Yves Saint Laurent - Nachruf

Ein scheuer Revolutionär

Beim Gedanken an Yves Saint Laurent haben ihn wohl die meisten mit seiner auffällig großen, dunklen Hornbrille in Erinnerung. Der Modedesigner hat nach seinem Tod am vergangenen Sonntag aber weit mehr hinterlassen. Was neben dem "Schiwago-Look" und der A-Linie noch bleibt, darüber sprechen Kollegen und Fans der Legende mit art
Mode-Revolutionär verstorben:Kollegen und Fans über YSL

Yves Saint Laurent mit Model Laetitia Casta (links) und Schauspielerin Catherine Deneuve (rechts) im Centre Pompidou, wo er seine letzte Modenschau hatte

Für Wolfgang Joop, einen der erfolgreichsten deutschen Modedesigner, war Yves Saint Laurent ein wichtiger Teil seiner Karriere. "Yves Saint Laurent lehrte mich angstfrei zu sein, in der Kunst und in der Mode. Das hat mir sehr geholfen, meine Kreativität ungezügelt sein zu lassen." Trotz der gemeinsamen Passion für Mode sieht Joop auch Unterschiede: "Wir waren sehr unterschiedliche Typen, er war sehr zurückgezogen, schwer zu erreichen. Aber seine Art, die Dinge zu vereinfachen, hat mich immer sehr geprägt." Auf die Frage, was von YSL erhalten bleibe, antwortet Joop: "Seine größte Errungenschaft war, dass er das bourgeoise Establishment der Haute Couture hinter sich liess und wirklich tragbare, legere Mode entwarf. Er war kein Mann der "Grande Complicacion", nicht so kompliziert wie es Dior oder Balenciaga waren, und sicherlich auch nicht der größte Couturier aller Zeiten. Er rückte das Banale in den Mittelpunkt, verschrieb sich der äußersten Einfachheit. Er hat somit die Modewelt für immer revolutioniert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht denke: 'Wie hätte Yves das gemacht?'"

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Strecken Teaser

Der Schweizer Fotokünstler Daniele Buetti wurde in den neunziger Jahren mit manipulierten Bildern von Supermodels berühmt. Zum Tod Yves Saint Laurents ließ er art ein Foto zukommen, auf dem das Logo YSL wie eine Träne unter dem Auge des Fotomodells platziert ist.

Noch bis vor kurzem kuratierte die Kunsthistorikerin Xenia Ressos die Ausstellung "16 x Yves Saint Laurent" im Kölner Museum für Angewandte Kunst. "Yves Saint Laurent war bekannt für seinen Humor. Seine witzigen Einfälle, die er selbst in der Haute-Couture verwirklichte, wurden zu seiner Enttäuschung anfangs jedoch von den zeitgenössischen Kritikern nicht immer verstanden. Heute ist seine Maxime angekommen: Mode soll in erster Linie Spaß machen", meint Ressos. Für sie bleiben die zahllosen, aus der heutigen Mode nicht mehr wegzudenkenden Trends wie der von ihm begründete Marine-, Safari- oder auch der Nude-Look in Erinnerung. "Besonders wichtig finde ich den heute in der Damenmode selbstverständlich gewordenen Damenanzug." Die Kunsthistorikerin fügt hinzu: "Sympathisch macht YSL auch seine besondere Verehrung für die Frau, die stets im Mittelpunkt seines Interesses stand. Seine Kreationen schuf er nicht als losgelöste, für sich allein stehende Kunstwerke im Sinne der l´art pour l´art, sondern als der Frau dienendes Beiwerk, das ihre Persönlichkeit unterstreichen sollte. Seine Kreationen sind stets als Hommage an die Frau zu verstehen, denn, wie Yves Saint Laurent selbst sagte: Eine Dame trägt keine Kleider. Sie erlaubt den Kleidern, von ihr getragen zu werden."

Nach Zusammenarbeit mit Wolfgang Joop und Helmut Lang und der Auszeichnung durch den Philipp-Morris-Design-Award 1994 hat Kostas Murkudis seit 2003 seine eigene Marke "Murkudis Haltbar". Yves Saint Laurent lehrte ihn, die Anmut der Frau zu entdecken und sie zu erhöhen. "YSL und mich verbindet die Faszination für die Frau – der Wunsch sie zu umhüllen, sie zu beschenken." Murkudis spricht von einem außergewöhnlichen Werk: "Ohne seine Leistung wäre die Mode arm an Poesie und Innovation." Trotz großer Bewunderung für seine Arbeit, sieht Murkudis die Begabung YSLs auch als Fluch: "Von der Ferne betrachtet ein sehr einsamer Mensch."

Leben mit allen Höhen und Tiefen

Aus dem Allgäu kam der Modemacher Markus Lupfer ins Londoner East End, wo er als große Hoffnung gehandelt wird. Über Yves Saint Laurent sagt er: "Eine wahre Inspiration und ein Perfektionist. Schon immer habe ich
Yves Sain Laurent und seine Arbeiten bewundert, vor allem sein Tailoring und das endlose Spiel mit Maskulin und Feminin. Der Hosenanzug war revolutionär - Er hat Frauen Macht gegeben."

Begonnen hat ihre Karriere unter Vivienne Westwood, seit 1996 hat Anja Gockel ihr eigenes Modelabel und beliefert damit nicht nur die schwedische Königin, sondern auch Kunden in Saudi-Arabien. Für sie war Yves Saint Laurent stilbildend in der Mode und hatte für seine Zeit revolutionäre Ideen. "Mich beeindruckt, wie er immer wieder aufs Neue Grenzen überschritten hat, damit zunächst wenig Gefallen fand und sich dann letztendlich doch als Trend durchsetzte. Ein kreativer Vordenker mit Mut und einem unglaublichen Gespür für gesellschaftliche Umbrüche." Anja Gockel besuchte auch das Haus des großen Meisters in Marrakesch. Für sie stellt YSL eine sehr facettenreiche, charismatische, aber auch zerrissene Persönlichkeit dar. "Er hatte ein Leben mit allen Höhen und Tiefen zwischen Askese und Exzess, Drogen und Nervenzusammenbrüchen, Verschlossenheit und Skandal." Dem zufolge bleibt er ihr als legendärer Designer in Erinnerung, sie selbst sieht sich aber eher als Gegenteil: "Ich würdige das Werk von Yves Saint Laurent wirklich im höchsten Maß, fremd ist mir jedoch seine hochkomplizierte Psyche und sein Hang zum Extremen, die Drogen und der Alkohol, die sein Leben sicher mehr ausgehöhlt als bereichert haben. Ich persönlich liebe den mittleren Weg, der mich weit mehr beflügelt als der Exzess."

Ralf Hensellek und Thomas Morozek von Thatchers haben trotz eigener Shows in Paris Yves Saint Laurent nie kennen gelernt. Trotzdem konnten sie viel von ihm lernen. "Er zeigte, wie schlicht Eleganz sein kann. Er selber hat wohl sehr unter dem Künstlersein gelitten, aber seiner Arbeit sieht man das nicht an, sie ist von großer Leichtigkeit." Für die beiden bleibt vor allem eins von Yves Saint Laurent: "Sein tolles Nacktfoto aus seiner Anfangszeit."

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