Retrodesign - Böhmer & Hausmann

Retrodesign ist Zukunft

Man kennt dieses Déjà-vue beim Anblick von Blümchentapeten und Neonleggins – alles schon mal mitgemacht, alles ganz vertraut. Revivals und Retro sind ein wichtiger Bestandteil des Designs und unserer Wahrnehmung, doch das Image leidet. Achim Böhmer und Sara Hausmann, beide selbst Grafikdesigner, wollen mit ihrem neu erschienenen Buch "Retrodesign" zeigen, dass Retro mehr ist als bloßes Kopieren.
"Retrodesign ist Zukunft":Ein Gespräch über Design, Innovation und Zukunft

Non-Format, Kjell Ekhorn, Jon Forss (Illustration), Laurence Thomson, Olly Walker (Art-Direktion): Illustration für das "Orange TRY billboard", Orange mobile phone Kampagne für Mother, London, 2004

In Gegenüberstellungen von Klassikern der Designpioniere und inspirierten Nachahmern möchte das Buch mit Vorurteilen aufräumen und Streifzüge bis in die Renaissance sollen das jeweils Stilbildende aus den Bereichen Grafik, Produktdesign und Architektur herausfiltern. art sprach mit den beiden Autoren über die Aktualität und Zukunft von Retrodesign – und die Möglichkeit, etwas ganz Neues zu kreieren.

Blickt man zurück auf die letzten 20 Jahre, hat man das Gefühl, im Schnelldurchlauf noch mal alle Jahrzehnte seit den Fünfzigern wiedergekäut zu haben. Ist das Thema Retro nicht langsam überholt? Warum veröffentlichen Sie gerade jetzt ein Buch darüber?

Achim Böhmer: Wir glauben, dass Design eine ständige Transformation bestimmter Charakteristika und Stile ist. Und gutes Retrodesign tut genau dies. Man sieht heute sehr viele Designer, die bestimmte Stilzitate nutzen und vor allem verschiedene Ausdrucksformen miteinander vermischen. Das Buch möchte ein Verständnis für diese Zitate vermitteln und helfen, sie einzuordnen. Denn jeder Stil ist ja auch inhaltlich aufgeladen. Die schweren, roten Schriften des Konstruktivismus etwa wollten eine ganz klare politische Botschaft vermitteln. Möchte ich als Designer einen ähnlichen Ausdruck kreieren, kann mich das eben in das Design dieser Zeit zurückführen.

Sarah Hausmann: In bestimmten Bereichen, wie dem Corporate Design, wird Retro gerade auf der inhaltlichen Ebene wichtig: Ein neu gegründetes Schweizer Unternehmen knüpft zum Beispiel an das Grafikdesign der "Schweizer Schule" der Vierziger an, um so Tradition zu suggerieren.

Böhmer: Der Begriff Retrodesign wird oft falsch verstanden und zu eng gefasst. Manche Designer stehen Retro sehr ablehnend gegenüber. Das ist uns besonders bei den deutschen Designern, mit denen wir gesprochen haben, aufgefallen. International ist man tendenziell offener, bestimmte Retrocharakteristika gezielt einzusetzen, um etwas Neues zu entwickeln. Es schränkt einen ein, wenn man so tut, als hätte es nie andere Designer gegeben, von denen man sich beeinflussen lassen könnte. Wir wollten den Begriff mit unserem Titel neu aufladen.

Inwiefern spielt Nostalgie dabei eine Rolle?

Böhmer: Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt, Nostalgie ist ein sehr hoher emotionaler Wert. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. Geht man zum Beispiel bis in die Renaissance zurück, merkt man plötzlich, wie modern dieser Stil sein kann. Nostalgisch wird man beim Anblick dieser Designs nicht, man ist sich des Ursprungs meist gar nicht mehr bewusst.

Es fällt auf, dass es seit den Sechzigern eine Verdichtung der Revivals gab. Liegt das an einer zunehmenden Sprachlosigkeit? War alles schon mal da?

Hausmann: Menschen haben schon immer alte Designs wieder aufleben lassen. Schon die Renaissance war ein Revival der Antike. Mit Beginn der Moderne kam es nur zu einer Pause, da man radikal mit Traditionen brechen wollte. Seit Ende der Sechziger gab es dann wieder einen Dogmenwechsel, die Postmoderne hat die ablehnende Haltung der Vorgängerjahrzehnte sogar karikiert. Kennzeichnend für unsere Zeit ist nicht mehr nur das Auflebenlassen bestimmter Zeiten und Stilepochen, sondern die Vermischung unterschiedlicher Stile – so entstehen ganz neue Sprachen.

