Democratic Design - Ikea - München

Ich bin bauhausgeschädigt

Schon lange ist Ikea der Einzug in die meisten Wohn- und Kinderzimmer gelungen. Jetzt hat der schwedische Möbelhersteller den Sprung in die Pinakothek der Moderne in München geschafft: Billy und Co. werden ab dem 3. April in der Ausstellung "Democratic Design – Ikea" in der Neuen Sammlung zu sehen sein. art sprach mit Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung, The International Design Museum Munich, über Design und Ikea und über Massenware als Museumsexponate.

Besitzen Sie privat ein Ikea-Möbel?

Florian Hufnagl: Ich habe ein ganz klassisches Stück: ein schwarzes Billy-Bücherregal. Ich brauche Bücherregale, weil ich Bücher liebe, und deshalb wollte ich ein anständiges, praktisches und preiswertes Regal.

Und haben Sie es auch selber aufgebaut?

Ja, und ich besitze es schon seit meiner Studentenzeit. Es begleitet mich bis zum heutigen Tag und hat mehrere Umzüge überlebt. Ein Regal muss funktionieren, und das tut es.

Aber warum sind Ikea-Möbel jetzt auch museumsreif?

Für mich muss Gestaltung nicht teuer sein. Design ist Gestaltung für den Menschen, und für Menschen müssen die Dinge auch erreichbar sein, also bezahlbar. Es wird natürlich bei dem einen oder anderen Möbelstück einen Wiedererkennungswert geben, aber den gibt es auch bei Fahrzeugen und Braun-Radios. Das hat man beim Design immer. Aber wir erzählen eine sehr spannende Geschichte über inzwischen 60 Jahre Ikea. Und alle Exponate zusammenzutragen, war gar nicht mal so einfach, weil es bei einem Unternehmen, das in den vergangenen Jahren ein derart dynamisches Wachstum hatte, gar nicht so eine intensive Auseinandersetzung mit der Historie gibt. Einige Exponate hatte Ikea gar nicht in seinem Archiv. Wir haben aber selber eine ganze Reihe von Stücken schon seit den achtziger Jahren in unserem Haus. In den vergangenen 20 Jahren haben wir konsequent Objekte von Ikea in unsere Sammlung aufgenommen.

Welche Stücke werden ausgestellt?

In einem normalen Ikea-Einrichtungshaus sind rund 10 000 Produkte ausgestellt. Vom Textil, über das Glas zum Metall, zum Möbel und zum Kinderspielzeug zeigen wir mit rund 150 Exponaten praktisch alle Dinge des täglichen Lebens in ihrer ganzen Bandbreite.

Gibt es besonders teure oder preiswerte Objekte darunter?

Ich habe hier keine Ausstellung mit Weltrekordpreisen. Allerdings sind die frühen Stücke mittlerweile selten. Wie immer beim Design, steht nach Ablauf der Funktion oder der Benutzbarkeit, in einer modernen Konsum- und Massengesellschaft die Schredderanlage oder der Wertstoffhof. Wir stellen hier viele Dinge aus, die es man sonst gar nicht mehr findet.

Werden Ikea-Möbel, die mal in einer großen Auflage hergestellt wurden und heute selten sind, wertvoll?

Das ist das Thema und das Schicksal von Design seit vielen Jahrzehnten. Je mehr Dinge verschwunden sind, desto teurer wird es . So werden aus Fahrzeugen irgendwann Oldtimer. Das kann auch bei einigen Ikea-Stücken passieren.

Ist Ikea heute Popkultur?

Sicherlich. Als Ikea in der Sechszigern und Siebzigern nach Deutschland kam, gab es dort ein ganz spezifisches, junges studentisches Publikum, das eben auch die Wohnwelten anders haben wollte, als sie es von ihren Eltern kannten. Das gilt aber nicht nur für Ikea, das gilt auch für Kunststoffmöbel. Und mittlerweile sind sogar die alten Ikea-Kataloge sehr selten geworden. Das kann natürlich zu einem Kultstatus führen. Diesen Kult macht ja immer die nachfolgende Generation. Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand ein Ikea-Objekt aus den Sechszigern und Siebzigern kultig findet.

Also sind "Museen" und "Massenware" kein Widerspruch?

Nein, definitiv nicht, sonst wäre "Museum" und "Bauhaus" auch ein Widerspruch. Wir sind im 90. Jahr seit Bauhaus-Gründung. Das Bauhaus hat es versucht, ist aber daran leider gescheitert, die Menschen zu erreichen. Das ist das Thema von Gestaltung.

