Alvar Aalto - Weil am Rhein

Die perfekte Welle

Er gilt als Vetreter der "humanen" Moderne und versuchte mit seinen Objekten und Gebäuden den Lebenswert der Bewohner anzuheben. Die Retrospektive im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein macht neue Inspirationsquellen für das lebendige Werk des finnischen Architekten und Designers Alvar Aalto aus.

Ob überhaupt eine Ähnlichkeit besteht zwischen Alvar Aaltos berühmter Savoy-Vase und der Lederhose einer Eskimofrau? Der finnische Architekt und Designer (1898 bis 1976) reichte den Entwurf für das markant geschwungene Glasobjekt jedenfalls 1937 zu einem Wettbewerb unter dem Namen "Eskimoerindens Skinnbuxa" ein.

Vielleicht standen aber auch, wie oft vermutet, ein See oder der finnische Küstenstreifen bei der Formfindung Pate. Und das Vitra-Design-Museum, das diesem Vertreter einer "humanen" Moderne nun eine große Retrospektive ausrichtet, bietet schließlich noch eine weitere mögliche Inspirationsquelle an: Demnach sollen Aaltos so organisch kurvige Bauten, Möbel und Haushaltswaren zwar durch die Natur beeinflusst gewesen sein, mindestens ebenso sehr aber durch die Auseinandersetzung mit der Kunst seiner Zeitgenossen.

Alvar Aaltos Architekturen und Gebrauchsobjekte sind für ihre lebensfreundlichen Wellenformen, warmen Farben und viel Holz bekannt. Schon mit seinem1933 in Paimio gebauten Sanatorium verfolgte er den Anspruch, gestalterisch sein Teil zum Heilungsprozess beizutragen. Auf einem seiner bekanntesten Stühle, dem "Paimio Armlehnsessel Nr. 41", den das von Alvar und seiner Frau Aino Aalto mitgegründete Unternehmen Artek bis heute produziert und vertreibt, saßen ursprünglich Tuberkulosepatienten.

Rund 500 Gebäude hat Aalto, dessen Name auf finnisch kurioserweise "Welle" bedeutet, entworfen. 300 davon wurden international gebaut, darunter auch ein Wohnblock im Berliner Hansaviertel (1955/57), ein Kulturzentrum (1958/62) und die Heilig-Geist-Kirche (1960/63) in Wolfsburg und das erst zwölf Jahre nach seinem Tod nach seinen Plänen realisierte Aalto-Theater in Essen. Der Künstler Armin Linke hat für die Ausstellung die wichtigsten Bauten noch einmal neu fotografiert. Sie stehen in Weil am Rhein zum Vergleich Kunst von Fernand Léger, Alexander Calder oder Jean Arp gegenüber.

Aalto baute nicht nur, sondern verstand sich als alles orchestrierenden "Kapellmeister" und gestaltete seine Bauten in diesem Sinne zum Teil bis in die Türklinke aus. So ist zum Beispiel die Savoy-Vase erst als solche bekannt, seit er mit ihr alle Tische des von ihm entworfenen, gleichnamigen Restaurants in Helsinki bestückte. Bis heute wird das Design in angeblicher Lederbuxenkontur in allen möglichen Farben, Größen, Materialien und Ausführungen bis hin zum Windlicht und Schneidebrettchen vertrieben. Woher er die Form nahm, ließ Aalto am Ende ebenso offen wie die eigentliche Verwendung des Glasobjekts: So könne man es als Vase, Tablett, Obstschale oder auch als Kaktusgarten nutzen.

Alvar Aalto. Second Nature

bis 1. März 2015, Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein

Der Katalog erscheint im Eigenverlag des Museums und kostet 69,90 Euro.

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http://www.design-museum.de/de/ausstellungen/detailseiten/aalto.html