Das Ende des 19. Jahrhunderts stand ganz im Zeichen des "Neo", knapp hundert Jahre später ist alles "retro". Auch im Historismus gab es Stilmixe, wobei der damit verbundene Begriff Eklektizismus eher negativ belegt war. Inwiefern hebt sich unser heutiges Retrodesign davon ab?

Hausmann: Beim Historismus spielte Nostalgie eine viel größere Rolle. Das Problem war damals, dass Objekte, die eine große, handwerkliche Tradition hatten, plötzlich auf sehr billige Weise produziert wurden und als Massenware den Markt überschwemmten. Das war ein Aspekt des Negativimages. Heute kann man bestimmte Formen vergangener Epochen aber durch neue Techniken viel perfekter umsetzen und so das Original auch weiterentwickeln. Das steigert sich bis hin zur Durchdringung von Kunst und Design, das heißt es entstehen Gegenstände, die wie Kunstwerke viele Tausend Euro kosten, weil sie so anspruchsvoll hergestellt sind. Die Produktion ist dann hinsichtlich der Qualität mit der des Barock vergleichbar.

Böhmer: Hinzu kommt, dass man früher dachte, die Dinge seien irgendwie verfälscht, weil oft kein klarer Stil mehr erkennbar war. Heute kommt dem eine andere Bedeutung zu, das heißt, es ist sogar wichtig geworden, Dinge zu kombinieren. Durch Eklektizismus kann also auch innovatives Design entstehen.

Welche Produkte und Stilmerkmale unserer Zeit taugen für ein späteres Retrodesign?

Hausmann: Es gibt viele kristalline Formen und geometrische Muster, die wiederum an das Raster der Siebziger erinnern, zum Beispiel die Stühle von Konstantin Grcic. Diese bilden zur Zeit eine prägnante Designströmung, die zu einem späteren Zeitpunkt als Retrodesign wiedererkannt werden kann – auch wenn sich die Arbeiten im Moment im Avantgardebereich bewegt und man im Alltag noch nicht so viel davon mitbekommt.

Böhmer: Vieles, gerade aus dem Bereich Grafikdesign, nimmt man aber auch unbewusst, vor allem über die Werbung, wahr. Bei den populären Produkten ist natürlich der iPod sehr markant...

Hausmann: ...obwohl es sehr starke Parallelen zwischen den Apple-Produkten und dem Design der Braun-Produkte der sechziger Jahre gibt.

Kann es etwas komplett Neues denn noch geben, wenn man scheinbar in alle Produkte ein "Retro" reindenken kann?

Böhmer: Das Neue ist vor allem im technischen Fortschritt begründet, aber generell kann man schon sagen, dass auch die innovativsten Produkte und Designs immer die Gene anderer Stile in sich tragen. Das zeigt doch, wie eingeschränkt man Retro im Allgemeinen wahrnimmt.

Und eine ganz neue Form? Ist die etwas für die Zukunft?

Böhmer: Wir befinden uns in einer Zeit, in der neue Formen durch die Simulation des Künstlichen entstehen. Der Stuhl "Bone Chaise" von Joris Laarmann ist ein gutes Beispiel für eine neue Art der virtuellen Ästhetik: Man weiß hier nicht genau, ob das Objekt auf der Abbildung eine echte Fotografie oder ein Rendering ist. Das Produkt wirkt wie eine Simulation, die Welt kommt aus dem Computer.

Und trotzdem ist der Stuhl von Laarmann in dem Buch "Retrodesign" vertreten, in Gegenüberstellung zu "La Chaise" von Charles und Ray Eames ...

Böhmer: Ganz genau. Retrodesign ist eben auch Zukunft.

"Retrodesign – stylelab"

Das Buch: Achim Böhmer und Sara Hausmann, 318 Seiten mit über 800 farbigen Abbildungen
Format 25,5 × 29 cm, geprägter Kunstledereinband, Buchblock im Tampondruck allseitig bedruckt, Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2009, 89 Euro
http://www.typografie.de/Unsere-Buecher/Grafikdesign/Achim-Boehmer_Sara-Hausmann/Retrodesign::823.html

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