Mateo Kries - Interview

Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft

Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, übergibt ab 2011 die operative Führung an Mateo Kries, verantwortlich für die Inhalte, und Marc Zehntner, verantwortlich für das Management. art fragte Mateo Kries, was sich in Weil am Rhein nun ändern wird.
Mehr Diskurs im Design:Mateo Kries und das Vitra Design Museum

Mateo Kries: der neue Leiter und ehemalige Chefkurator des Vitra Design Museums in Weil am Rhein

Vom Chefkurator zum Leiter des Vitra Design Museums – was bedeutet das für Sie?

Ich bin seit 15 Jahren im Vitra Design Museum und war schon in den letzten Jahren stark in die Programmgestaltung involviert – deshalb habe ich miterlebt, wie das Museum gewachsen ist und wie unsere Aktivitäten immer internationaler und komplexer geworden sind.

Als Chefkurator war ich vor allem für die Ausstellungen des Museums verantwortlich, nun rücken natürlich auch die vielen anderen Facetten unseres Hauses in den Blickpunkt, von den museumspädagogischen Aktivitäten und Events bis hin zu den Tourneen unserer Wanderausstellungen.
Unsere Museumssammlung ist inzwischen eine der größten zum Thema des industriellen Möbeldesigns, und wir machen uns verstärkt Gedanken darüber, wie wir diese Sammlung in den nächsten Jahren stärker erschließen können, ohne dass wir ihren Erhalt gefährden. Digitale Medien sind eine Option, wir denken über eine neue Website nach, die die Sammlung auch online erschließt.
Ein wichtiger Aufgabenbereich ist aber auch die Restauration. Zum Beispiel hat sich erst in den letzten Jahren gezeigt, welche Halbwertszeiten die Kunststoffe haben, die in den sechsiger und siebziger Jahren verwendet wurden. In den letzten Jahren setzte auf einmal ein beschleunigter Zersetzungsprozess bestimmter Kunststoffe ein, deren Langzeitverhalten man, als sie verwendet wurden, noch gar nicht kannte.

Was werden wir an Ausstellungen erwarten können?

Die großen Ausstellungen über bestimmte Figuren der Designgeschichte wird es weiterhin geben. Durch Ausstellungen wie über Le Corbusier ist unser Museum schließlich groß geworden und hat auch ein breites Publikum für Fragen des Designs und der Architektur erreicht.
Ende 2012 soll eine große Ausstellung über den Architekten Louis Kahn eröffnet werden. Themenausstellungen sind auch geplant, etwa zum Verhältnis von Kunst und Design in der Pop Art. Aber sicher werden wir uns stärker auch mit aktuellen Themen befassen.
So würde es mich interessieren, demnächst einen Rückblick auf das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu wagen. Schließlich war das auch im Design eine verrückte Zeit, mit ihren zwei einschneidenden Krisen, mit völlig gegenläufigen Tendenzen im Design, von der experimentellen Nutzung neuer Technologien bis hin zu den Fragen der Nachhaltigkeit und der Verantwortung.
Natürlich beobachten wir auch, welche Designer heute Maßstäbe setzen, auch mit denen werden wir Ausstellungen realisieren.
Dann würde mich auch eine Ausstellung über Design in Afrika reizen, die sich jenseits der Klischees von Recycling und reiner Überlebenssicherung bewegt. Dort tritt heute, ebenso wie in Asien, eine Generation neuer Designer auf den Plan, die es Wert wäre, im Museum gezeigt zu werden. Das Verhältnis von Ernährungsfragen und Design wäre ein anderes interessantes Feld.
In diesem Thema bündeln sich viele der Widersprüche unserer Zeit. Einerseits wird Nahrung heute von Designern, Starköchen und Großkonzernen unter Gestaltungsaspekten betrachtet, denken Sie nur an Schlagworte wie „Functional Food“, „Convenience Food“ oder "Food Design". Anderseits stellen sich hier jenseits aller Trends existenzielle Fragen: Wie schafft man es in der Zukunft, die stark wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Und wie schafft man es, solche Themen in ein Museum zu bringen?

Wir denken auch darüber nach, wie wir die bisherigen Ausstellungsformate weiterentwickeln können. Bisher waren Designausstellungen oft entweder klassische Retrospektiven oder komplexe Themenausstellungen.
In der Kunst ist hier in den letzten Jahren viel in Bewegung geraten, man hat viele neue Ausstellungsformate erprobt, und das wünsche ich mir auch für den Bereich Design.
Zum Beispiel könnte man bestimmte Themen aus der Perspektive eines Designers beleuchten, eine Gruppe von Protagonisten zu einem Thema zusammenbringen, oder Ausstellungen als Dialog zwischen einem Designer und einem Gestalter aus einer anderen Disziplin anlegen.
Und schließlich haben wir ja noch unsere Sammlung, die für neue Projekte immer wieder Inspiration bietet. So haben wir in den letzten Jahren eine große Leuchtenausstellung aufgebaut, mit der wir gerne ein Projekt zum Thema Licht machen würden. Und auch den Nachlass des amerikanischen Designers Alexander Girard, der sich bei uns befindet, könnten wir irgendwann in einer Ausstellung präsentieren. Die Möglichkeiten, Designausstellungen zu konzipieren, sind jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft.

In Ihrem Buch „Total Design“ fordern Sie, das Thema Design stärker in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Wie kann ein Museum dazu einen Beitrag leisten?

Zum einen natürlich durch die Konzeption unserer Ausstellungen. Indem wir bei Themen auswählen, die gesellschaftliche Relevanz besitzen und über die reinen Trends hinausblicken.
Wir als Museum haben schließlich die Verantwortung, Ausstellungen zu machen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was bei der Möbelmesse in Mailand oder in Köln zu sehen ist, und was man in den Medien täglich an Neuerungen sieht. Und dann gibt es ja auch noch die vielen anderen Aktivitäten, mit denen wir unsere Themen vertiefen können, etwa Vorträge, Symposien, Workshops oder Führungen.
Wir machen schon jetzt immer mehr Rahmenveranstaltungen zu unseren Ausstellungen.
Das ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil neben unserem Museum dieses Jahr das VitraHaus eröffnet wurde, das die Besucherzahlen weiter in die Höhe getrieben hat, sodass wir auch abends mehr und mehr Gäste zu Veranstaltungen anziehen. Und bei unseren Workshops können sich unsere Besucher auf einer ganz praktischen Ebene mit Design auseinandersetzen.
Auch denken wir darüber nach, vermehrt andere Ausstellungsorte neben dem Gehry-Gebäude auf dem Vitra Campus zu nutzen, etwa das Kuppelzelt von Richard Buckminster Fuller oder das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid. Mit diesem Angebot sind wir in der Zukunft durchaus in der Lage, uns auf sehr anspruchsvolle Weise mit Design auseinanderzusetzen.

Werden Sie denn die Finger vom Kuratieren lassen können?

Das wird nicht leicht! Ich werde auch in Zukunft eng mit den Kuratoren der Ausstellungen zusammenarbeiten, und sofern es meine Zeit zulässt, werde ich bei dem einen oder anderen Projekt auch als Kurator agieren.

Vitra Design Museum

Aktuelle Ausstellung: "Frank O. Gehry seit 1997", bis 13. März 2011; Das Buch "Total Design" von Mateo Kries ist in diesem Jahr im Nicolai Verlag erschienen
http://www.design-museum.de/
info@design-museum.de