Und erreicht Ikea die Menschen?

Dem Anspruch des "Democratic Designs", den sie vor rund 15 Jahren so formuliert haben, werden sie gerecht. Aber dass Gestaltung nicht teuer sein muss, ist auch keine neue Idee, das gab es schon in den zwanziger Jahren. Das ist auch ein Anspruch, der aus der Geistesgeschichte kommt. Hier geht es nicht nur ums Produkt, sondern um die geistige Idee, die hinter dem Produkt steht. Das Produkt kann nur auf einer geistigen und gestalterischen Idee basieren.

Und was verbinden Sie als Designexperte mit der Marke Ikea? Was ist für Sie das Interessante am "Democratic Design"?

Mit der Marke verbinde ich wenig. Ich verbinde mit der Idee von Ikea eine ganze Menge. Hier ist eine geistreiche Geschäftsidee erfolgreiche Wirklichkeit geworden: dass man auch gestaltete Dinge wirklich unter die Menschen bringen kann. Ein wie auch immer geartetes Möbelstück kann allein durch seine Gestaltung ein Minimum an Platz einnehmen, man kann es leicht transportieren und selber aufbauen. Das ist eine der tragenden Ideen von Ikea, und das findet sich übrigens auch schon im 19. Jahrhundert bei Thonet. Man konnte auf einem Kubikmeter 36 Thonet-Stühle transportieren. Die Zusammenführung dieser tragenden Idee hat mich interessiert.

Welche geistigen Strömungen und Stile haben das Ikea-Design in den vergangenen 60 Jahren beeinflusst?

Wer die Ausstellung anschaut, wird sicher zwei ganz klassische Wurzeln sehen. Das eine ist die traditionelle skandinavische Linie und das andere ist, was ich "Scandinavian Modern" nennen würde, eine Linie, die auf dem hellen Birkenholz beruht. Das ist etwas, was man bei Ikea sehr häufig findet. Der nachwachsende Rohstoff ist bei Ikea natürlich bis heute ein Thema. Wenn ein Unternehmen so breit aufgestellt ist, dann muss es auf die vielfältigen Wünsche seiner Kunden reagieren. Was mich interessiert, sind aber die Basics.


Gehen Funktionalität und Design miteinander einher?

Ja, durchaus. Aber nicht nur. Ich bin eigentlich wie alle im Design bauhausgeschädigt, da darf schon noch ein bisschen Freude und Emotion dabei sein und nicht nur bloße Funktionalität. Das passiert, bei Ikea ganz klar, beispielsweise über das helle Birkenholz. Das ist typisch skandinavisch.


Wie ist schließlich die Idee entstanden, eine Ausstellung nur mit Ikea-Möbeln zusammenzustellen?

In Zeiten, in denen die Globalisierung ein Thema ist, in Zeiten, in denen wir fragen müssen, wie gehen wir eigentlich mit unseren Ressourcen um, und in Zeiten, in denen viele Menschen fragen, was können wir uns eigentlich leisten, ist es beim Thema Möbel, interessant sich mal Ikea anzuschauen. Vor eineinhalb Jahren habe ich dann bei Ikea Deutschland angefragt.

Der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ist ja auch als Pfennigfuchser bekannt. Ist damit auch eine Sparmentalität, frei nach dem Motto "Geiz ist geil" im Museum angekommen?

Nein. Es geht uns um die Frage nach der Gestaltung und nach dem, was es kostet. Und diese Gedanken wird sich jeder vernünftige Mensch machen, ob es bei einem Möbelstück ist, oder beim Essen. Die Frage ist: Was kriege ich für wie viel, zu welchen Bedingungen und zu welcher Qualität? Das ist weit weg von "Geiz ist geil", das ist nicht unsere Fragestellung.

Und was ist nun das Erfolgsgeheimnis von Ikea? Gibt es Vergleichbares?

Es gibt international, soweit ich weiß, kein Pendant. Die Idee hinter Ikea hat so gut funktioniert, weil sie mit aller Konsequenz durchgezogen wurde. Ikea hat ein anderes, ein junges Publikum angesprochen, auch junge Familien. Dahinter steckt auch ganz klar ein sozialer Aspekt. Kinder und junge Leute wurden ernst genommen und nicht stehen gelassen, indem man sagte: Sie können sich die Eiche sowieso nicht leisten.

"Democratic Design - Ikea"

Termin: 3. April bis 7. Juli, in der Neuen Sammlung, The International Design Museum Munich
http://www.die-neue-sammlung.de/z/deindex.htm