IMM Cologne - Köln

Darf man Mitleid mit Kühlschränken haben?

Eine Messe ohne Trends? Nein! art hat auf der Kölner Möbelmesse "IMM Cologne" gleich fünf Tendenzen ausgemacht: von der neuen Küche bis zum Alten China
Die Küche ist das neue Auto!:Trends der Möbelesse "IMM Cologne"

Noch ein Backofen oder schon eine Skulptur? Präsentation von High-Tech-Öfen auf der IMM Cologne

Seit Jahren wird beklagt, es gebe auf der Kölner Möbelmesse keine echten Trends mehr.

Angeblich werden die wirklich coolen, wegweisenden neuen Objekte immer nur in Mailand gezeigt, wo die Messe im April stattfindet. Diese habe wesentlich mehr Glamour. Köln sei eine Arbeitsmesse, die zwar ein paar Neuheiten, aber wenig Neuigkeiten liefere.

Wir wollten das nicht glauben und haben uns in den Deutzer Messehallen umgesehen. Und siehe da: Einen ganz großen Trend gibt es tatsächlich nicht, aber einige Minitrends sind uns dann doch aufgefallen. Los geht's: fünf kleine aber feine Design-News, frisch aus dem winterlichen Köln!

Die Moderne im Mixer

Die nuller Jahre waren die Zeit des Designklassikers. Erst wurden die Stühle, Sessel und Sofas von Charles Eames, Arne Jacobsen, Verner Panton und anderen großen Designern neu aufgelegt und in vielen Büchern, Artikeln und Ausstellungen als Ikonen der Moderne gefeiert. Dann wurden neue alte Designer entdeckt: Plötzlich hatten auch bis dahin unbekanntere Gestalter wie der Däne Finn Juhl (1912 bis 1989) das Zeug zum Klassiker. Diese postume Aufarbeitung (und Vermarktung) der klassischen Moderne scheint weitgehend abgeschlossen zu sein. Zwar gab es auch auf dieser Möbelmesse eine interessante Ausgrabung: Das Label E 15 präsentierte Möbel des deutschen Architekten Ferdinand Kramer (1898 bis 1985): klare Formen, nüchterne Eleganz. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die große Retrowelle vorbei ist. Stattdessen benutzen viele Designer die Formen der Moderne wie erlerntes Vokabular. Es gibt unendlich viele Variationen bekannter Entwürfe von Mies-Breuer-Eames-Jacobsen, Platoniker hätten ihre Freude daran, wie die gleichen Grundideen in immer neuer Gestalt erscheinen. Die Moderne im Mixer. In diesem Jahr war es besonders schick, Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) zu zitieren. Konstantin Grcic verwendete in seiner (ansonsten ziemlich langweiligen) Bank für den spanischen Hersteller BD Barcelona Design die gekreuzten Stuhlbeine des Barcelona Chair. Ein Sessel von Serralunga erinnert ebenfalls an das große Vorbild. Und die Chinesen in Halle 2 hatten ihre eigene Hommage an den Barcelona Chair… aber dazu kommen wir später.

Die Küche ist das neue Auto

Stühle, Sofas – gut und schön. Aber wer wirklich Innovationen sehen will, der geht in Halle 4 zu den Küchen. "Living Kitchen" heißt das boomende Segment der IMM, hier wird einem klar, dass die Küche als rein funktionaler Raum endgültig ausgedient hat. Es geht jetzt ums Erlebnis, nicht das des Essens, sondern das des Zubereitens. Der Kochtrend der letzten Jahre hat einen neuen Typus von Mann hervorgebracht: Den mit aufwändigem technischem Equipment und imponierender Informiertheit seine Familie oder Freunde bekochenden Gastgeber. Hersteller wie Bosch, Blanco, Neff oder Bauknecht haben in Köln riesige Techno-Parks angelegt, die dem Kochen dienen sollen. Es herrscht die Ästhetik der glatten Oberfläche: Stahl in allen Varianten und komplexe Technik mit Digitaldisplays. BASF demonstriert die Effizienz neu entwickelter Materialien an einer Art Sciencefiction-Kühlschrank, der den Namen "Coolpure 1.0" trägt. Darf man Mitleid mit Kühlschränken haben? Männer erklären einander die Funktionsweise von Backöfen mit einer Leidenschaft, die man früher allenfalls auf Sportwagen oder Motorräder verwandt hat. Kein Zweifel: Kochen ist das neue Auto. Man kann nur hoffe, dass die Lammkeulen, die aus diesen Anlagen herausholt werden, nicht nach gebürstetem Stahl schmecken.

