EXPO / Arts & Foods - Mailand

Das große Fressen

Anstatt über Lösungsvorschläge für den Welthunger nachzudenken, schlägt man sich in Mailand die Bäuche voll. Die von Germano Celant kuratierte Mammutschau "Arts & Foods" widmet sich teils konfus und langatmig dem Thema "Esskultur"
Das große Fressen

Eine Trennung von Nahrung als Motiv und als Mittel der Kunst hätte "Arts & Foods" wohl gutgetan: Tom Wesselmanns "Stillleben #8" ("Still Life #8"), 1962, Mischtechnik, Collage auf Pappe, 106,68 x 121,92 cm

Architekturgeschichte schreiben Weltausstellungen schon lange nicht mehr. Brauchen wir in unserem digitalen Zeitalter überhaupt noch EXPOS?

Für die Mailänder Ausgabe mit ihrem Motto "Den Planeten ernähren. Energie für das Leben" sah ein Masterplan ursprünglich einen "planetarischen botanischen Garten" vor, der später die Mailänder mit Gemüse versorgen sollte. Alle Länder sollten eine gleich große Fläche bearbeiten. Doch der Plan musste aufgegeben werden, da fast alle 145 teilnehmenden Staaten eine nationale Selbstdarstellung wünschten. Nun reihen sich die Pavillons dicht an dicht entlang einer eineinhalb Kilometer langen Hauptachse – ein surreales Durcheinander.

Ungarn präsentiert sich mit einem gewaltig hohen Fass, Kuwait mit einer Art Segelschiff, Nepal mit einer Pagode. In Sichtweite zu "McDonald’s" steht das Holzhaus von "Slow Food" (Entwurf Herzog & de Meuron). Stark ins Auge fällt der britische Pavillon, ein riesiger Bienenkorb aus Metall vom Künstler Wolfgang Buttress. Die Schweiz bietet in vier nüchternen Türmen Einzelportionen von Salz, Wasser, Kaffee und Apfelringen zum Mitnehmen an, und beim Besucher soll im Anblick der sich langsam leerenden verglasten Türme ein Gefühl für die schwindenden Ressourcen geweckt werden. Am besten gefiel uns der österreichische Beitrag, der aus einem Wäldchen besteht, das Sauerstoff produziert. Der deutsche Pavillon, eine Leichtbaukonstruktion von Schmidhuber aus München mit "Solar Trees", die tagsüber Energie für die abendliche Beleuchtung sammeln, bietet sehr ausführliche Informationen, etwa über das Projekt einer Genbank für Kulturpflanzen.

Ein Hexenhaus aus Brot und schlafende Würste am Lagerfeuer

Ab 19 Uhr kostet der Eintritt zur EXPO nur fünf Euro. Dann strömt das Publikum zum Essen herein. Denn außer im Pavillon des Vatikan mit seinem Motto "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" biegen sich überall die Tische. Die Niederlande ahnten wohl, worauf alles hinausläuft, und präsentieren sich lediglich mit einem Karussell, Imbisswagen, lauter Musik und Wurstbroten.

Viele Menschen auf der Welt werden nie satt. Von der EXPO erwartete man für dieses Problem Lösungsvorschläge. Die Verantwortlichen aber kamen irgendwie vom Thema ab, als sie dem Starkritiker Germano Celant den Auftrag gaben, mit einer teuren Mammutschau das Thema "Esskultur" bis ins Jahr 1851 zurückzuverfolgen, als die erste Weltausstellung in London stattfand. Der Kurator holte groß aus und führt im Palazzo dell’arte und im umliegenden Park auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern vor, wie sich die ritualisierten Abläufe rund um das Essen verändert haben. Eine Überfülle an Koch- und Esswerkzeugen ist ausgebreitet, Designobjekte, Plakate, Konservendosen, Gemälde von Monet, Picasso, Morandi, alles chronologisch geordnet und unterhaltsam inszeniert mit passenden Filmen auf schräg abgehängten Projektionsflächen. Ganze Interieurs wurden zusammengestellt, etwa das düstere, mit spitzwinkligen Möbeln ausstaffierte Esszimmer des Futuristen Gerardo Dottori. Die Entritualisierung der Esskultur ist erschöpfend dokumentiert, vom Picknickkorb über die ersten Raststätten zur Verpflegung der Autofahrer bis zum Snack.

Das neun mal sieben Meter große Haus für bessere Tage, 1956 von Jean Prouvé für Obdachlose ent-
worfen, wurde mit Möbelklassikern eingerichtet. Es fehlen auch nicht Andy Warhols Suppendosen, ein Iglu aus Brot von Mario Merz, ein Hexenhaus aus Brot von Urs Fischer, die großen "schlafenden" Würste am Lagerfeuer von Dennis Oppenheim. Die Menge ist beeindruckend, doch wird die Schau in der zweiten Hälfte zunehmend konfus und langatmig. Eine Trennung von Nahrung als Motiv und als Mittel der Kunst hätte "Arts & Foods" wohl gutgetan.

EXPO Mailand, Arts & Foods

Termin: Die EXPO Mailand ist bis zum 31. Oktober 2015 zu sehen.

Die Ausstellung "Art & Foods" ist bis zum 1. November 2015 im Palazzo dell'Arte zu sehen.

Zur EXPO ist bei Rizzoli ein Führer mit dem Titel "Milan World’s Fair. Guide to the Expo In and Around the City" erschienen (zirka 20 Euro).

http://www.expo2015.org/en