Design /Basel - Designmesse

Pusteblumenleuchten und Gipsgebirge

Nachwuchstalente, Altbekanntes und exzellente Handwerkskunst – die Höhepunkte und spannendsten Entdeckungen der diesjährigen Design Miami/Basel.
Pusteblumenleuchten, Gipsgebirge und Schlafkojen:Die Design Miami/Basel 2009

Der Designer Nacho Carbonell bei der Installation seines "Treechair"

Der Tisch lockert seine Holzgelenke, geht in die Knie und holpert, angeschoben von seinem Erfinder, auf acht Beinen quer über den Stand der Galerie Priveekollektie aus Holland. Der Designer dieses insektenhaften Möbels (22 000 Euro) heißt Wouter Scheublin, ist Absolvent der Designakademie Eindhoven und die jüngste Entdeckung der Galerie.

"Wir zeigen die Generation nach Maarten Baas", sagt die Managerin. "Handwerkliches Können und Originalität sind uns dabei am wichtigsten. Wouter Scheublin perfektioniert beides." Die Maxime der Galerie, die zum ersten Mal in Basel ausstellt, überzeugte auch die Kunden: Am VIP-Eröffnungstag trug bereits ein Großteil der Exponate ein "Sold"-Schild.

Möglicherweise hat der clevere Schachzug von Messechefin Ambra Medda, die sich ungewöhnlich unscheinbar im blassrosa Kleidchen und in Ballerinas statt in High Heels durch die Champagner trinkende Menge schob, den Erfolg geschürt. Sie rückte mit 27 Galerien von der alten Markthalle am Hauptbahnhof in die geräumigere Halle 5 und damit in unmittelbare Nähe der Art Basel. Ein klarer Vorteil, denn rund 90 Prozent aller Designsammler, investieren auch in zeitgenössische Kunst.

Stärker denn je verteidigte die Carpenters Workshop Gallery aus London ihren Platz. Zahlreiche Editionsentwürfe auf den drei (!) Präsentationsflächen brannten sich ins Gedächtnis: Etwa die Wandleuchte "Fragile Furniture" vom Designteam "
"Drift" aus einem Kupferdrahtlabyrinth, bestückt mit Mini-Glühbirnen, die über und über mit Pusteblumensamen besetzt sind (9500 Euro). Oder die Bodenleuchte aus rauchgrauem Glas, die sich zu einer Wolke formiert. "Wir haben lauter Auftragsarbeiten vergeben, die alle erst kurz vor Messebeginn fertig waren", sagt Galeriemanagerin Joanna Needham. "Es war wie beim Geschenkeauspacken." Eine dieser Überraschungen ist der Catwalk durch ein Meer aus kopfgroßen, beweglichen Spiegeln. Wer zwischen ihnen hindurchflaniert, wird sofort angepeilt und tausendfach reflektiert. Für Introvertierte ist die Arbeit "Audience" des deutsch-britischen Designteams Random International ein Graus, für narzisstisch veranlagte Besucher das reinste Vergnügen.

Altbekanntes und exzellente Handwerkskunst

Enttäuschend dagegen ist die Debüt-Vorstellung von Rossana Orlandi. Die kleine Dame mit den untertassengroßen Brillengläsern, inszeniert zwar zuverlässig zur jährlichen Mailänder Möbelmesse Aufsehen erregende Designspektakel in ihren Fabriketagen, langweilt aber in Basel mit bekannten Variationen der Knetmöbel "Clay" von Maarten Baas. Auch Orlandis Sonderpräsentation der haarigen Gipsgebilde des Spaniers Nacho Carbonell, die sich in einem höhlenartigen "Fertility Cave" verknoten und einen "Paarungsakt seiner Ideen aufführen", sind auf einer Designmesse fehl am Platz.