Poesie gehört ins Museum

In den letzten Jahren war viel von Romantik die Rede. Gemeint war damit zum einen die Hinwendung zu poetischen bis kitschigen Motiven, die von Designern wie Hella Jongerius, Jaime Hayon oder Patricia Urquiola verwendet wurden. Vögelchen und andere Tiere waren plötzlich auf Möbeln und Vasen zu sehen, Ornament war plötzlich Trumpf, und die Formen vieler Objekte hätten auch gut ins Rokoko gepasst. Damit einher ging zum anderen aber auch eine Hinwendung zum Handwerk: Designer beschäftigen sich neuerdings wieder mit Töpfern, Glasblasen und Keramik, eine geradezu anti-industrielle Haltung hat sich verbreitet. Wer sich über diese Tendenzen einen Überblick verschaffen will, ist im Museum besser aufgehoben als auf der Messe. Das Museum für Angewandte Kunst Köln zeigt die Ausstellung "Isn't it romantic?" mit vielen Beispielen bildhaften und verspielten Designs. Auf der Messe hat die neue Romantik nur kleine Siege errungen. In den Kollektionen von Vitra oder E 15 ist der Zug zu früher tabuisierten Stilelementen wie goldenen Oberflächen und verspielten Motiven spürbar, aber im Ganzen bleibt die Möbelmesse auf streng modernem Kurs. Poesie gehört ins Museum.

Die Chinesen kommen!

Fast eine ganze Halle gehört in diesem Jahr den Chinesen. Hersteller aus dem Reich der Mitte demonstrieren Selbstbewusstsein, eine Firma hat sogar die Verbotene Stadt nachgebaut, um der eigenen Produktion eine kaiserliche Aura zu verleihen. Allgemein herrscht ja die Angst, dass die Chinesen die Europäer "überholen". Doch wer jetzt bang durch die Halle 2 schlich, konnte aufatmen: Innovatives Möbeldesign suchte man vergeblich. In China scheint man vor allem Wert auf Gemütlichkeit zu legen, riesige Sofas aus einem Übermaß an Kunstleder sind die Klassiker schlechthin. Im ornamentalen Bereich schwankt man zwischen der chinesischen Klassik, die man auch aus den hiesigen Restaurants kennt, und einer diffusen Orientierung an der westlichen Moderne. Eine Firma bot den Barcelona-Stuhl des Mies van der Rohe als ziemlich gute Kopie an; also scheint der Trend "Moderne im Mixer" auch in China eine Rolle zu spielen!

Lob des Kronleuchters

Zuletzt noch ein Mini-Mini-Trend. Der Kronleuchter scheint auch über 200 Jahre nach dem Ende des Feudalismus aus den europäischen Wohnträumen nicht verschwinden zu wollen. Die Mailänder Firma Kartell verteilt Prospekte, auf denen ihre super-klaren Kunststoffmöbel in üppigen, Versailles-artigen Settings zu sehen sind. Dazu passt, das Philippe Stark vor kurzem auch einen Kronleuchter gestaltet hat, den "Zenith Midnight Chandelier" für Baccarat. Allerdings hat der kleine Lampenschirme aus Jeans-Stoff. Man könnte sagen: ein ironischer Kronleuchter. Aber prächtig ist er doch.