Raban Ruddigkeit - Illustration und Kunst

Was fehlt, sind gute Ideen

Die vierte Ausgabe des Illustrationsjahrbuchs Freistil beweist Mut zur Reduktion und präsentiert nur schwarzweiße Illustrationen. art sprach mit Herausgeber Raban Ruddigkeit über den Beruf des Illustrators, die Stärken gezeichneter Bilder und die Zukunft der Illustration.
"Was fehlt, sind gute Ideen":Raban Ruddigkeit über deutsche Illustrationskultur

Felix Gephart: "Victory Cigarette", 2008, Illustration für George Orwell's Novelle 1984, rechts

Herr Ruddigkeit, das vierte "Freistil", Jahrbuch der Illustration, ist gerade erschienen. Warum ist es diesmal schwarzweiß?

Raban Ruddigkeit: In einer Welt, die immer mehr nach Bildern lechzt, wäre es nahe liegend, bunte Bilderkataloge zu machen. Aber es werden so viele bunte Illustrationen veröffentlicht, dass es uns gelangweilt hätte. Deshalb haben wir uns für eine radikale Form entschieden: Schwarzweiß. Es ist endlich mal wieder ein Buch, das diesen Namen verdient, weil es ein sehr haptisches Erlebnis ist. Außerdem verlangt die Abstraktion ins Schwarzweiße von einem Menschen wesentlich mehr an Imagination. Und Schwarzweiß ist ja die Geburt jeder Illustration, die mal als Skizze entstanden ist. Wer sich etwas Zeit nimmt, findet in diesem Buch immer neue Details und entdeckt alles, was zu Zeiten des Internets nur noch in Print stecken kann.

Sehen Sie etwa schwarz für den Beruf des Illustrators?

Ich sehe schwarz für den Beruf des Illustrators, wenn er versucht, nur das zu sein, was er seit 30 Jahren ist. Illustrationen gibt es mittlerweile auch in Bereichen wie Fashion, Pop oder Design. Es werden immer mehr Leute ausgebildet, doch die Arbeitsplätze in den klassischen Printmedien wie Zeitschriften, Magazine und Werbung werden weniger. Dem müssen sich Illustratoren zeitgemäß stellen. Ein Profi sollte in der Lage sein, eine Illustration innerhalb einer Stunde abzuliefern. Illustratoren müssen außerdem lernen, stärkere Ideen zu entwickeln und in Teams zu arbeiten. Ein Illustrator muss heute mit Medien wie dem Internet und Motiongrafics zurecht kommen und auch ein Animator sein.

Welchen Stellenwert hat Illustration in Deutschland?

Illustration wird hier stiefmütterlich behandelt, genau wie Mode und Pop. Dann kommt schnell der verklärte Blick über den großen Teich. Die USA sind ein riesiges Land, in dem es natürlich leichter ist, Talente zu finden. Aber die haben wir auch in Deutschland. Wir müssen dieses Eigene wieder finden, ein aus unserer eigenen Kultur geprägtes Verständnis für Illustration, welches durch den Krieg verloren gegangen ist. Aber da wird in der nächsten Zeit noch einiges kommen.

Kann man hierzulande vom Illustrieren leben?

Man kann davon leben, aber es sind nicht sehr viele, bei denen es funktioniert. Die Leute, die vom Illustrieren leben, arbeiten in verschiedenen Bereichen und machen auch Zeitungscartoons, Comics oder Verpackungsdesign. Da gibt es Möglichkeiten.

Sind Illustratoren denn auch Künstler?

Ein Illustrator, der seinen Job ernst nimmt, kann im besten Fall auch ein Künstler werden. Das ist toll, es klappt aber nicht immer. Nur weil jemand seine Sachen in eine Galerie hängt, ist er noch kein Künstler. Aber ab und zu passiert es, so wie es in der Fotografie ja auch passiert ist.

Sie selbst sind Grafiker, Illustrator und Verleger. Muss man als Kreativer heute ein Allrounder sein?

Ja, interdisziplinäres Arbeiten ist sehr wichtig. Ein Spezialist zu sein, lohnt sich kaum noch, und mir ist das auch zu langweilig. Für einen Illustrator gilt, wie bei jeder Form der kommunikativen Kunst, dass man über den eigenen Tellerrand blicken muss. Ich selbst habe zehn Jahre in der Gestaltung und zehn Jahre in der Werbung gearbeitet. Bei Gestaltung waren mir immer die Inhalte zu wenig und bei Werbung die Gestaltung. Jetzt verbinde ich beides. Die Bücher haben sich aus einem persönlichen Interesse ergeben. Für mich als Grafiker ist es interessant, eigene Produkte zu haben, um möglichst unabhängig von Dienstleistungen zu sein. Vielleicht komme ich so auch an den Punkt, an dem man sagen könnte, ich bin ein Künstler.