Formlos sind auch die Kunststoffmassen, mit denen Atelier Van Lieshout zu häufig auf der Messe zu sehen ist, bei Vivid Gallery mit massigen Abdrücken menschlicher Körper, die sich als Barschrank entpuppten, vor der Halle, auf dem Rasenstück "Never-Ever Land", mit dem "Mini-Capsule-Hotel", einem Kubus mit kaninchenstallartigen Schlafkojen, die sechs Liebespaaren Platz zum Übernachteten bieten (95 000 Euro) und in der Koje der Carpenters Workshop Gallery mit neuen Paravents. Umso mehr fällt auf, dass viele Galerien auf exzellente Handwerkskunst setzen: Bei der Designers Gallery von Gabrielle Ammann aus Köln hat der indische Designer Satyendra Pakalé seine neue Chaise Longue aus Linde von einem Schreinermeister, der sonst Madonnenfiguren schnitzt, mit Tausenden kleiner Einkerbungen überziehen lassen (30 000 Euro, Siebener-Edition). Und der Münchner Gestalter Rolf Sachs, goss "Kevlar", ein Material, mit dem kugelsichere Westen gepolstert werden, zu halbtransparenten Stühlen und Tischen (89 000 Euro, acht Stühle und Tisch).

Solche Editionen und Auftragsarbeiten sind nach wie vor kostspielige Zugpferde der Design Miami/Basel und machen rund die Hälfte der Exponate aus. Die andere Hälfte sind Dauerfavoriten der Szene: jede Menge cognacfarbenes Leder von Poul Kjaerholm und Arne Jacobsen. Dazu Jean Prouvé, Charlotte Perriand, Jean Royère und Ron Arad bei Dansk Møbelkunst, Galerie Philippe Denys, Jousse Entreprise und Sebastian + Barquet.

"Wir zeigen die Wurzeln des Designs": prunkvolle Schlossmöbel sorgen für Aufsehen

Aus der Reihe tanzt die Galerie Perrin Antiquaires aus Paris, die von der Messe eingeladen war. Hier reibt man sich die Augen angesichts der prunkvollen Schlossmöbel aus dem 16. und 17. Jahrhundert wie ein sizilianisches Spiegelpaar aus Koralle, Emaille und Messing (1,8 Millionen Euro) und Louis XIV-Kommoden aus Schildpatt mit Bronzebeschlägen (2,5 Millionen Euro). "Es gibt immer mehr jüngere Sammler für diese Art Möbel", glaubt Perrin. "Wir zeigen die Wurzeln des Designs."

Drei der jüngsten Triebe im Designdschungel haben den aufwändig inszenierten "Designer of the Future Award" gewonnen: Peter Marigold, Raw-Edges und Tomás Gabzdil Libertiny übertreffen die Sieger des Vorjahres mit ihren Ideen. Am Überzeugendsten setzt das Paar Raw-Edges aus Tel Aviv die Vorgabe um, mit Reflektion und Gips zu arbeiten. Sie stapeln Gipsplatten zu einem Bergmassiv und verlegen grün-blau glänzendes Parket, in dem sich der Berg wie in einem See spiegelt. Sogar an Melkschemel haben sie gedacht, Hocker mit einem stabilen Sitz aus geflochtenem "Tyvek"-Kunststoff, der sich optisch von Papier nicht unterscheidet.

Die Quote der Nachwuchstalente ist hoch auf der Design Miami/Basel. Es ist das, was die Entdeckermesse von anderen Möbel- und Antiquitätenschauen unterscheidet und ihren Reiz ausmacht. Die pompöse Galerie Perrin soll das Niveau der Messe weiter anheben. Aber ein Ausflug in die Vergangenheit hätte angesichts der allesamt aufwändig inszenierten Nachbarstände – viele wirkten wie ein von Innenarchitekten gestyltes Pariser Loft – nicht sein müssen. Die Galerie Perrin funktioniert zwar als "conversation piece", aber sprengt das Konzept – und das Budget.

"Design Miami/Basel 2009"

Termin: bis 13. Juni, Messe Basel, Halle 5, Basel.
http://www.designmiami.com/

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