-Dependance in Los Angeles stol­ze 155 000 US-Dollar ein.

Die eigenwilligen und häufig experimentellen Entwürfe der Niederländer treffen den Nerv der Zeit. Wenn Möbeldesign von der Stange dank Ikea und Co. überall für wenig Geld zu haben ist, muss Design mehr leisten als die Gestaltung funktionaler Alltagsgegenstände. Ausdrucksstarke Ob­­jekte mit dem Zeug zur Designikone befriedigen die Suche nach dem Besonderen innerhalb des konfor­men Mas­senmarkts. Funktionale Aspekte treten dabei hinter starken Konzepten zurück – was nicht bedeutet, dass etwa der angekokelte Flügel von Maarten Baas nicht benutzbar wäre.

"Form follows function", der viel zitierte Gestaltungsgrundsatz der Mo­derne, hatte auch in den Niederlanden lange Zeit scheinbar universelle Gültigkeit; klassisches Industriedesign von Gestaltern wie Benno Premsela, Friso Kramer oder Kho Liang Ie für Firmen wie Artifort oder Ahrend war bis in die achtziger Jahre vorherrschend. Mit der Postmoderne und deren Motto "Alles geht" brach das Funk­­tionalitätsdogma allerdings auf. Der Lehrplan an der Eindhovener Aka­­demie, der traditionell wichtigsten Designhochschule des Landes, wur­de verändert; statt der industriellen Norm sollten nun der Mensch und sei­ne Bedürfnisse ins Zentrum rücken. Das neue Motto hieß: "Form follows concept."

"Auf einmal war die Idee hinter den Dingen entscheidend"

1987 begann der Designer Gijs Bakker an der Akademie zu unterrichten, fünf Jahre später gründete er mit der Kunsthistorikerin und Publizistin Renny Ramakers in Amsterdam die Designplattform Droog (trocken) – der Beginn einer neuen Ära im niederländischen Design. Robert Thiemann, Herausgeber des führenden Designmagazins "Frame", sagt heu­te: "In den neunzi­ger Jahren wurde Droog quasi gleichbedeutend mit dem niederländische Design."

Von Droog vertriebene frühe Ent­­würfe von Gestaltern wie Jurgen Bey, Hella Jongerius oder Gijs Bakker zitierten althergebrachte Alltagsgegen­stände und kleinbürgerliche Einrichtungswelten, die auf hintergründige, oft ironische und manchmal gesell­­schaftskritische Weise verfremdet wur­den. "Auf einmal war die Idee hinter den Dingen entscheidend", so Thiemann. Ein Stuhl wurde nicht mehr nur als Gegenstand betrachtet, auf dem man sitzt, der in einer Fabrik produziert, verpackt und verkauft werden muss, sondern als ein Objekt, das Bedeutungen und Erinnerungen transportieren, Zugehörigkeiten definieren und Geschichten erzählen kann. Die niederländische Avantgarde bediente sich dabei neuer Werkstoffe und Produktionstechnologien genau so wie traditionellem Handwerk – Bootsbau, Porzellanherstellung, Lederverarbeitung. Immer wieder wurden Dinge zusammengebracht, die nicht zusammengehörten; legendär der prächtige Droog-Kronleuchter "85 Lamps" aus nackten Glühbirnen von 1993.

Heute, so scheint es, definiert der Geist der Designergruppe Droog das niederländische Design. Auch in der jüngeren Generation lebt der trockene Humor und der manchmal sperrige Individualismus der Gruppe weiter. "Unser Charakter ist verwurzelt im Ton und im Wasser, aber gleichzeitig stecken wir mit unseren Köpfen immer in den Wolken", erklärt die international bekannte Trendforscherin Li Edelkoort das Phänomen. "Wir sind auf dem Boden geblieben, realistisch und nüchtern, und dabei gleichzeitig visionär."

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 3/2008.