Axel Kufus - Interview

Klischees und deutsche Tugend

Bierdeckel mit heimischen Symbolen, Heftklammern in Schwarz-Rot-Gold und deutsche Märchenfiguren auf einem Klebeband: Studenten aus vier Hochschulen entwarfen unter Betreuung ihrer Professoren die "DeutschlandKollektion" für das Auswärtige Amt. art-Autorin Anna Prizkau sprach mit dem Projektleiter Axel Kufus, Professor an der Universität der Künste in Berlin.
Klischees und deutsche Tugend:Axel Kufus erklärt die "DeutschlandKollektion"

Robert Zeise und Daniel Schulze: "Brandenbüro Tor", Büroklammerhalter aus magnetischem Nussbaum

Herr Kufus, was versteckt sich hinter dem Begriff "DeutschlandKollektion"?


Axel Kufus: Es ist eine Kollektion von so genannten "Kontaktpflege-Geschenken" des Auswärtigen Amtes. Diplomaten und andere Mitarbeiter können diese kleinen Giveaways Besuchern, Freunden, Gästen und Kontaktpersonen schenken. Es sind Objekte, die von Ideen und Charme getragen sind und zudem ein frisches Bild des Deutschen nach Außen transportieren.

Sind diese Gastgeschenke auch käuflich zu erwerben?

Ja, in Kürze werden sie auf einer Domain, die momentan im Aufbau steckt, zu erwerben sein.

 Informieren können Sie sich unter www.interinstitut.de im Internet.

Wie ist die Kollektion entstanden?

Das Auswärtige Amt kam Ende 2008 mit dem Ansinnen auf mich zu, eine Alternative zu den bisherigen Gastgeschenken aus der gängigen Welt der Werbemittel zu entwickeln. Daraufhin habe ich, neben der Universität der Künste Berlin, drei weitere Kunst-Hochschulen eingeladen, um in einem kooperativen Prozess ein Ensemble von Produkten zu entwerfen. Gemeinsam ließen wir uns übers Wochenende im Auswärtigen Amt einschließen und spekulierten dort über Deutschland, das Schenken und Beschenktwerden, Klischees und deutsche Hoheitszeichen – so entstanden 150 Vorentwürfe. Dem folgte ein zweimonatiger, lebhafter Reifediskurs auf unserer eigens eingerichteten Projektplattform: Dort wurden die Entwürfe kommentiert, weiterentwickelt und verändert. Im Januar entschied eine Jury aus Mitgliedern des Auswärtigen Amtes, externen Experten und den Professoren über die Favoriten, und schon ging es in die Prototypen-Entwicklung

.

Was waren Ihre Gründe die Projektleitung der Kollektion zu übernehmen und sich bei der Gestaltung zu beteiligen?


Einerseits sehe ich das Entwerfen von Souvenirs als eine sehr spannende Aufgaben im Design. Auch wenn es sich auf den ersten Blick nur um kleine, niederkomplexe Dinge handelt, müssen sie trotzdem Sympathie- und Informationsträger sein. Die andere große Herausforderung ist natürlich der ganz besondere Kunde, das Auswärtige Amt. Man steht ja stellvertretend für Deutschland, da die Objekte ganz offiziell Geschenke der Bundesrepublik repräsentieren.



Wie fühlt es sich an für Deutschland zu entwerfen? Hatten Sie Schwierigkeiten dabei?

Da das Auswärtige Amt Deutschland schwerlich mit all seinen Höhen und Niederungen repräsentieren kann, mussten wir uns auch ein Stück weit zurückhalten. Wir haben viele drastische Aspekte in Deutschland, die dann natürlich keinen Eingang in die offizielle Regierungskollektion finden konnten. Das Besondere war das Spiel mit Ironie und Selbstironie und das Zulassen einer Mehrdeutigkeit. Das ist ein überaus spannender Balanceakt. Denn die Objekte durften zwar eine Spitze haben, aber keinen Spieß. Natürlich gab es Dinge, die politisch nicht ganz so korrekt waren, wie man es vom Auswärtigen Amt erwartet, diese haben wir raussortiert und als Ansatzpunkte für andere Ideen genutzt.

Ist die Kollektion komplett "Made in Germany", also ausnahmslos in Deutschland produziert?



Ja! Die Produktion in Deutschland war eine weitere Herausforderung des Projektes: Selbst wenn es sich um preisgünstige Objekte wie Bleistifte handelt, gibt es dennoch in Deutschland nur noch sehr wenige Hersteller dafür, das meiste wird in Asien produziert. Gerade darum hatten wir den Ehrgeiz die Kollektion vollständig in Deutschland herzustellen. Deshalb setzten wir auf intelligentes Design, das Wege ermöglicht, die Produktion so unaufwändig wie möglich zu machen.

Gab es weitere festgelegte Kriterien bei der Gestaltung?



Ja, kein Geschenk durfte teuerer als 20 Euro sein, denn da droht von Amts wegen schon die Grenze zur Bestechung!

Die Kollektion besteht unter anderem aus Konferenztaschen, Mappen und Heftklammern in Nationalfarben – alles zum Thema deutsche Ordentlichkeit. Machen sich etwa so aus der nationalen Tugend Nr. 1 einen großen Spaß?

Ist es nicht eher listige Ironie? Mit der Kollektion wird weder die deutsche Ordentlichkeit geheiligt, noch irgendwas ins Lächerliche gezogen, vielmehr amüsant und charmant mit Klischees gespielt

Was war Ihnen bei der Gestaltung beziehungsweise Betreuung der "DeutschlandKollektion" wichtiger: Funktionalität, Kontext oder Erscheinung der Produkte?



Ich glaube im Design lassen sich diese Kriterien kaum auseinander halten. Ein in sich stimmiges Produkt entsteht nur dann, wenn das Design Ansprüche und Qualitäten koordiniert und miteinander verknüpft. Das gelungene Zusammenspiel ist die komplexe Herausforderung. Und das wichtigste dabei ist, etwas Relevantes und Nachhaltiges zu schaffen.

Zwar sind die Produkte kreativ im Design, dennoch beschränken Sie sich auf sehr konservative Werbemedien wie Stifte und Notizblöcke. Warum?

Ja, aber nur auf den ersten Blick. Mit wenig Kostenaufwand

 wollten wir zeigen, dass man mit einem klassischen Produkt ganz neu umgehen kann. Ein gutes Beispiel ist unser Bleistift, der sich in der Mitte brechen und nachbarschaftlich zu zwei Stiften teilen lässt. Der Titel lautet: "Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt". Das Ziel war es, einfache Produkte mit weiteren Ebenen der Wahrnehmung und des Verständnisses aufzuladen.

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