Bei Ihren Projekten dreht sich alles um Worte und Bilder. In welchem Verhältnis stehen sie zueinander?

Bei meiner Arbeit, bei der ich sowohl schreibe als auch Logos und Grafikdesign mache, habe ich festgestellt, dass ich bei beidem dasselbe tue: Es geht immer darum, Stories zu erzählen und das möglichst charmant und intelligent. Bilder und Worte unterscheiden sich für mich immer weniger. Bilder haben aber einen Vorteil: Kommunikation wird immer internationaler, und die Sprache der Bilder kann verschiedene Kulturen vereinen. Die Bildsprache wird in Zukunft viel mehr Funktionen gewinnen. Im Kommunikationsgewerbe muss man erkennen, dass es über Bilder eine viel größere Nähe gibt als über Worte.

Welchen Platz nimmt die Illustration dabei ein? Kann sie mehr als Texte unterstützen?

Das Wort "illustrieren" kommt von "illuminieren" und das bedeutet beleuchten. Es geht also darum, etwas zum Strahlen zu bringen. Mit einer Illustration kann ich ganz andere Emotionen ausdrücken und einen eigenen Blick rüberbringen. Das ist es, was mich an Illustration so fasziniert: Dass sie einen einfachen Sachverhalt so aufladen kann, dass man ihn von einer ganz neuen Seite sieht.

Was ist das besondere Potenzial der Illustration?

Bilder sind überall. Ich sehe ein und dasselbe Bild erst im Internet, dann in den Nachrichten und am nächsten Morgen in der Tageszeitung. Es reicht, das Bild einmal zu sehen, um die Geschichte zu verstehen. Fotos haben den Vorteil, die Realität abzubilden, aber genau das ist auch ihr Nachteil. Sie sind auf Dauer langweilig, und da kann die Illustration einspringen. Man könnte meinen, von so vielen Bildern würde man irgendwann satt. Das Gegenteil ist aber der Fall. Je mehr Bilder die Leute sehen, desto hungriger werden sie danach. Da muss ein Bild schon stark überraschen, um anzukommen, und dafür braucht man eine tolle Idee und eine gute Umsetzung. Und das kann Illustration oft besser.

Was können Illustratoren machen, um die Illustrationskultur hierzulande voranzutreiben?

Wir haben in den letzten Jahren einen handwerklichen Schub erlebt. Es gibt sehr viele tolle Arten der Umsetzung. Woran es mangelt, sind die guten Ideen. Es fehlt der Mumm, freche, radikale, böse, emotionale Ideen zu haben und auch umzusetzen. Vieles von dem, was man zurzeit sieht, ist reine Oberfläche. Eine Illustration fängt dann an stark zu sein, wenn eine gute Idee dahinter steckt. Dazu gehört eine gute Ausbildung, dazu gehört aber vor allem auch eine ganze Menge Mut beim Einzelnen.

Was macht eine gute Illustration also aus?

Drei Dinge: eine gute Idee, eine gute Umsetzung, und der richtige Zeitpunkt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Obama-Illustration von Shepard Fairey. Der hat im richtigen Moment das richtige Thema handwerklich gut umgesetzt. Eigentlich nur das Porträt eines Präsidenten. Trotzdem hat sich dieses Motiv derart ins kollektive Gedächtnis eingeprägt, dass es im besten Sinne Popkultur ist. Das ist ein gutes Beispiel dafür, was Illustration alles kann: Der Hype, die Feier, der Kampf, die Hoffnung, all das, was in dieser Zeit wichtig war, ist zu sehen. Dabei war es nur für ein Zeitschriftencover gedacht, und hat sich derart verselbstständigt.

"Freistil Black, Jahrbuch der Illustration"

Herausgegeben von Raban Ruddigkeit, 460 Seiten mit über 1.000 Schwarz-Weiß-Illustrationen, gedruckt in 4c plus Schwarz plus Lack, Format 17,4 x 24 cm, 39,80 Euro, Verlag Hermann Schmidt Mainz. Freistil auf dem ADC-festival 2009: 22. bis 26. April, Berlin; Freitag, 24. April, 14 Uhr: Vortrag von Uli Knörzer und Raban Ruddigkeit, Ort: Kosmos, Karl-Marx-Allee 131, 10243 Berlin
http://www.typografie.de/Unsere-Buecher/Grafikdesign/Raban-Ruddigkeit-Hrsg/Freistil-Black::825.html

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