Oh Tannenbaum! - Karlsruhe

Kloh Tannenbaum

Ein Miniaturweihnachtsbaum, der von einer roten Kugel erdrückt wird, ein Autoreifen mit Tannen-Profil, ein Schokobrunnen, aus dem grüne, schleimige Flüssigkeit tropft – der Kreativität sind in der Ausstellung "Oh Tannenbaum" in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung keine Grenzen gesetzt.
Alle Jahre wieder:Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt

Anonym: "Last Christmas", zu sehen in der Ausstellung "Oh Tannenbaum!"

Es gibt einen Maibaum, einen Baum der Erkenntnis, einen Richtbaum und vor allem gibt es Weihnachtsbäume in jeglichen Ausführungen: ob aus Kunststoff oder auf natürlicher Basis, kitschig verspielt oder konservativ klassisch. Wie sich das grüne, kegelförmige Objekt außerdem darstellen lässt, zeigt die Ausstellung "Oh Tannenbaum!" an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG), die die mittlerweile selbstständigen Designer Johannes Marmon und Johannes Müller 2004 ins Leben gerufen haben.

Dass das Projekt solche Ausmaße annehmen würde, damit hatte anfangs niemand gerechnet. Die Idee war eher kurzfristig aus dem Boden gestampft, erzählt Marmon: "Wir wollten ein Projekt anbieten, das die verschiedenen Fachbereiche der HfG zusammenbringt und das nicht an ein bestimmtes Medium gebunden ist." Ob Text, Bilder, Objekte, Klangwände oder Installationen – den Projekten sind in Form, Erscheinung und Materialität keine Grenzen gesetzt. Das Thema "Weihnachtsbaum" erschien den Designern geeignet, da eigentlich jeder eine eigene Vorstellung, Erinnerung oder Assoziation dazu hat.

Gerade weil der Weihnachtsbaum ein sehr vielschichtiges Symbol ist, das in vielen verschiedenen Kontexten zu finden ist, bietet er auch eine breite Angriffsfläche, beziehungsweise Möglichkeit, ihn aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen, zu persiflieren, überarbeiten oder ganz anders darzustellen. Recht eindeutig in ihrer Symbolik sind beispielsweise Bäume, die als Kreuze dargestellt werden um den christlichen Aspekt aufzugreifen, Bäume in Einkaufswagen, die auf die Konsumgesellschaft anspielen oder Bäume, die zwischen längst verblühten Bäumen stehen und als Zeichen für "Immergrün" fungieren.

Aus Angst, es könnten bei der ersten Ausstellung im Jahr 2004 zu wenige Weihnachtsbäume ausgestellt werden, haben die Designer etwa sechs eigene Exemplare gefertigt, darunter drei, auf die sie bis heute stolz sind. Zum einen die "Buchtanne" – ein Stapel aufgeschlagener Bücher, der sich zu einem Baum formt, die Persiflage "Kloh Tannenbaum" – eine grün lackierte Klobürste, die umgedreht in einer Halterung thront, sowie "Atlas", eine Miniaturausgabe des Weihnachtsbaums, in dessen Krone sich eine große rote Kugel befindet, die das Bäumchen mit der Last "Weihnachten" erdrückt. Gegen alle Bedenken der Initiatoren stieß das Projekt auf reges Interesse, sodass es sich im Laufe der Zeit verselbstständigt hat. Wurden zu Beginn noch etwa 40 Arbeiten gezeigt, sind es heute weit mehr als 100. "Eigentlich wählen wir die Teilnehmer nicht aus – in diesem Jahr mussten wir erstmals Einschränkungen vornehmen, da wir das Projekt ins rein Kunsthandwerkliche, Pseudo-Künstlerische abrutschen sahen", erzählt Müller.

11180
Strecken Teaser

"Je nachdem wo man um den Baum rumlief, hat man auch immer etwas anderes gehört"

Zwei Weihnachtsbäume sind Marmon besonders in Erinnerung geblieben: "Von der statischen Leistung her hat mich ein extrem großer Baum von Tom Pawlofsky aus dem Jahr 2004 fasziniert, der über drei Stockwerke reichte und aus langen schwarzen Stoffbahnen bestand, die eine Art Zelt bildeten, in dem Glühwein verkauft wurde." Inhaltlich hat ihn Leistung des Fachbereichs Medien/Kunst/Sound überzeugt: Für ihre Arbeit "KLannGenbaum" von 2007 ließen sie 42 Lautsprecher, für die jeder Künstler eine eigene Klangarbeit mit Geräuschen wie Knistern oder Weihnachtslieder entwickelt hat, kegelförmig von der Decke hängen. "Je nachdem wo man um den Baum rumlief, hat man auch immer etwas anderes gehört", erzählt Marmon begeistert. Seinem Kollege Johannes Müller hat die Arbeit "Driving Home For Christmas" von Cornelia Sieg aus dem Jahr 2007 besonders gut gefallen. Die Studentin hat Tannen in das Profil eines Autoreifens geschnitzt, der beim Losfahren Weihnachtsbaum-Abdrücke hinterlässt.

In seinem eignen Wohnzimmer hat Müller keinen Weihnachtsbaum stehen. "Mir ist das tatsächlich nicht so wichtig", gesteht er. Als Kind verband er damit die klassischen Assoziationen wie Familie, Wärme und Geborgenheit. Was ihn heute fasziniert sind neben dem positiven Aspekten auch die kritischen Dinge, die in dem Baum stecken und durch das Projekt zur Sprache kommen.

Wie auch in diesem Jahr: Ein Student wird einen Schokobrunnen ausstellen, aus dem eine grüne, schleimige Flüssigkeit tropft. Müller hat sich auch schon eine eigene Interpretation für die Arbeit überlegt: "Hier wird Weihnachten als ein zähes Fest, das vor sich hin tropft, dargestellt." Aktuellen Bezug weisen die Arbeiten der Studenten Anna Selbmann, Bettina Dunker und Manuel Kolip auf. Ihre Bilder sind ein kritisch-ironischer Beitrag zu den kürzlich aufgetauchten Werken Pablo Picassos. Als "Grüne Phase" bezeichnen sie eine Weihnachtsbaumserie, die sich angeblich unter den 271 verschollen geglaubten Picasso-Werken befand und nun in der Ausstellung zu sehen sein wird.

Für das kommende Jahr plant das Designerpaar ein umfangreicheres Buch mit den Arbeiten der Teilnehmer herauszugeben, das mehr kunstwissenschaftliche Texte enthält als die Ausgabe von 2008. Ihre Überlegung, die Ausstellung losgelöst von der HfG zu präsentieren, haben sie verworfen: "Wir haben festgestellt, dass das Projekt zu sehr mit der Hochschule verknüpft ist, weshalb es auch in Zukunft weiterhin dort stattfinden wird", so Müller.

Oh Tannenbaum!

Termin: bis 19. Dezember 2010, im Lichthof der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe
http://www.ohtannenbaum.org/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de